Martina ist sechs Jahre alt, als sie beschließt zu sterben. An der Eisenbahnbrücke, an der sie jeden Tag auf dem Weg zur Schule vorbeigeht, stellt sie achtsam ihren Ranzen ab und hangelt sich auf die Brüstung. Gleich muss der Zug kommen, von dem sie überrollt werden möchte. Sie weint.
Martina erinnert sich noch heute, wie sie sich ständig hektisch umgedreht hat, um zu gucken, ob ja niemand vorbeigeht. Plötzlich steht eine Frau hinter ihr. Eine junge Mutter, sie schiebt einen Kinderwagen neben sich her. Ganz nah stellt sie sich zu Martina ans Brückengeländer, behutsam greift sie nach dem Am des Mädchens. Sie redet leise und liebevoll auf sie ein. „Sie hat es geschafft, dass ich von dem Geländer runter geklettert bin“, sagt Martina. Und sie fügt hinzu: „So viel Liebe hatte ich bis zu diesem Moment noch nie erfahren. Ein Erwachsener hatte Empathie und kümmerte sich um mich.“
„Ich habe es immer versteckt. Das, was passiert ist.“
Heute, fast 50 Jahre später, ist sie der Frau von damals dankbar. „Sie war ein rettender Engel“, sagt sie.
Martina ist zierlich. Sie trägt ein dezent braun gemustertes Kleid, die blonden Haare fallen ihr über die Schulter. Sie hat ein wenig Lippenstift aufgelegt. Man sieht ihre Narben nicht, die ihr in der Kindheit zugefügt worden sind. Sie hat gelernt, sie zu verbergen.
Wir treffen sie in einem Berliner Café. Sie begrüßt uns herzlich, fragt, was wir trinken möchten. Sie lächelt sehr oft. Unweigerlich fragt man sich: Wie konnte es diese lebensfrohe, optimistisch wirkende Frau treffen? Warum ist sie nicht am Boden zerstört? Warum sieht man ihr das nicht an?
Diese Frau wirkt wie eine Kämpferin.
Sie weiß das. „Ich habe immer Angst gehabt, dass andere mir irgendetwas anmerken oder ich es auf der Stirn stehen habe. Ich habe es immer versteckt, ich wollte das nicht sichtbar machen. Das, was passiert ist.“
Aber sie habe sich auch nie unterkriegen lassen. Das liege an ihren rheinischen Wurzeln, sagt sie und lacht. Aufstehen, sich schütteln, auch wenn man noch so tief im Schlamm gesteckt hat. Vermutlich habe ihr das das Leben gerettet. Und natürlich die Frau an der Eisenbahnbrücke.
Sie nimmt einen Schluck Wasser.
Martina und ihr Partner Rolf. Beide lernten sich vor 20 Jahren kennen. Seitdem sind sie zusammen. Sie leben in Berlin. Er sagt: „Ich habe erst spät von ihrer Kindheit erfahren.“ Erst, als sie alles niedergeschrieben habe, sah er, was sie erlebt hatte.
© Volkmar Otto
Martina ist in Köln geboren. Sie wächst auf in einem Haushalt, in dem Kinder keinen Platz haben. Es gibt weder Spielzeug noch Kinderzimmer. Die Jahre beschreibt sie als grau und dunkel.
Ihr Vater ist ein gut aussehender Mann. 1,80 Meter groß, stahlblaue Augen, schwarze Haare. Ein Weiberheld, wie sie sagt. „Nach außen zeigte er sich charmant, witzig und äußerst zuvorkommend.“
Vater Heinrich ist als junger Mann bei den Gebirgsjägern. Später arbeitet er unter anderem als Lkw-Fahrer. Er engagiert sich im Karnevalsverein, züchtet Bienen, und erhält als Blutspender mehrere Auszeichnungen. Er bringt zwei Kinder aus erster Ehe mit, als er Martinas Mutter heiratet. Seine Ex-Ehefrau hatte sich erhängt.
Daheim erlebt Martina ihren Vater als Tyrannen. Er trinkt, schlägt sie unentwegt. Ein Mucks – und er geht auf sie los.
