Schon am frühen Morgen: Jubel, Trubel, Heiterkeit auf dem Festgelände rund um das Brandenburger Tor. Am Zugang in der Ebertstraße stauen sich kurz nach 9 Uhr Hunderte Menschen. Sie warten auf Taschenkontrollen und den Einlass.
Brüder eines englischen Franziskanerordens.
© camcop media / Andreas Klug
„Wir haben den Dienst um acht Uhr angetreten, schon um diese Zeit warteten unzählige Leute am Zaun“, sagt einer der Ordner dem KURIER. Die, die es geschafft hatten, feierten auf der Straße des 17. Juni. 2016 grölten hier Fußballfans, jetzt ging’s um Religion – und den lange erwarteten Auftritt von Ex-US-Präsident Obama.
Valerie Eberle ist deshalb hier – die 21-Jährige reiste nur für den Kirchentag aus Graz in Österreich an. „Ich war 14 Stunden unterwegs“, sagte sie. Und sie kam nicht allein. Im Gepäck: ein Teddy, den sie vor vier Jahren beim Christen-Event in Hamburg kaufte.
„Er kommt seitdem zu allen Veranstaltungen mit.“ Für Valerie ist es nicht der Glaube, der sie zum Kirchentag zieht. „Der spielt für mich nur zu einem gewissen Grad eine Rolle. Man muss Sinn für Gemeinschaft und Toleranz gegenüber anderen pflegen.“
Valerie Eberle ist mit ihrem Teddy aus dem österreichischen Graz angereist. „Glaube spielt für mich nur zu einem gewissen Grad eine Rolle. Man muss Sinn für Gemeinschaft und Toleranz pflegen.“
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Wie Valerie geht es vielen – der Tag scheint mehr Event als religiöses Bekenntnis zu sein. „Ich glaube nicht an Gott, aber die Werte, die die Religion vermittelt, sind wichtig“, sagt beispielsweise Jonas Weitsch (15). „Nächstenliebe und Offenheit für andere Menschen gehören auch zu meinem Leben.“
Gemeinsam mit Dominik Jost (16) verkauft er nahe des Tores Kirchentags-Schals für vier Euro. „Allein Donnerstag gingen um die 700 Stück weg. Wir merken, dass vor allem jungen Menschen hergekommen sind.“
Drei davon sind Jendrik Ehlers (14), Lina Buschardt (17) und Jan Zurawski (19) – sie haben sich als Einhörner verkleidet, sorgen auch mit ihren Gratis-Umarmungen für Fanmeilen-Charme. „Wir wollen mit unseren Kostümen dagegen protestieren, dass Einhörnher als einzige Tiere nicht mit auf die Arche genommen wurden“, sagt Zurawski.
Auch Religion muss eben nicht ernst sein. Während die einen gebannt dem Gespräch von Merkel und Obama lauschen (lesen Sie dazu die Seiten 6, 7 u. 20), machen sich andere auf den Weg zu den anderen Ecken der Stadt.
Denn überall wird Gott gefeiert – insgesamt sprachen die Organisatoren im Vorfeld von 2100 einzelnen Veranstaltungen. Den 100.000 Dauer- und 45.000 Tagesgästen aus über 100 Nationen sollte etwas geboten werden.
Die Masse der Besucher ist deutlich zu spüren: An den Bahnhöfen, auf den Straßen – überall trifft der KURIER Kirchentagsbesucher, die meisten tragen als Zeichen den Schal in leuchtendem Orange.
Hündin Nala spazierte nahe des Hauptbahnhofes über eine Brücke – mit eigenem Kirchentags-Schal und mit Frauchen Birgit Casper (49).
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Sogar Hündin Nala. Sie spaziert mit Frauen Birgit Casper (49) nahe des Hauptbahnhofes über eine Brücke. „Nala bekam ihren Schal beim Eröffnungsgottesdienst von einem Helfer geschenkt“, sagt sie. Trotz weiter Anreise aus Leverkusen ist die Teilnahme für Casper selbstverständlich. „Religion hat für mich eine große Bedeutung – der Glaube gibt mir in schweren Zeiten viel Kraft.“
Der zweite Schauplatz des Christen-Events ist das Messegelände – bis zur Mittagszeit herrschte dort am Donnerstag aber wegen des Obama-Besuches Ruhe. Vor dem Südeingang entspannten sich die Besucher am künstlichen Strand.
Traurig: Diese beiden „lebenden Statuen“ kamen nicht zur Arbeit.
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Torben Bremm genießt in einem der hier aufgestellten Strandkörbe die Ruhe vor dem Sturm. Am Rucksack baumeln die Erinnerungen der letzten Kirchentage – der 21-Jährige ist Dauergast. „Ich mag das Gemeinschaftsgefühl, das Miteinander“, sagt er. Ruhig geht’s auch im Park auf dem Messegeländes zu. Eine Band spielt Pop mit religiösen Texten – für Nicht-Gläubige gewöhnungsbedürftig –, am Rand warten Buden mit Leckereien zu unchristlichen Preisen.
Und mittendrin: Regina (55) und Manfred Korinth (56). Sie sind von weitem zu erkennen, beide sind komplett in Orange gekleidet, der Farbe des Kirchentages, Manfred hat sich sogar die Haare gefärbt. „Wir sind große Fans des Events, sind seit Jahren dabei“, sagt er. „Wir treffen uns mit Freunden, nutzen die Gelegenheit für viele inspirierende Gespräche.“
Regina und Manfred Korinth kamen komplett in Orange zum Messegelände.
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In den Messehallen selbst präsentieren sich allerlei Glaubens-Gruppierungen. „Berlin hat ein tolles Event organisiert“, sagt Micael Christoffer (40). Er gehört einem englischen Franziskaner-Orden an, der erstmals für eine Veranstaltung nach Deutschland reiste. „Wir haben weltweit etwa 3000 Mitglieder, sind verglichen mit anderen christlichen Gruppierungen sehr klein“, sagt er.
Auch negative Töne gibt es hier an vielen Ecken – zum Beispiel am Stand der „Hilfsaktion Märtyrerkirche“. Hier steht Dedo Raatz (52) – eingesperrt in einen Käfig! „Ich bin Christ“, steht vorn auf seinem T-Shirt. Und hinten: „Dieses Bekenntnis ist in vielen Ländern der Welt lebensgefährlich.“
Raatz will damit auf die weltweite Verfolgung von Christen aufmerksam machen. „In Deutschland sprechen viele nicht über ihre Religion, weil sie Angst haben, ausgelacht zu werden. In anderen Ländern geben die Menschen dafür ihr Leben.“
Dedo Raatz (52) ließ sich auf dem Messegelände in einen Käfig einsperren, um auf die weltweite Verfolgung von Christen aufmerksam zu machen.
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Trotz ernster Töne blieb die Stimmung positiv. Und so wird sie hoffentlich bis zum Ende des Events bleiben. Der große Höhepunkt ist ein Festgottesdienst in Wittenberg, am Sonntag fahren ab 4 Uhr morgens Shuttle-Züge ab Südkreuz.
Dann wird die Stadt wieder leerer – und auch die Herrschaften, die Donnerstag traurig am Rand der Feiermeile am Brandenburger Tor auf einer Parkbank saßen, können wieder lächeln. Eigentlich sollten sie, gekleidet in historischen Kostümen, als lebendige Statuen auf dem Pariser Platz stehen. „Aber heute ist alles abgesperrt, wir kamen nicht zu unserem Arbeitsplatz“, sagen sie. Auch am Kirchentag war also nicht jeder mit Gottes Hilfe gesegnet.
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