Karl-Marx-Allee

Friede den Hütten!

Die Gewobag kaufte dort 670 Wohnungen.

Von CHRISTIAN GEHRKE
Lesezeit 4 Min
Die Straße der Arbeiterpaläste in der ehemaligen DDR: Die Häuser in der Karl-Marx-Allee wechselten nach der Wende oft den Eigentümer.

Die Straße der Arbeiterpaläste in der ehemaligen DDR: Die Häuser in der Karl-Marx-Allee wechselten nach der Wende oft den Eigentümer.

© Gerd Engelsmann

Seit gut 30 Jahren ist sie hier zu Hause. Es bleibt ihr Zuhause. Ganz sicher. Ursprünglich wollte die Deutsche Wohnen ihre Wohnung vom Vermieter Predac kaufen. So wie 669 weitere in der Karl-Marx-Allee. Betroffen waren vor allem die Hausnummern 71 bis 103.
Der Senat hat die Deutsche Wohnen aber ausgebremst. Nach langem Ringen übernimmt jetzt die Gewobag, eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, die 670 Wohnungen von der Predac. Der notarielle Vertragsentwurf ist beurkundet. „In den nächsten Wochen unterzeichnen wir den Kaufvertrag“, erklärt Gewobag-Sprecherin Anne Grubert. 

Brigitte Knebel (69): „Die Karl-Marx-Allee ist nach dem Krieg mühsam aufgebaut worden.“ Ein Vermieter wie die Deutsche Wohnen hätte absolut nicht gepasst.

Brigitte Knebel (69): „Die Karl-Marx-Allee ist nach dem Krieg mühsam aufgebaut worden.“ Ein Vermieter wie die Deutsche Wohnen hätte absolut nicht gepasst.

© Gerd Engelsmann

Zur Höhe der Kaufsumme will niemand etwas sagen. Hinter vorgehaltener Hand ist eine Gesamtsumme zwischen 120 und 200 Millionen Euro zu hören sowie ein Quadratmeterpreis von etwa 4.500 Euro. Alles wird von der Gewobag bezahlt, das Land Berlin hilft in den nächsten zwanzig Jahren bei der Refinanzierung der Summe. Ebenso sollen die über 1.000 Bewohner mit ihren Mieten den Kauf refinanzieren. 

„Lieber so als mit der Deutschen Wohnen“

Und das Land Berlin will noch 150 weitere Wohnungen in der Karl-Marx-Allee erwerben. Dafür sollen freie Wohnungen an Menschen mit Wohnberechtigungsschein oder mit einer bestimmten Einkommensgrenze vermietet werden. „Lieber so als mit der Deutschen Wohnen“, meint Brigitte Knebel. „Mit denen wären wir nicht klargekommen. Die Häuser in der Karl-Marx-Allee wurden nach dem Krieg von den Trümmerfrauen aufgebaut. Jetzt sollte nicht unbedingt die Deutsche Wohnen kommen. Die hat ja keinen guten Ruf“, sagt sie.

Isabella Jagosch (50) lebt seit 25 Jahren in der Karl-Marx-Allee. Auch sie hat vom Kauf durch die Gewobag gehört. „Das ist besser als die Deutsche Wohnen“, sagt sie. 

Isabella Jagosch (50) lebt seit 25 Jahren in der Karl-Marx-Allee. Auch sie hat vom Kauf durch die Gewobag gehört. „Das ist besser als die Deutsche Wohnen“, sagt sie. 

© Gerd Engelsmann

Anfang November 2018 hatten die Mieter von den Kaufabsichten erfahren. Ihnen wurde vorgeschlagen, die eigenen Bleiben zu kaufen. Der Protest der Bewohner war schnell organisiert und massiv dazu. Plakate hingen aus den Fenstern, Menschenketten wurden gebildet. „Wir haben alle Knöpfe gedrückt, dem Senat Druck gemacht, ihnen gesagt, was sie machen sollen. Politiker sind doch für uns da“, sagt Norbert Bogedein (67) vom Mieterbeirat der Karl-Marx-Allee. Es ist auch sein Sieg. „Ich wusste, dass es so kommt. Die Allee ist mein Gute-Laune-Zuhause“, spricht er gelöst.

„Mit dem Geld wurde keine einzige neue Wohnung gebaut“

Erleichterung auch bei den Gewerbetreibenden. Sie sind nicht so geschützt wie gewöhnliche Mieter. Björn Petzke (45) aus dem Teeladen „Tee Tiwer“: „Mein Geschäft hätte ich mir selbst nicht kaufen können. Mit der Deutsche Wohnen hätte ich ungern über die Ladenmiete verhandelt. Mit der Gewobag wird es angenehmer.“

„Für die Betroffenen ist der Rückkauf schön. Das war eine enorme Anstrengung. Doch wir müssen an den Neubau denken“, sagen die Anwohner Lothar und Anita Löffler (81, 75).

„Für die Betroffenen ist der Rückkauf schön. Das war eine enorme Anstrengung. Doch wir müssen an den Neubau denken“, sagen die Anwohner Lothar und Anita Löffler (81, 75).

© Gerd Engelsmann

Die Senatorenriege von Rot-Rot-Grün klopft sich jetzt selbst auf die Schulter. Doch unter den Mietern gibt es auch kritische Stimmen zum Gewobag-Deal. Anwohnerin Evelin Bender: „Jetzt wird nur ein Teil der Wohnungen rekommunalisiert. Ziel sollte sein, dass alles wieder kommunal vermietet wird so wie vor der Wende 1989.“

Für Gewerbetreibende wie Björn Petzke (45) wurde es richtig eng. „Mit der Deutsche Wohnen hätte ich nicht über die Ladenmiete verhandeln wollen“, sagt er.

Für Gewerbetreibende wie Björn Petzke (45) wurde es richtig eng. „Mit der Deutsche Wohnen hätte ich nicht über die Ladenmiete verhandeln wollen“, sagt er.

© Gerd Engelsmann

Das Ehepaar Lothar und Anita Löffler (81, 75) fragt sich, ob das Geld für den Kauf nicht anderswo besser investiert gewesen wäre: „Für die Betroffenen ist das sicherlich sinnvoll. Doch mit dem Geld wurde keine einzige neue Wohnung gebaut.“ Ähnlich sieht es auch die Opposition im Abgeordnetenhaus: Christian Gräff (CDU) fragt sich, ob der Kaufpreis nicht zu hoch war. Er fordert: „Der Rechnungshof soll alles prüfen.“ Sibylle Meister (FDP) findet die Kaufaktion bedenklich: „Die rund 200 Millionen Euro haben bisher keine einzige neue Wohnung geschaffen.“

Mieterin Brigitte Knebel kann jetzt zumindest ruhig schlafen.

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com