Die Mutter schaute gleichgültig zu
Von dem Vater spricht sie heute nur als „der Alte“. Er trägt immer Schuhe mit Stahlkappen, mit denen er, wenn er, wie so häufig, schlechte Laune hat, Martina tritt. Oft blutet sie. Die Mutter drückt ihr dann jedes Mal einen Lappen in die Hand, damit sie es wegwischt. Gründe für seine Gewaltattacken braucht der Vater nicht. Martina: „Es genügte ein unpassendes Wort, ein ängstlicher Blick oder eine falsche Bewegung.“
Einmal schlägt er sie mit einer Holzlatte. Martina steckt heute noch ein Holzsplitter im Kopf. Er kann nicht operiert werden, weil sie das nicht überleben könnte. Einmal prügelt er sie ins Koma. Ihre Mutter schaut gleichgültig zu. Sie nickt alles ab, auch den Partnertausch, für den sich der Vater unentwegt fremde Paare ins Haus holt. Die Kinder müssen dann vor dem Haus bleiben. Auch im Winter.
Ansonsten erlebt Martina ihre Mutter nur jammernd in Kittelschürze. Sie und ihre Geschwister müssen – kaum sind sie aus der Schule – putzen, kochen, aufräumen. Ständig hört sie ihre Mutter sagen: „Wärst du doch nur verreckt, als du auf die Welt gekommen bist.“
Mit dem Buch wollen sie aufrütteln
Martina: „Wir Kinder waren nichts wert und das sagten uns unsere Eltern immer wieder.“ Haussklaven seien sie gewesen. Ewig in Angst, den Vater oder die Mutter zu reizen.
Sie schluckt. Wenn sie von damals erzählt, weint sie. Darüber reden, das macht sie inzwischen oft. Es ist wie eine Befreiung. Jahrelang hat sie geschwiegen. Jetzt will sie, dass das Thema Kindesmisshandlung nicht unter den Teppich gekehrt wird.
So wie in den 1960er- und 1970er-Jahren, als das fast als Kavaliersdelikt durchging. Es war ein Verbrechen, über das niemand sprach. Es war ein Tabu. Martina nickt: „Bei uns im Umfeld haben viele etwas mitbekommen, aber sie haben geschwiegen.“ Noch heute ist das so.
Vor zwei Jahren schrieb Martina mit ihrer Schwester Sabine (sie ist zwölf Jahre jünger) ein Buch über ihre Kindheit: „Und dahinter war die Hölle“ (erschienen bei Amazon). Auf Facebook haben die Schwestern eine Seite eingerichtet. Martina Sabine heißt sie. Damit wollen sie aufrütteln. Denn ein Tabu ist Missbrauch immer noch. Und oft bleibt er unentdeckt.
Martina ist mit Tieren aufgewachsen: mit Katzen, Hunden und einem Gänserich, den sie liebte. Mit ihnen konnte sie kuscheln. „Meine Eltern haben nie mit uns geschmust, geschweige denn uns auf den Schoß genommen“, sagt sie.
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Gerade ist ein verstörender Missbrauchsprozess zu Ende gegangen. Seit April standen vor Gerichten in Freiburg, Karlsruhe und Kiel sieben Männer und eine Frau, alle verbunden über ein pädokriminelles Netzwerk, das Ermittler so zuvor noch nicht enttarnt hatten.
Opfer waren ein heute sechs Jahre altes Mädchen und ein heute zehn Jahre alter Junge aus Staufen. Beide waren von Berrin. T. und deren Lebensgefährten Christian L. sexuell schwer missbraucht worden.
Den Jungen – den Sohn von Berrin T. – verkaufte das Paar zudem über das Darknet an andere Männer, damit diese ihn vergewaltigen konnten.
Am Ende der beispiellosen Prozessserie sind nun die Urteile gegen die Haupttäter gesprochen worden: Berrin T. (48) muss für zwölf Jahre und sechs Monate in Haft. Ihr Partner Christian L. (39) wurde zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt, das Gericht ordnete bei ihm Sicherungsverwahrung an.
Während der Vorsitzende Richter die Urteile begründete, zeigten die Angeklagten keinerlei Emotionen: T. starrte teilnahmslos ins Leere, L. kaute ungerührt Kaugummi.
Anzeige gegen ihre Eltern hat sie nie erstattet
Vor dem Landgericht Limburg wird seit Donnerstag der „Elysium“-Prozess verhandelt. Hinter der Kinderporno-Plattform „Elysium“ verbirgt sich schwerster sexueller Missbrauch von Jungen und Mädchen, gezeigt auf Hunderten Videos und Fotos.
Die Plattform wurde vor rund einem Jahr abgeschaltet. Nun steht die mutmaßliche Führungsriege vor Gericht. Die vier Männer aus verschiedenen Teilen Deutschlands sollen „Elysium“ für Zehntausende Pädophile weltweit im Darknet, dem verborgenen Teil des Internets, betrieben oder sich am Betrieb beteiligt haben.
