Schon oft war sie dem Ende nah, die Trabrennbahn Karlshorst. Doch die Freunde des Berliner Pferdesports rauften sich immer wieder zusammen. Ob große Geldnot oder fins- tere Intrigen: Gemeinsam überwanden sie alle Krisen. Alte und junge Macher, Ur-Gesteine und Nachwuchs. Dem Berliner KURIER am Sonntag erzählen sie, was den Reichtum ihres Lebens zwischen Sulky, Stall und Wetthalle ausmacht und welche Schwierigkeiten sich ihnen heute in den Weg stellen ..."Die Anlage hat Charme, ist aber marode", bringt der neue Geschäftsführer Dimitrios Vergos (48) das Problem gleich auf den Punkt. Nach der Wende ließ die Treuhand das damals noch 70 Hektar große Gelände einfach verwahrlosen. Die Gesundschrumpfung konnte erst 15 Jahre später mit dem Verkauf von 33 Hektar als Bauland beginnen.Das war Teil des Konzepts von Thomas Hartl (40), Präsident des 2004 neu gegründeten Vereins "Pferdesportpark Karlshorst". Die Idee: Das Rennbahn-Areal in einen Vergnügungspark für Pferdefreunde verwandeln mit Trabrennschule, Kinderreiten, restaurierten Gründerzeit-Häusern, gemütlichen Cafés.Der Bezirk gab Hartls Team den Zuschlag für die Übernahme der Rennbahn. Die muss es jetzt auf dem harten Weg der Eigenfinanzierung auf Fordermann bringen. Weil sich Berlin langfristig nur eine der beiden Trabrennbahnen leisten kann. Hartls Joker: ausgerechnet Dimitrios Vergos, früher Manager der Konkurrenz-Rennbahn Mariendorf."Unsere neuen Chefs packen das!", glaubt Swetlana Lagunowa (66), mit 25 Jahren Rennbahn-Erfahrung die Dienstälteste im Karlshorster Wettbüro. Deshalb arbeitet sie auch guten Gewissens ihre Enkelin Elisabeth Herold (19) als Nachfolgerin ein. "Als ich meine Oma zum ersten Mal in Karlshorst besucht habe, bin ich sofort dem Traber-Virus verfallen", verrät sie. "Seitdem komme ich jeden Freitag her, habe erstmal im Programmverkauf angefangen. " Doch ihr Genuss der familiären Rennbahn-Atmosphäre ist nicht ganz ungetrübt. Gerne hätte Elisabeth die großen Renn-Spektakel der DDR-Zeit miterlebt. Denen trauert auch ihre Oma ein wenig hinterher. "Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als mich mein Sohn zum Bersarin-Rennen mitgenommen hat", sagt Swetlana Lagunowa mit einer Träne im Auge. "Alle Stars aus Russland, Ungarn, Jugoslawien waren da. Und die Leute haben gewettet wie die Teufel!" Doch heute, in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit, bleiben viele der alten Wett-Hasen Zuhause, andere riskieren nur noch fünf Euro am Abend. Nicht genug für einen florierenden Spielbetrieb . . ."Ausnahmen bestätigen die Regel!", entfährt es Hans-Georg Eber (64), der seit 35 Jahren fast jedes Wochenende nach Karlshorst rausfährt. "Ich bin Stammkunde. Trabrennen ist mein Leben!" Einmal, lange vor der Wende, hat er beim Wetten 600 Ostmark gewonnen, eine komplette Schlafzimmer-Einrichtung davon gekauft. "Immer die gleiche alte Geschichte" schüttelt sein Freund Horst Krause (68) den Kopf, prostet ihm lächelnd zu. "Die kenne ich schon seit 20 Jahren. Weil er sie an jedem Renntag zum Besten gibt . . . " Doch nicht jeder Wetter kann sich bei Soljanka und Bier so gut entspannen wie Hans-Georg und Horst. Manch einer sitzt verbissen über seinem Wettschein, nimmt die Umwelt kaum wahr. "Ich heiße auch Horst. Muss mich konzentrieren", ärgert sich der Dritte am Tisch und setzt sich entnervt um . . .Draußen steht Trabrenn-Trainer Willy Borgsdorf (72). Er guckt sich die Rennen lieber von der Tribüne aus an. Den vielen bunten Bildschirmen in der Wetthalle traut er irgendwie nicht. Auch Borgsdorf ist ein echtes Ur-Gestein, hat in über 35 Jahren viele Pferde und Fahrer bekannt gemacht. "Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich ab 1970 der erfolgreichste private Trainer der DDR war", sagt er. Seine besten Pferde hatten Namen wie Indio, Indira und Moni, gewannen oft neun von zehn Rennen. Sein Erfolgsrezept? "Ach, manchen Pferden kann man einen Kühlschrank auf den Sulky setzen, die gewinnen trotzdem!"Und der Nachwuchs? "Jetzt, wo ich ein wenig kürzer trete, wäre ich über eine neue Generation junger Trainer und Fahrer froh. " Geschäftsführer Dimitrios Vergos verzieht das Gesicht: "Jeder Schritt, unsere Rennbahn und den Traber-Sport insgesamt attraktiver zu machen, kostet leider sehr viel Geld. " Davon weiß er ein Lied zu singen. Vor kurzem war der Kauf einer neuen Kamera für die Zielfotografie nicht mehr hinauszuzögern. "Die Filme für den alten Apparat gab es plötzlich nur noch in den USA!", so Vergos. Seine große Hoffnung: Die Trabrennbahn Karlshorst hat sich als neue Heimat der Bundesgrenzschutz-Reiterstaffel beworben. "Die Bedingungen für Pferde sind hier Ideal. "Und wenn wir uns gegen den Flughafen Tempelhof durchsetzen könnten, würde das für Karlshorst nicht nur gutes Geld bringen. " Die Trabrennbahn wäre wohl auch wieder in aller Munde.Zwischenzeile: EIN SCHLAFZIMMER VOM WETTGEWINN.Zwischenzeile: ALLE HOFFEN AUF DEN BUNDESGRENZSCHUTZ.Zwischenzeile: WIE DIE GROßMUTTER SO DIE ENKELTOCHTER.BU: Siegmar Wolff (69) ist die skurrilste Gestalt der Rennbahn: Er steht im "Aufzug", schiebt die Quoten und Ergebnisse auf die Anzeigetafel.BU: Elisabeth Herold (19) ist in Karlshorst das Nesthäkchen. Ihre Oma Swetlana hat sie für das Leben auf der Rennbahn begeistert. Fotos: Thomas Uhlemann (4), Wulf Olm
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