Karl-Marx-Allee

Opa Bessler und seine Miet-Rebellin

Senioren wehren sich gegen Gier-Spekulanten.

BK
Lesezeit 4 Min
Jürgen und Gisela Bessler aus der KMA.

Jürgen und Gisela Bessler aus der KMA.

© dpa

"Mieteraktion gegen Spekulation"

Angebrachte Transparente an Fassaden in der KMA.

Angebrachte Transparente an Fassaden in der KMA.

© dpa

Nun befürchten die rund 2000 Bewohner stark steigende Mieten – und viele von ihnen gehen auf die Barrikaden. Auch die Besslers. „Für uns geht es um eine Existenzfrage“, sagt Gisela Bessler mit ernster Miene. Seit 1963, also seit 55 Jahren, lebt sie in einem der markanten Gebäude, die in den 50er-Jahren aus den Kriegstrümmern entstanden. In ihrer Wohnung in der zweiten Etage mit Blick auf den Fernsehturm zogen die Besslers Kinder groß, liebten und stritten sich, feierten die Feste ihres Lebens.

Die vertrauten vier Wände sind im Alter, in dem die Gebrechen größer werden, auch ein Rückzugsort in der hektischen Großstadt. „Nun ist nicht mehr sicher, ob wir die Wohnung behalten können“, erzählt Gisela Bessler. Ein Unding, meint ihr Mann und fügt entschlossen hinzu: „Wir bleiben hier drinnen und gehen dafür notfalls bis zum Äußersten.“ Wie das aussehen soll, wissen die Besslers allerdings nicht.

Eine Mieter-Rebellion hatten die ältesten Bewohner ihres Aufgangs zunächst nun wirklich nicht auf dem Schirm. Zu einer Protestversammlung sind sie gegangen, haben eine Menschenkette unterstützt und mitgeholfen, eines der Transparente an ihrer Hausfassade am Fenster ihres Wohnzimmers zu befestigen. „Mieteraktion gegen Spekulation“, steht darauf, „Nicht mit uns“ oder – in Anspielung auf den Straßennamen – „Kommerzallee“.

Staat hat Vorkaufsrecht bei Eigentümerwechsel 

„Erst war ich nicht so für die Plakate. Ich dachte, das bringt doch nichts“, erzählt Jürgen Bessler, der gern am Computer sitzt und in seiner Mail-Adresse als „Opa Bessler“ firmiert. „Aber jetzt fotografiert hier die ganze Welt. Es ist gut, die Öffentlichkeit einzubeziehen.“ Zumal sich die Nachbarn nun besser kennengelernt hätten, fügt seine Frau hinzu. „Ossis wie Wessis, Junge und Alte stehen jetzt zusammen.“

Aufgeschreckt haben die Proteste auch den Berliner Senat. „Unser Ziel ist es, den bezahlbaren Wohnraum in den vier betroffenen Blöcken in der Karl-Marx-Allee zu erhalten und dauerhaft zu sichern“, versichert Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke). In hektischer Betriebsamkeit entwickelte Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) ein Modell, wie Mieter bei ihrem Vorkaufsrecht, das sie in dem Fall bis zum 5. Januar haben, mittels Bürgschaft unterstützt werden können. Eine andere Idee ist die Übernahme der Wohnungen durch eine landeseigene Gesellschaft.

Überzeugend finden die Besslers derartige Überlegungen nicht. Ihre 103 Quadratmeter große Wohnung, die zu DDR-Zeiten monatlich 97,25 Ost-Mark kostete und heute mit 960 Euro Warmmiete zu Buche schlägt, für 400.000 oder vielleicht 600.000 Euro kaufen? „Das ist doch völlig undenkbar“, sagt Gisela Bessler und schüttelt den Kopf. Womöglich kommt indes Variante zwei für die Besslers zum Tragen. Denn ihr Wohnhaus liegt – im Unterschied zu den anderen drei Gebäuden, um die es geht – in einem sogenannten Milieuschutzgebiet.
Solche Gebiete legen Berliner Bezirke immer öfter fest, um dort die soziale Struktur und bezahlbare Mieten zu sichern. Dann müssen Vermieter Standards einhalten. Der Staat hat dann bei Eigentümerwechseln unter bestimmten Bedingungen ein Vorkaufsrecht.

Metropole als Spielwiese für Investoren

Wohnungen als Spekulationsobjekte in der KMA.

Wohnungen als Spekulationsobjekte in der KMA.

© dpa

„Aber auch hier haben wir doch bislang nichts in der Hand“, stellt Gisela Bessler fest. Der Fall in der „KMA“, wie die Karl-Marx-Allee genannt wird, steht exemplarisch für eine Entwicklung, die die Hauptstadt seit der Wiedervereinigung durchläuft. Zunächst nahm die Einwohnerzahl ab und Wohnungsmangel war ein Fremdwort. Aus Geldnot verschleuderte der Senat bis ins neue Jahrtausend hinein riesige Wohnungsbestände.

Doch heute sieht es in Berlin mit 1,6 Millionen Mietwohnungen anders aus. Berlin wuchs zuletzt jedes Jahr durchschnittlich um 40.000 Einwohner. Die Metropole ist eine Spielwiese für Investoren, die in Erwartung großer Renditen Immobilien und Baugrundstücke en gros kaufen. Die Folge: Seit einigen Jahren explodieren die Mieten. In vielen Kiezen geht die Angst vor Gentrifizierung um.

„Das einmalige städtebauliche Ensemble der Karl-Marx-Allee darf kein Spekulationsobjekt werden“, fordern die Besslers. Notfalls müsse der Staat eine Enteignung prüfen. Unterdessen versichert die Deutsche Wohnen, man werde die Wohnungen nicht weiterverkaufen und Kündigungen wegen Eigenbedarfs grundbuchrechtlich ausschließen. (Stefan Kruse)

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