Investor mit Herz gesucht

Mieter suchen verzweifelt Käufer für ihr Wohnhaus

Das Gebäude an der Karl-Marx-Allee steht zum Verkauf - die Zeit wird knapp.

Ulrich Paul
Lesezeit 4 Min
Die Mieter (von links): Petra Böhmer, Anett Hitzigrath, Olaf Grabski und Alexander Purschke.

Die Mieter (von links): Petra Böhmer, Anett Hitzigrath, Olaf Grabski und Alexander Purschke.

© Volkmar Otto

Das Wohnhaus liegt nicht im Milieuschutzgebiet

Der Grund: Das Gebäude, das zum Ensemble der im Zuckerbäckerstil errichteten Wohnhäuser an der Karl-Marx-Allee gehört, steht zum Verkauf. Die privaten Eigentümer wollen sich von der Immobilie mit 21 Wohnungen trennen. Sie haben den Mietern aber die Möglichkeit gegeben, selbst einen Käufer zu suchen. Das Problem: Bisher gibt es noch keinen. Und die Zeit läuft ab.

6,9 Millionen Euro sind als Preis für das Haus im Gespräch. Zu viel für die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM), die über ein Tochterunternehmen einst im Besitz des Gebäudes war. „Wir sind von Mietern angesprochen worden und haben daraufhin auch Gespräche mit Senat und Bezirk geführt“, sagt WBM-Sprecher Christoph Lang.

„Wir können die Bemühungen, das Haus und die Mieter vor Spekulation zu schützen, sehr gut nachvollziehen“, so Lang. „Leider war es wegen des hohen Preises, der gefordert wird, bisher nicht möglich, einen Ankauf für uns wirtschaftlich darzustellen.“ Was die Sache zusätzlich schwierig macht: Das Haus liegt nicht in einem Milieuschutzgebiet. Der Bezirk kann die Immobilie deswegen nicht durch Ausübung seines Vorkaufsrechts zugunsten einer landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft erwerben.

Der Kündigungsschutz für die Mieter ist abgelaufen

Wenn es nach den Mietern geht, würden sie jedoch am liebsten in kommunale oder genossenschaftliche Hand kommen. „Unsere Hoffnung ist noch, dass eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft oder auch Genossenschaft einen Zuschuss für den Erwerb unseres Hauses bekommt“, sagt Dornbusch. Schließlich seien gerade rund 670 Wohnungen an der Karl-Marx-Allee von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Gewobag übernommen worden. „Da würden 21 Wohnungen den Kohl auch nicht fett machen“, sagt Dornbusch.

Das Haus am Strausberger Platz 12 gehörte früher der Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain (WBF), die heute zur WBM zählt. Die WBF hat die Wohnungen in den 90er-Jahren privatisiert. Im Jahr 2001 wurden die Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt und drei Jahre später vom jetzigen Besitzer erworben, wie die Bewohner berichten. Vom individuellen Vorkaufsrecht haben sie damals keinen Gebrauch gemacht.

Zwar genießen Mieter nach der Umwandlung und dem erstmaligem Verkauf ihrer Wohnung einen zehnjährigen Kündigungsschutz, doch dieser ist am Strausberger Platz 12 bereits seit 2014 abgelaufen. Seitdem gelten die normalen Kündigungsfristen von drei bis neun Monaten. Sollten die Wohnungen einzeln verkauft werden, droht den Mietern eine Kündigung wegen Eigenbedarfs, falls der neue Besitzer selbst einziehen will. Nur drei Alt-Mieter verfügen noch aus der Zeit der Privatisierung über einen dauerhaften Schutz vor Eigenbedarfskündigungen. Darunter Sylvia Dornbusch. Vor den gesetzlich möglichen Mietsteigerungen ist aber auch sie nicht geschützt.

Mieter des Wohnhauses an der Karl-Marx-Allee fürchten Verdrängung

Die Mieter befürchten, dass sie aus ihren Wohnungen verdrängt werden. Das belastet sie. Einige, wie die 74-jährige Annett Hitzigrath, verbinden besondere Erinnerungen mit ihrem Zuhause. „Als es darum ging, die nach dem Krieg zerstörte Stadt wieder aufzubauen, war auch mein späterer Schwiegervater Horst Hitzigrath dabei“, erzählt sie. Im Rahmen des Aufbauprogramms an der damaligen Stalinallee, der heutigen Karl-Marx-Allee, habe er viele Aufbaustunden geleistet. Dafür sei ihm die Wohnung am Strausberger Platz 12 zugewiesen worden. „Dort zog er mit seiner Familie 1953 als Erstbezieher ein“, berichtet Hitzigrath.

Nach einem Wohnungstausch im Jahr 1980 sei sie schließlich selbst mit Mann und Tochter eingezogen. „Diese Wohnung bedeutet mir sehr viel“, sagt Hitzigrath. Ähnlich wie sie kam Petra Böhmer an ihre Wohnung. „Mein Vater, ein gebürtiger Amerikaner, hatte sich diese Wohnung erarbeitet“, berichtet die 69-Jährige. Er habe viele Aufbaustunden zur Trümmer- und Schuttbeseitigung entlang der damaligen Stalinallee geleistet. „Wir waren froh über unsere neue Wohnung mit ihrem Luxus, auch wenn wir zu viert in zwei Zimmern lebten“, so Petra Böhmer. Später übernahm sie die Wohnung.

Mieter hoffen auf Hilfe durch landeseigene Wohnungsbaugesellschaft

Während die Mieter noch auf Hilfe durch eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft hoffen, ist der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt (Grüne) skeptisch: „Die Einbindung von Landeseigenen halte ich aktuell für zwecklos, da die Preise astronomisch sind“, sagt er. Schon jetzt komme der Bezirk bei der Ausübung des Vorkaufsrechts nur mit Hilfe der neu gegründeten Genossenschaft Diese eG weiter, die Wohnungen auch zu höheren Preisen erwerbe. Gegebenenfalls müsse ergänzend zur Diese eG ein eigenständiger Dritterwerber aufgebaut werden.

Eine „handfeste Aufgabe“ sehe er darin, Lösungen für Wohnhäuser zu finden, bei denen die Mietwohnungen bereits in Eigentumswohnungen umgewandelt worden seien wie am Strausberger Platz, sagt Schmidt. Viele Bewohner wüssten gar nicht, was ihnen blühe, wenn die Fristen zur Eigenbedarfskündigung abgelaufen seien.

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