Rund 370000 überschuldete Berliner
Schuldenanteil in Prozent, 2018.
© Creditreform
Sollte dies über einen längeren Zeitraum geschehen, sprechen Fachleute von Überschuldung. Die Betroffenen können sich nicht mehr ohne Hilfe aus der Spirale befreien. Am Ende steht oft die Privatinsolvenz. In einem solchen Strudel befanden sich im jetzt zu Ende gehenden Jahr rund 370 000 Berliner – das entspricht einer Quote von 12,42 Prozent der über 18-jährigen, also kreditfähigen Hauptstädter.
Das bedeutet, dass jeder Achte überschuldet ist. Bundesweit liegt die sogenannte Schuldnerquote bei 10,04 Prozent. Diese Daten gehen aus dem Schuldner-Atlas hervor, den am Dienstag Creditreform vorgelegt hat. Das ist eine Unternehmensgruppe, die sowohl als Wirtschaftsauskunftei als auch als Inkassodienstleister agiert. Rund 200 000 Fälle, in denen Berliner Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlt haben, bearbeitet Creditreform jedes Jahr: Das auf diese Weise gesammelte Datenmaterial ist gewaltig, wird Jahr für Jahr aktualisiert und dient als Grundlage für den Atlas.
Bremen vorn, Bayern hinten
Jeder zehnte Deutsche gilt als überschuldet. Am höchsten ist die Quote in Bremen, Berlin folgt auf Platz 3. Prozentual die wenigsten Schuldner leben in Baden-Württemberg und Bayern. Die durchschnittliche Schuldensumme liegt in Deutschland bei rund 30 000 Euro pro Schuldenfall. Das Gros sind jedoch Leute mit Schulden über 5000 bis 10000 Euro.
Die Daten belegen, dass Berlin zwar noch eine vergleichsweise hohe Quote an Überschuldeten hat (Rang 3 hinter Spitzenreiter Bremen und Sachsen-Anhalt), diese Quote aber seit Jahren leicht sinkt. Sinkende Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Aufschwung in einer wachsenden Stadt, die oft gut ausgebildete Menschen aus aller Welt anzieht, führt zu einem Rückgang der Schuldnerquote um 0,7 Prozentpunkte seit 2013. Das sagt aber nichts über die absolute Anzahl überschuldeter Berliner aus. Diese liegt stabil bei rund 370 000.
"Wir müssen die Finanzkompetenz der Menschen aufbauen"
Hohe Schuldenquote im Ortsteil Falkenhagener Feld in Spandau.
© imago/Rolf Zöllner
Heruntergebrochen auf die Berliner Bezirke ergibt sich, dass in Spandau prozentual die meisten überschuldeten Menschen wohnen (15,86 Prozent). Ähnlich hoch ist die Quote in Neukölln (15,55 Prozent) und Marzahn-Hellersdorf (15,19 Prozent) – am geringsten ist sie in Steglitz-Zehlendorf (7,98 Prozent), gefolgt von Pankow (9,62 Prozent). Prinzipiell gilt: Je ungünstiger die Sozialstruktur eines Kiezes oder Bezirks, desto höher ist die Schuldenquote – je ärmer, desto verschuldeter.
Nach Ansicht von Jochen Wolfram, geschäftsführender Gesellschafter von Creditreform, sind steigende Mieten und Energiekosten Hauptursachen für Überschuldung. So lange sich an dieser Entwicklung nichts ändere, bleibe die Schuldenfalle eine permanente Bedrohung. „Ein sicherer Arbeitsplatz ist eine Grundvoraussetzung für eine schuldenfreie Lebenszeit, aber keine Garantie“, sagt Wolfram.
Langfristig gebe es aus seiner Sicht ohnehin nur zwei Maßnahmen, die Abhilfe schaffen könnten. „Wir müssen die Finanzkompetenz der Menschen aufbauen“, sagt Wolfram und sieht darin einen Auftrag an das Bildungssystem. Außerdem müssten Insolvenz- und Schuldnerberatungen gestärkt und ausgebaut werden, sagt Wolfram. Solche Angebote gibt es in allen zwölf Bezirken.
Einen Überblick über die Angebote gibt es im Internet zum Beispiel unter: www.schuldnerberatung-berlin.de
Bei seinem Plädoyer hat der Schuldeneintreiber Wolfram durchaus auch seine Kunden im Blick, die Gläubiger. Denn nur mit Hilfe in langwierigen Beratungen ausgetüftelter Tilgungspläne kämen Gläubiger überhaupt wenigstens an Teile ihrer Forderungen. „Ansonsten heißt es häufig einfach: Hier ist nichts zu holen“, sagt Wolfram.
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