Martina weint oft, wenn sie von solchen Fällen liest. Sie leidet mit den Opfern. Als sie jüngst mit Facebook-Usern chattete, wurde vieles wieder aufgewühlt. Sie bekommt viele Reaktionen. Betroffene. Mut machende, aber auch niederschmetternde.
„Wie oft werden wir so hingestellt, als ob wir das alles erfunden haben!“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Klar, habe sie nie Anzeige gegen ihre Eltern gestellt. „Wer hätte mir denn geglaubt? Zudem hätte ich mich das nie getraut!“
Das Buch der Geschwister Martina Wolf und Sabine Reiv (sie haben ihre Namen geändert). Martina sagt heute: „Ich empfinde keinen Hass gegen meine Eltern. Das vergiftet mich nur selbst.“
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Als Martina zehn Jahre alt ist, zieht die Familie von Köln in ein kleines Dorf im Saarland. Dort hat der Vater einen Hof geerbt. Ein hoher Zaun umgibt die Gebäude. Sie sind runtergekommen, graue Fassaden machen alles noch düsterer. In den Ställen halten die Eltern Schweine, Kaninchen und Hühner.
Lichtblick auf dem Gelände ist das Bienenhaus, um das sich der Vater liebevoll kümmert. Zucker für die Bienen gibt es daher immer im Haus. „Für uns dagegen gab es kaum etwas zu Essen“, sagt Martina.
In der Zeit ernährt sie sich nur von den Obstbäumen. Oder sie isst Maggie, manchmal trinkt sie eine ganze Flasche aus. Maggie hat sie heute noch im Kühlschrank. Ihre Mutter begibt sich meistens zum Tratschen ins Dorf. Daheim ist sie mürrisch.
Als Martina zwölf Jahre alt ist, wird ihre Schwester Sabine geboren. „Ich habe sie gesehen und wusste, ich werde sie beschützen.“ Es gelingt ihr nicht immer. Wenn der Vater ausrastet, rastet er aus.
Martina flüchtet, als sie volljährig ist. Sie hat einen Mann kennengelernt. Erst sieht sie ihn als Retter. Sie irrt sich. Er trinkt und verzockt alles Geld. Und er schlägt sie. „Ich war von der einen zur nächsten Hölle gekommen“, sagt sie. Als ihr Sohn zehn Jahre alt ist, bringt sie den Mut auf, sich von dem Mann zu trennen.
„Es aufzuschreiben, war wie eine Therapie.“
Noch heute hat Martina ein schlechtes Gewissen Sabine gegenüber. Sie ahnte damals Schlimmes. Zu Recht, wie sich später rausstellt.
Sabine wird mit sieben Jahren von der Mutter an zwei ältere Männer verkauft. Sie vergehen sich an ihr. Das Mädchen weint, schreit und wehrt sich vergebens.
Ihre Mutter setzt sie danach auf ein Dampfbad mit Kamille, damit sie nicht die ganze Nachbarschaft zusammenschreit. Stolz wedelt sie vor ihrer Tochter mit den Geldscheinen herum, die ihr die zwei Männer gegeben haben.
Martina verhaspelt sich oft, wenn sie von damals erzählt. Plötzlich fallen ihr weitere Situationen ein, in denen sie und später auch ihre Schwester in Lebensgefahr waren. Einmal stellt der Vater Sabine an einen Baum und zielt mit dem Gewehr auf sie. Das Mädchen zittert am ganzen Leib. Irgendwann lässt er ab. Irgendwann.
Am Heiligen Abend 1981 geht Martinas Vater in seine Werkstatt und kommt nicht mehr heraus – er hat sich erschossen. Ihre Mutter, zu der Martina keinen Kontakt mehr hatte, lebte bis vor zehn Jahren. Sie starb vereinsamt in einem Altenheim.
Martina hat zwei Kinder. Auch Sabine ist Mutter von drei Kindern. Als sie mit dem ersten schwanger war, war sie 16 Jahre jung. Beide leben in glücklichen Beziehungen. „Dass sie diese Kindheit hatte, erfuhr ich erst viel später“, sagt Martinas Partner Rolf – als sie mit ihrer Schwester alles aufgeschrieben habe. Martina sei sehr in sich gekehrt gewesen in dieser Zeit. Nach einem halben Jahr spürte er, wie befreit sie war. „Die Schwestern hatten den schweren Koffer vor einem Haus abgestellt und ihn zurückgelassen.“ Natürlich hätten sie nicht alles verstauen können. Aber sie hätten danach wieder lachen können. Martina nickt. „Es aufzuschreiben, war wie eine Therapie.“
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