Jedes Jahr lockt der Sachsenring bei Chemnitz Hunderttausende Biker-Fans aus aller Welt an. Und es werden immer mehr. Eine Erfolgsstory

Sachsenpower

Volkmar Otto Felix Scheer
Lesezeit 4 Min

Ein kleines verschlafenes Örtchen im Osten des Landkreises Zwickau mit dem Namen Hohenstein-Ernstthal zählt ganze 869 Einwohner und normalerweise sagen sich hier Fuchs und Hase "Gute Nacht!". Die Stadt scheint wie ausgestorben und doch wird sie einmal im Jahr aus dem Tiefschlaf gerissen und erwacht zum Leben auf der Überholspur.An vier Tagen im Sommer wird dieser Ort zur Pilgerstätte von Motorradfanatikern ganz Europas, ja sogar der ganzen Welt. Denn in Hohenstein-Ernstthal befindet sich die traditionsreichste Rennstrecke Deutschlands, der Sachsenring. Seit 1927 werden hier Rennen ausgetragen; und seit 1998 findet auf dem Ring der Motorrad Grand Prix von Deutschland statt.Der Grand Prix lockt jährlich über 200000 Besucher an, dieses Jahr waren es sogar über 224000. Alle wollen sie sehen, die Künstler auf zwei Rädern, die Meister der Schräglage, die tollkühnen Kerle in ihren Kombis und den schnellen Maschinen. Die Tribünen sind bis zum Anschlag gefüllt, ein Farbenmeer aus den unterschiedlichsten Fanbekleidungen. Benzin-, Gummi- und Biergeruch liegt in der Luft. Und die Motoren dröhnen, ja kreischen fast, durch die leicht bergige Landschaft der Strecke.Etwas verrückt ist es ja schon, sich bei 32 Grad Celsius mit den anderen Hunderttausend Besuchern auf den vollen Ring zu quetschen, doch so langsam wird uns klar, warum hier alle so euphorisiert und berauscht sind. Spätestens als die MotoGP-Piloten an unserer Tribüne vorbeirasen, stockt auch uns der Atem. Was machen die Jungs da mit ihren Motorrädern? Sie scheinen die Physik außer Kraft zu setzen. Schräglagen, bei denen die Motorräder und Fahrer optisch mit dem Asphalt verschmelzen, Vollgasorgien auf dem Hinterrad, spannende Überholmanöver, Zweikämpfe mit Körper- und Motorradkontakt bei Tempo 250! Das ist Wahnsinn! Man muss kein Motorradfahrer sein, um von dieser Leistung fasziniert zu sein.Oh nein! Vor unseren Augen stürzt ein Fahrer und wird durch das angrenzende Kiesbett geschleudert. Das Publikum hält den Atem an. Doch nichts passiert. Er steht auf und grüßt zur Tribüne, um zu signalisieren, es ist alles okay. Tosender Beifall ertönt. Und der Fahrer wird gefeiert wie ein Held.Aber nicht nur auf, sondern auch abseits der Strecke, auf dem Ankerberg, dem angrenzenden Zeltplatz, wird gefeiert. Hier sind die Schlafplätze der angereisten Fans. Sonne und viel nackte Haut der Boxen-Girls bringen die Stimmung zum Kochen. Bis spät in die Nacht steigt hier eine Mega-Party.Nach vier Tagen ist der Spuck dann auch wieder vorbei. Ruhe kehrt ein, die Normalität wird wiederhergestellt. Fuchs und Hase kommen zurück aus dem Wald, doch auch sie wissen, genau wie wir, in 361 Tagen geht alles wieder von vorn los. Wir freuen uns schon darauf.------------------------------Es begann im Jahre 1927...26.Mai 1927: Erstes Rennen auf einem 8,71 Kilometer langen Straßenkurs vor 140000 Zuschauern.1.Juli 1934: Erster Großer Preis von Deutschland für Motorräder und dunkelster Tag in der Ring-Geschichte - 3 Fahrer verunglücken tödlich (bis heute sind es 19).1937: Die Rennstrecke erhält den Namen "Sachsenring".1950: Gesamtdeutsche Motorradmeisterschaft vor 400000 Zuschauern.1961-1971: Blütezeit des Sachsenrings, Läufe zur Motorrad-WM.1990: Aus für die alte Naturrennstrecke.1996: Rennsportliches Comeback mit der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM) und dem ADAC Super Tourenwagen Cup.1998: Die Motorrad-WM kehrt zurück, sie zieht Jahr für Jahr um die 200000 Zuschauer an.2002: Umbau der Strecke zu einem 3670 Meter langen Kurs. Der Sachsenring etabliert sich endgültig bei Fahrern und Zuschauern.------------------------------BU: Rennstart im August 1937BU: Der Blick vom Ankerberg direkt auf die angrenzende RennstreckeBU: Ein richtiger Fan hat den vollen Durchblick.BU: 224000 Besucher drängen sich auf den Sachsenring (oben). Vielleicht lag es ja an den süßen Boxen-Girls (rechts und unten).BU: Der kleine Paul (9) ist schon ein großer Fan der MotoGP. Sein großes Vorbild ist Jorge Lorenzo aus Spanien. Doch manchmal ist es ihm doch ein bisschen zu laut.BU: Stuntfahrer Chris Pfeiffer bringt das Publikum mit atemberaubenden Tricks auf seiner BMW zum Staunen.BU: Lustig ist das Campingleben...

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