Kiez der Sünde

Mord auf dem Kurfürstenstrich: Der Killer kam um Mitternacht

Nachts wird die Meile besonders gefährlich. Ein Freier schrieb Kriminalgeschichte

Rolf Kremming
Lesezeit 7 Min
Nachts ist es für Prostituierte auf dem Strich besonders gefährlich.

Nachts ist es für Prostituierte auf dem Strich besonders gefährlich.

© imago

Ramona C. überlebte die Attacke des Killers knapp.

Ramona C. überlebte die Attacke des Killers knapp.

© Berliner KURIER

Laut Anklage hat Hautarzt Stefan Sch. ihr zehnmal mit einem Hammer auf dem Kopf geschlagen und anschließend 16 Mal mit einem Messer auf sie eingestochen. Sie schrie. Niemand hörte sie. Sie bat um Gnade. Er stach weiter zu. Als er sich dabei am Finger verletzte, schlug Ramona C. vor, zu ihm nach Hause zu fahren und die Wunde zu verbinden. Doch Stefan Sch. nutzte die Gelegenheit und quälte das Opfer in seiner Wohnung weiter. Danach stieß er sie vor dem Urbankrankenhaus aus seinem Wagen.

Wenige Wochen zuvor hatte der Arzt eine junge Prostituierte ermordet, zersägt und zerstückelt und drei weitere Mordversuche begangen. Das Urteil des Landgerichts: Lebenslänglich.

Albträume: Sechs Stunden mit Hammer und Messer gequält

Während der Täter weggesperrt war, erlebte die junge Frau die Tat in ihren Träumen immer wieder. Ramona C. schrieb ihrem Peiniger einen Brief. „Hallo Herr Sch. Wieder bin ich heute Nacht durch Alpträume aus dem Schlaf geschreckt und denke über das Geschehene nach. Über die sechs langen Stunden im Auto, in denen Sie mich mit Hammer und Messer gequält und mein Leben zerstört haben ... warum haben Sie mir das alles angetan? Welche Gründe hatten Sie, mich zu zerstören? Zu den seelischen Qualen, den Alpträumen und den Schweißausbrüchen kommt auch noch die finanzielle Unsicherheit ... finden Sie es gut, dass ich so leben muss? Wenn es Ihre Gesundheit zulässt, würde ich Sie gerne besuchen und Ihnen persönlich meine Fragen stellen. Bitte antworten Sie mir ... Ramona C.“ Doch Ramona wartete vergeblich.

Wer zu fremden Männern ins Auto steigt, muss mit allem rechnen. Das weiß jede Frau vom Straßenstrich. Aber jede denkt: Mir passiert schon nichts. Stephan Strehlow kennt sich in der Prostitutionsszene aus. Der 55-Jährige leitet das Dezernat für Rocker- und Rotlichtkriminalität und Menschenhandel beim LKA Berlin.

Streetworker Gerhard Schönborn

Streetworker Gerhard Schönborn

© Rolf Kremming

„Je nach Wetterlage und Urlaubszeit schaffen etwa 100 Frauen über Tag und Nacht verteilt auf der Kurfürstenstraße und Umgebung an. Prostitution ist nicht verboten und es gibt in Berlin auch kein Sperrgebiet“, erklärt der Kriminaldirektor. Regelmäßig sind seine Mitarbeiter in der Szene unterwegs. „Sie sprechen mit den Frauen, geben ihnen unsere Telefonnummer und bieten Hilfe an. Doch oft vergeblich. Nicht wenige Frauen leben in sozialer Abhängigkeit von Begleitern unterschiedlicher Art. Die Druckmittel sind vielfältig, unter anderem ihre Kinder, die in den Heimatländern leben. Die Mütter haben Angst, dass man ihren etwas antut. Oftmals schämen sie sich für das, was sie hier tun. Oder sie sind erpressbar, weil sie diese Art der Arbeit in der Heimat verschwiegen haben.“

LKA-Ermittler Stephan Strehlow

LKA-Ermittler Stephan Strehlow

© Oberst

Stephan Strehlow schweigt einen Moment und blättert in den Akten. „Die Frauen werden häufig unter falschen Versprechungen hergelockt. Angeblich sollen sie als Kellnerin oder Pflegekraft arbeiten. Doch sind sie erst mal hier, werden ihnen Pass und Handy abgenommen. Schließlich landen sie im Bordell oder auf der Straße. Mehrmals wurden auch schon Frauen von Zuhältern entführt und zum Anschaffen in andere Städte gebracht.“ 

Die Spezialisten vom LKA wissen auch, dass viele Frauen nach jedem körperlichen Einsatz ihr Geld Männern übergeben. „Stellen wir Fragen, kriegen wir oft zu hören: Das ist mein Freund, der für mich das Geld aufbewahrt“, erklärt Stephan Strehlow.

LKA hilft Betroffenen beim Ausstieg aus dem Milieu

Er und sein Team freuen sich über jede Frau, die es mit ihrer Hilfe aus dem Sumpf herausgeschafft. Dazu bieten auch verschiedene Beratungsstellen ihre Unterstützung an. Ihre Arbeit ist vertraulich und nur wenn die Betroffenen wollen, arbeitet das LKA mit ihnen zusammen.

