Beim Gang über das Kopfsteinpflaster zweier Hinterhöfe verändert sich die Welt. Die hupende, drängelnde, staubige am Tempelhofer Ufer bleibt draußen. Plötzlich Stille. Ganz hinten rechts hinter der Glastür sitzt Jim Rakete am eckigen Holztisch. Er ist der Mann, der berühmte Gesichter immer noch in Schwarz-Weiß fotografiert, Filme selbst entwickelt und Digiknipsen nicht mag.
„Meine Enklave der Ruhe“, nennt er den abgeschiedenen Platz seiner Arbeit im Fabrikgemäuer. Man sagt, er sei eine Legende. Er sagt das nicht. Wie er überhaupt nicht gern über sich spricht. Er erzählt die Geschichten anderer.
Seine Geschichten beginnen immer gleich. Mit einer Kamera. Er geht zu den hohen Schränken, sucht eine unter 50 aus. „Die Kamera muss zum Menschen passen.“ Als er zu Christian Wulff gerufen wird, wählt er die Leica. Wenn er sich aufmacht, weiß er in der Regel, was ihn erwartet. Auch an diesem Montag ist es so: „Ich kenne das Bundespräsidialamt, kenne die Lichtverhältnisse. Ich habe 15 Minuten Zeit, um das Foto zu machen.“ Jim Rakete hält sich nicht lange auf. „Der erste Moment zählt, der ist so wertvoll. Nach einer Sekunde weiß ich mehr als eine Dreiviertelstunde später.“
Zum Fotografieren sei er durch Zufall gekommen. Ein Stuhl wird auf einen Tisch gehievt, und kleine Ärmchen strecken sich nach der schwarzen Box, die verstaubt auf dem Schrank steht. Er ist 4, als er die verwaiste Kamera in der elterlichen Wohnung erspäht. „Man dreht sie in den Händen, guckt rein, sieht einen Ausschnitt von der Welt.“ Mit ihr macht er die ersten Schnappschüsse. Auf die Practika folgt eine Nikon F1: „Mit der konnte man Nägel in die Wand kloppen.“ Es war immer klar, dass er fotografieren würde. Dass ein Beruf draus wird, sei aus Ratlosigkeit entstanden. Dass er mit den Rolling Stones touren, Jimi Hendrix vor die Linse bekommen würde, war nicht absehbar.
Über der Mikrowelle hängt eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von John Lennon, an der Wand gegenüber ein signiertes Foto von Helmut Newton. Im Atelier steht „das Monster“. Die großformatige Linhof wiegt gute 10 Kilo. „Wir streiten immer, wer älter ist“, sagt Jim grinsend. Er ist 60. Die Linhof schleppte er für seine Fotoserie „1/8 sec.“ durch die Gegend, um prominente Deutsche so zu zeigen, wie er sie am liebsten hat: ungeschminkt.
Es nervt ihn, wenn Menschen, die er fotografiert, Zeit damit verschwenden, sich das Gesicht zuzukleistern, weil sie glaubten, immer besser erscheinen zu müssen. „Ich bin happy mit Leuten, wie sie sind.“ Als Nina Hagen zum Foto-Shooting erscheint, schaut er enttäuscht: „Wir hatten am Vorabend verabredet, ein ganz ungeschminktes Foto zu machen. Ich wollte sie als Künstlerin abbilden, nicht als Tuschkasten.“ So sei das Cover hinter dem zurückgeblieben, was möglich gewesen wäre. Ob er manchmal keine Lust habe zu fotografieren? „Keine Lust habe ich jede Woche.“ Doch dann würde er den Preußen in sich wachklingeln, sich sagen, es gebe ja noch was zu erzählen. Jim Rakete hat Ausflüge in andere Sphären unternommen, war Rockmusikproduzent und Manager. Die Musik trägt er immer noch im Herzen, jagt ihr aber nicht mehr nach. Schwärmt vom 81-jährigen Jazzklarinettisten Rolf Kühn: „Er hat sich eine Leichtigkeit bewahrt in der Musik, schwerelos, als hätte ein Vöglein gezwitschert.“ So hat er ihn auf Fotos eingefangen.
Auf dem Tisch steht eine klapprige Schreibmaschine, auf der der Fotograf den Schriftverkehr erledigt. Zwei Wanduhren, von denen eine irgendwann stehen geblieben ist, als wollte sie die Zeit anhalten. Wenn sein Handy klingelt, geht er ungern ran. „Die wollen bloß wieder was umsonst und am liebsten gestern“, brummt er missmutig. Ende der 80er hat er mit dem Gedanken gespielt, in die Politik zu gehen, ihn aber verworfen: „Da bin ich nicht nützlich. Ich bin auch nicht so gut in Kompromissen, bin besser im Radikalen.“
Er liest gern und viel. Was? „Alles, was ich in die Finger bekomme.“ Er sieht junge Menschen, die Bücher angeekelt von sich schieben, fragt sich, was aus einer Welt werden soll, wo für Schriftsteller der Raum kleiner wird. Und für Fotografen wie ihn. „Ich bin der letzte von der Sorte, die so arbeitet.“
Jim Rakete liebt das Geräusch, das die Kamera macht, wenn er auf den Auslöser drückt. Er riecht den Film, das Leder, das Öl im Verschluss, riecht das Messing, wenn von japanischen Modellen der Lack etwas abgekratzt ist.
Abends, wenn das 300 Quadratmeter-Atelier abgeschlossen ist, schwingt er sich auf sein Rad. In 32 Minuten ist er Zuhause in Wilmersdorf, setzt sich auf seinen Balkon, greift zum Buch oder schreibt (woran verrät er nicht). Oder guckt in die Gegend: „Ich sehe den Hasensprung, einen Pfad, der über zwei kleine Seen führt.“ Während sich hinter ihm im Zimmer zwei echte Hasen tummeln...
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