Viele Menschen, allen voran Mitglieder der CDU und CSU, reiben sich verwundert die Augen: Ist das noch die Angela Merkel, wie wir sie kennen? Die Risikoscheue, die Zaudernde, die Vernunftfrau ohne Emotion?
Die Angela Merkel, die das Publikum jetzt bestaunen kann, ist eine andere: eine Kanzlerin mit Emotionen, eine Frau, die voll ins Risiko geht, eine, die Klartext redet. In der Flüchtlingskrise hat Merkel offenbar ihre Berufung gefunden. Plötzlich ist die Politikerin, die in den Geschichtsbüchern bisher keine großen Spuren hinterlassen hat, auf einer historischen Mission. Und damit ändert sich auch ihre Sprache: „Wir schaffen das“, sagt sie immer wieder, obwohl das keineswegs so sicher ist. „Das Asylrecht kennt keine Obergrenze“ ist ein anderer, mutiger Merkel-Satz.
Am stärksten ihre Antwort auf die Kritik an ihrer Entscheidung, die Grenzen für die in Ungarn misshandelten Flüchtlinge zu öffnen: „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen, dass wir in Notfallsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“.
Das heißt auch: Seehofers Deutschland wäre nicht mehr ihr Land. Merkel wächst über sich hinaus – und erhöht damit auch das Risiko, zu scheitern. Aber das nimmt sie in Kauf: In diesem Land möchte sie dann auch nicht mehr Bundeskanzlerin sein.
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