Spektakuläre Flucht

Der Knacki aus der Kiste

Aus der JVA Tegel konnten schon einige Häftlinge fliehen - dieser scheiterte.

Katrin Bischoff
Lesezeit 4 Min
Die Justizvollzugsanstalt in Tegel.

Die Justizvollzugsanstalt in Tegel.

© dpa

Diesmal hat es nicht geklappt. Nach zwei spektakulären Fluchten aus den Gefängnissen in Plötzensee und Tegel, bei denen im vergangenen halben Jahr insgesamt fünf Häftlinge entkamen, ist ein 26-jähriger Ausbruchswilliger gescheitert. Wie der Berliner Kurier und die Berliner Zeitung erfuhren, wollte der Gefangene am 9. Mai dieses Jahres aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel fliehen.

Der Mann, der wegen Drogenhandels eine Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten absitzen muss, stieg in einem Montage- und Sortierbetrieb des Gefängnisses in eine leere Transportkiste, in die eigentlich die in den Werkstätten produzierten Waren verpackt und abgeholt werden. Andere Häftlinge verschlossen die Kiste mit einem Deckel und schoben sie zu den anderen abholbereiten Behältern.

Doch die Flucht war aus zwei Gründen zum Scheitern verurteilt. Am frühen Nachmittag wurde der Gefangene nach einem Hinweis von einem Bediensteten entdeckt. Selbst wenn man ihn nicht gefunden hätte, wäre der Ausbruch missglückt. Denn die Kisten sollten erst am Montag nach Himmelfahrt abgeholt werden – der Mann hätte also fünf Tage in seinem Versteck ausharren müssen. „Er hat sich damit der Gefahr ausgesetzt, zu verdursten“, sagt Sebastian Brux, der Sprecher der Justizverwaltung.

Seit 2015 vier missglückte Fluchtversuche 

Die Zahl der gescheiterten Fluchtversuche in den vergangenen Jahren lässt sich an einer Hand abzählen. So missglückten seit dem Jahr 2015 vier geplante Ausbrüche aus den Justizvollzugsanstalten Tegel, Moabit und Plötzensee. Nur die JVA Heidering, die auf Brandenburger Gebiet liegt, blieb laut Justizverwaltung sowohl von Versuchen als auch von geglückten Fluchten verschont.

Im vorigen Oktober sorgte die Beinahe-Entweichung eines 32-Jährigen für Aufsehen. Der Mann, der einen Monat zuvor in Kreuzberg eine Mutter und deren kleine Tochter bei einem Unfall lebensgefährlich verletzt und danach Fahrerflucht begangen haben soll, hatte zunächst versucht, sich in der Untersuchungshaftanstalt zu erhängen. Er konnte reanimiert werden, kam in die Charité.

Am nächsten Morgen sollte er in das Haftkrankenhaus Plötzensee verlegt werden. Da die Beamten davon ausgingen, dass der Mann nach seinem Suizidversuch noch völlig fertig sein würde, legte sie ihm nur Handschellen und keine Fußfesseln an. Als der Untersuchungshäftling zum Gefangenentransporter geführt wurde, stieß er die Beamten weg und rannte davon. Durch einen Warnschuss wurden Polizisten auf den Flüchtigen aufmerksam und hielten ihn auf.

An Lkw festgeklammert

„Die verhinderten Fluchtversuche zeigen, dass unsere Kontrollen funktionieren und die Mitarbeiter im Vollzug eine gute Arbeit machen“, sagt Justizsenator Dirk Behrendt. Trotzdem achte man seit dem Jahreswechsel besonders darauf, unangemessene Routinen bei der Arbeit im Gefängnis zu vermeiden.

Kurz vor Silvester waren vier Gefangene des geschlossenen Vollzugs aus der JVA Plötzensee geflohen. Mit einem großen Hammer und einem Trennschleifer hatten sie am 28. Dezember ein Loch in die Wand der Gefängniswerkstatt gestemmt und sich in die Freiheit gezwängt.  Dabei wurden sie zwar von einer Überwachungskamera gefilmt, doch niemand verhinderte die Flucht.

Am 7. Februar dieses Jahres brach ein 24-Jähriger auf spektakuläre Weise aus dem Tegel-Knast aus. Hamdi M. kletterte beim Hofgang unbemerkt über einen Zaun und klammerte sich dann unter einen Lastwagen, der den Laden in der JVA beliefert hatte. Um die Wärter zu täuschen, hatte er eine selbstgefertigte Puppe in seinem Bett platziert. So fiel sein Verschwinden beim abendlichen Routine-Kontrollgang nicht auf. Erst am Morgen wurde bemerkt, dass Hamdi M. fehlt.

Neue Mitarbeiter sollen entlasten

Die Ausbrüche heizten die Diskussion um die Sicherheit in Berlins Gefängnissen an. Behrendt versprach, die vielen offenen Stellen im Vollzugsdienst zu besetzen. Derzeit sind rund 200 Stellen in den Haftanstalten unbesetzt, diese Personallücke soll jedoch Ende 2019 geschlossen sein.

Von den fünf aus dem geschlossenen Vollzug geflohenen Gefangenen sind alle wieder hinter Gitter. Hamdi M. konnte in Belgien nach einem Diebstahl festgenommen werden. Von den vier Plötzensee-Abgängern stellten sich drei freiwillig der Polizei. Der vierte erwies sich als besonders zäher Brocken. Er wurde zehn Tage nach seiner Flucht bei einem Taschendiebstahl in Friedrichshain gefasst – mit zwei gebrochenen Armen.

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