Die Spandauerin ist damit nicht alleine. Der Senatsbildungsverwaltung zufolge leben in Berlin mehr als 300.000 deutschsprachige „funktionale Analphabeten“. Ihre Fähigkeiten beim Lesen und Schreiben sind niedriger „als diejenigen, die minimal erforderlich sind und als selbstverständlich vorausgesetzt werden, um den jeweiligen gesellschaftlichen Anforderungen gerecht zu werden“. So definierte es 2010 eine Arbeitsgruppe des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
Senat finanziert Grundbildungszentrum
Vor fünf Jahren hat der Berliner Senat die Strategie „Grundbildung fördern - Teilhabe stärken“ beschlossen, seit 2015 laufen mehr als 30 Maßnahmen. Senatorin Sandra Scheeres (SPD) wird sich für eine Neuauflage der Strategie einsetzen. Zentraler Berliner Ansprechpartner ist das Grundbildungszentrum.
Es wird vom Senat finanziert und vernetzt Vereine und Volkshochschulen mit Jobcentern, Beratungsstellen und Gesundheitseinrichtungen. Diese können ihre Mitarbeiter für den Umgang mit Betroffenen ausbilden oder sich mit dem Alpha-Siegel zertifizieren lassen. 14 Einrichtungen an 17 Standorten haben das Siegel bereits, mehr als 30 erwerben es aktuell.
Die Zahl der Hilfeeinrichtungen in der Stadt steigt. Analphabetismus kommt nur langsam aus der Tabuzone.
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Der Arbeitskreis Orientierungs- und Bildungshilfe in Kreuzberg bietet seit 41 Jahren Grundbildungskurse an. Mehrfach pro Woche finden diese statt, für die Betreuung der Lernenden arbeitet ein Team aus Pädagogen und Psychologen eng zusammen. „Jeder, der lernen will, ist willkommen“, sagt Kursleiterin Margret Müller. Die Lernenden seien zwischen 20 und 89 Jahre alt, viele hätten einen Job und Familie. Für ihren Analphabetismus gebe es viele Gründe - oft seien aber Schwierigkeiten mit dem Verstehen oder eine komplizierte Kindheit ursächlich.
So auch bei Tina Fidan. „Ich wurde beim Lernen gebremst“, sagt sie. Sie wuchs im Heim auf, ist Legasthenikerin und kam früh auf eine Sonderschule. Mit 23 machte sie den Hauptschulabschluss nach.
Es gibt 30 Anlaufstellen für die Betroffenen
Für eine Ausbildung hat das nicht gereicht, immer wieder war sie arbeitslos. Seit sieben Jahren besucht die 53-Jährige mit Unterbrechungen Kurse des Vereins Lesen und Schreiben. Jeden Tag ist sie hier - nicht nur zum Deutschunterricht. Der Verein bietet Projektarbeit an. Um 12 Uhr sitzen Lernende und Mitarbeiter gemeinsam am Tisch.
Das ist Leiterin Urda Thiessen wichtig. „Für die Lernenden ist die Teilhabe an der Gesellschaft stark eingeschränkt.“ Dazu kämen häufig gesundheitliche Probleme: „Wenn man keinen Beipackzettel lesen kann, ist medizinische Versorgung schwierig.“ Dazu komme das Gefühl, dumm und wenig wert zu sein.
Tina Fidan (54) gibt sich nicht auf. Sie strebt eine berufliche Laufbahn als Köchin an. Steffi Matthes hilft ihr beim Diktat.
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Für Tina Fidan ist der Verein deshalb viel mehr als eine Lernstätte. „Lesen und Schreiben ist meine Familie, hier bin ich sicher und habe das Gefühl, jemand zu sein.“ Das gibt ihr den Mut, ein besonderes Ziel zu verfolgen. Sie würde gerne eine Ausbildung zur Köchin machen. Fidan blickt nach vorne, ist zuversichtlich.
Nur manchmal, da wird sie doch etwas wehmütig: „Wer weiß, was ohne das alles aus mir geworden wäre - vielleicht hätte ich sogar Ärztin werden können.“
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