Auch uniformierte Kollegen sind im Kiez unterwegs. Polizeirat Dominique Freund vom Abschnitt 41 und seine Leute haben einen guten Überblick im Rotlichtkiez. Auch sein Kollege Claus Schreiber vom Abschnitt 34 ist mit Kolleginnen und Kollegen unterwegs. Der 53-jährige Erste Polizeihauptkommissar ist „gefühlte“ Jahrzehnte im Milieu tätig und kaum etwas ist ihm fremd. 

Früher schafften hier nur deutsche Frauen an

Er erzählt, dass früher fast nur deutsche Frauen hier anschafften. Heute sieht er fast nur noch Südeuropäerinnen, die teilweise recht aggressiv für ihre Dienste werben. Immer wieder rufen Anwohner an, weil Prostituierte Sex vor Schulen und Kitas anbieten. Dann sorgt die Polizei dafür, dass diese Plätze prostitutionsfrei bleiben. 

Allerdings herrscht bei den Frauen eine rege Rotation und oft stehen vier Wochen später wieder andere Frauen da und alles geht von vorne los.

Angelika Schöttler (56), SPD-Bürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, kennt diese Schwierigkeiten ebenfalls. „Es ist ein Stück Schöneberger Normalität. Bunt und vielfältig, ein guter Mix. Den Strich verbieten hieße, ihn nur zu verlagern. Und das bringt nichts. Deshalb versuchen wir, die Sichtweisen der Prostituierten, der Anwohner und auch den Freiersuchverkehr unter einen Hut zu bringen.“

Auch für die Huren gibt es klare Regeln

Ihr Plan: Aufstellen von Verrichtungsboxen. Aber keine, in denen man mit dem Auto hinein fährt, so viel Platz steht nicht zur Verfügung. „Ich bin auch schon mehrmals abends durch die Kurfürstenstraße gelaufen und habe mich umgeschaut und auch persönlich mit einigen Frauen gesprochen. Eine der Aufgaben ist es, ihnen klar zu machen, dass es bei uns Regeln gibt. Sie können zum Beispiel nicht halbnackt rumlaufen oder durch lautes Reden die Nachtruhe der Anwohner stören.“ 

Verbote alleine sind allerdings nicht ausreichend, weiß die Bürgermeisterin. „Wir müssen die Frauen überzeugen. Das klappt auch, wenn nicht gerade kontrolliert wird. Das gilt auch für die, die zunächst stur bleiben und sagen: Geh weg, ich muss hier Geld verdienen. Doch da bleiben auch wir hartnäckig.“

Als ich mit Gerhard Schönborn auf „Streife“ ging, war ich erstaunt, wie beliebt der Streetworker auf der Meile ist. Die einen rufen ihn „Gerry“, andere nennen ihn Papa. Für alle ist er ein Freund, jemand, der sich für sie und ihr Leben interessiert. „Seit 15 Jahren laufe ich durch den Kiez, davon seit elf Jahren für den Verein ,Neustart’. In unserem Kontaktcafé bieten wir den Frauen Kaffee, warme Suppen und unsere Hilfe an.“ Schönborn kennt den Kiez wie kaum ein Zweiter. Er ist im Elend unterwegs, da, wo mehr als 100 Frauen ihren Körper gegen Bares anbieten, und wo Zuhälter die Mädchen ausbeuten. „Die ungarischen Zuhälter sind die schlimmsten“, erzählt Schönborn und ich spüre seine Wut.

„Ich habe schwangere Ungarinnen gesehen, die solange anschaffen mussten, bis die Wehen einsetzten. Glauben Sie im ernst, dass eine Frau das freiwillig macht? Sie sind laufende Geldmaschinen und keiner der Zuhälter will auf seine lukrativen Einnahmen verzichten.“ 

Für ihn und seine Kolleginnen ist es wichtig, dass es im Kontaktcafe gemütlich ist. Ein bequemes Sofa, Bilder an den Wänden, ein Bücherregel und immer frische Blumen auf dem Tisch. „Die Frauen sollen sich wohlfühlen, wiederkommen und eines Tages unsere Hilfe zum Aussteigen annehmen.“

Der 57-Jährige ist ein fröhlicher Mensch. Er lacht gern und oft und seine Fröhlichkeit ist ansteckend. Ich habe beobachtet, wie die Frauen in seiner Gegenwart den Sumpf um sich herum vergaßen. 

Sauer wird er allerdings, wenn Politiker von Sexarbeiterinnen reden. „Das Wort ist doch der Hohn. Was die Frauen hier machen, ist keine Arbeit. Entweder treibt sie ein Zuhälter an oder sie sind in finanzieller Not. Ich wünschte mir, dass eine der Politikerinnen mal für zwei Stunden hier ,arbeitet“, dann würden sie nicht mehr so reden und hätten mehr Verständnis und würden unsere Arbeit unterstützen.“

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