Er hätte vor fünf Jahren den Schlüssel umdrehen, die Tür zuschließen können, die mehr als drei Jahrzehnte Eintritt zu seinem Versicherungsbüro gewährte, hinter dem seine Wohnung liegt. Dann wäre er mit Susi an der Leine durch den Gesundbrunnen-Kiez spaziert, vorbei am kleinen Park, wo sein erstes Büro stand. Er hat einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall und Zucker hinter sich. Er schaute Susi an: "Wollen wir hinter den vier Wänden versauern?" Sein schlaues Hündchen muss den Kopf geschüttelt haben. Er sperrte seine Tür weit auf. So wurde aus Karl von Freyhold "Karl im Kiez" (KiK), der ein Bürgerbüro mit Galerie und privater Lounge Bar für die Menschen von Nebenan geschaffen hat. Eine Begegnungsstätte der besonderen Art.Vorbei an "Dilaras Kaffeestube" (Becher Kaffee 80 Cent), wo Frauen auf der Treppe schwatzen. Vorbei an drei türkischen Männern, die auf Stühlen vorm Haus in der Sonne Siesta halten. Vorbei am jungen Kerl mit der Wasserpfeife, die er neben seinem Kumpel pafft. Dann rechts um die Ecke in die Bellermannstraße. Dort ist das "KiK".Susi begrüßt mich. Schwanzwedelnd, händeleckend. Karl von Freyhold (vererbter Schwertadel aus dem 30-jährigen Krieg) erhebt sich gewichtig vom Stuhl, um aus seiner wohlsortierten Bar einen "Almdudler" zu fingern. "Eine Kräuterlimonade aus Österreich, schmeckt wie Fassbrause", erläutert er. Hinter der verdunkelten Brille blitzen lustig die Äuglein. Er genehmigt sich eine Cola ohne Zucker, sein Leib- und Magengetränk."Andere haben ihre Bar im Keller, meine ist gleich hinter der Eingangstür." Eine Einladungskarte zum Wohlfühlen. Er macht auch Disko. Früher zog er mit seiner rollenden Plattensammlung los, stellte große Bälle in Berlin auf die Beine. Heute muss man den Weg zu ihm finden. Wie Beppo Pohlmann von den Gebrüdern Blattschuss ("Kreuzberger Nächte"). Der hat im Internet einen Auftritt der Ost-Band "MTS" bei "KiK" entdeckt. Er schaute sich den Laden aus der Nähe an. "Der ist so bekloppt, da müssen wir auftreten", erklärte er Karl, der sich freute.Montag, Mittwoch und Freitag steht ab 10 Uhr seine Tür zur Bürgerberatung offen. Rente, Hartz IV, Pflege - alles was den Leuten unter den Nägeln brennt. In 24 Jahren als Schöffe hat er einen Berg an juristischem Wissen im Kopf gespeichert. Karl hilft beim Ausfüllen von Anträgen, begleitet zu Ämtern. Norbert Blüm ist zwar sein alter Partei-Kumpel, der demnächst bei "KiK" vorbeischauen will, doch auf dessen "die-Renten-sind-sicher-Versprechen" mochte sich Karl lieber nicht verlassen, sorgte selbst vor. Nun nimmt er sich der Aktion "Fair Trade" an, serviert jeden ersten Samstag im Monat ein kostenloses Frühstück mit Infos über Produkte und fairen Handel (www.karlimkiez.de).Er mag Menschen. Nur Lügner und Besserwisser kann er nicht ab. Kommen Gäste, mixt er ihnen Drinks, obwohl ihm selbst Alkohol nicht schmeckt. Schon damals nicht, mit 21, als jüngster Barmann in Aachen. Man schrieb 1968, das Jahr, in dem er die Diagnose bekam: Magenkrebs. Nur noch ein halbes Jahr zu leben. Er verkaufte die Bar, verjubelte mit seiner Freundin das Geld. "Lebst halt noch ein bisschen, dann haste was erlebt", sagte er sich. Besuchte noch seine Eltern in Bayern, um ihnen Maria vorzustellen. Die schickten ihn in eine Klinik. Die Krebs- entpuppten sich als Magengeschwüre. Nach vier Wochen Rollkuren hatte ihn das Leben zurück."Aber ich hatte ja ,ausgelebt', musste eine neuen Existenz schaffen", erzählt der gebürtige Travemünder, der in Regensburg Kaufmann lernte. Er wählte Berlin. "Dort hab' ich mich nie eingeengt gefühlt. Wenn andere rausfahren, hab' ich mehr Platz." Er beherrscht den ortsansässigen Humor.Zwei Ehefrauen schenkten ihm zwei Töchter und einen Sohn. Und die ihm Enkel. "Neun!", verkündet er stolz. Karl ist ein geselliger Mann. Obwohl die Lähmungen vom Schlaganfall nie ganz verschwanden. Obwohl ihn jeden Tag ein Pfleger und ein Krankengymnastiker fit für den Tag machen müssen. Der Pfleger übernimmt inzwischen die Videos von den Veranstaltungen, die bei "KiK" steigen. Als die "Hansa Buben" ihre Heimstatt verloren, bot Karl dem Skatklub Unterschlupf. Damit die weiter in der Oberliga mitmischen können, machte er letztes Jahr die Prüfung zum Skatschiedsrichter.Ein Stehaufmännchen, das Freude durch die Menschen zurück bekommt, für die er seine Tür geöffnete hat. "Karl, Du bist ein Großer", schrieb Kiezmaler Michja ins Gästebuch, der gern seine bunten Bilder an die weißen Galerie-Wände hängt.Er hat den rechten Weg gewählt. Susi wäre sowieso nicht mit ihm spazieren gegangen. Sie zerbiss die Leine, als er sie das erste Mal anlegte. Er hat es nie wieder versucht.------------------------------
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