BERLIN Er bekam - wie kann es auch anders sein - die Bestnote für seine Doktorarbeit. Summa cum laude trug Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) vor vier Jahren nach Hause, seitdem ist er "Doktor jur.". Doch jetzt stellt der Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano den Einserabsolventen in Frage: Guttenberg hat ganze Passagen seiner Arbeit einfach nur abgeschrieben. Der Freiherr ein Lügenbaron?Bisher war es eine Vorzeige-Dissertation eines Vorzeige-Ministers, dem scheinbar alles gelingt: 475 Seiten lang, 2009 vom Verlag "Duncker & Humblot" in der Reihe "Schriften zum internationalen Recht" (Band 176) veröffentlicht. Thema: "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU".Doch jetzt steht Guttenberg plötzlich als Lügenbaron da. Er soll Texte aus der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) fast vollständig übernommen haben (siehe Kästen). Die Einleitung seiner Dissertation soll er gar wortwörtlich aus "FAZ" abgeschrieben haben, so die Zeitung gestern. Zudem soll sich der Freiherr aus einem Vortrag von Wilfried Marxer bedient haben.Den Stein ins Rollen brachte Fischer-Lescano. Er las die Dissertation. Dabei kam dem Wissenschaftler eine Passage merkwürdig bekannt vor.Er googelte den Text bei einem Glas Rotwein. Treffer. Dann googelte er die gesamte Arbeit. Weitere Treffer. Fischer-Lescano fand mindestens acht Passagen von anderen Autoren, die bei Guttenberg nicht als Fußnoten oder im Literaturverzeichnis vermerkt waren. Fischer Lescano entgeistert zur "SZ": Die Doktorarbeit sei an mehreren Stellen ein "dreistes Plagiat". Textduplikate zögen sich durch die gesamte Arbeit, durch alle Texte."Der Wissenschaftler zog Dr. Felix Hanschmann von der Uni Frankfurt hinzu. Der Plagiats-Experte zum KURIER: "Wir haben festgestellt, dass mitunter ganze Seiten der Doktorarbeit einfach übernommen worden sind - ohne Fußnoten oder dass die Passagen im Literaturverzeichnis auftauchten." Es gehe nicht darum, Guttenbergs Ruf zu zerstören: "Wir haben die Doktorarbeit nicht nach Plagiaten überprüft, weil wir ihm eins auswischen oder ihn politisch beschädigen wollten. Aber wir haben ein Interesse an der Einhaltung wissenschaftlicher Mindeststandards." Dagegen sei "gravierend" verstoßen worden, der Minister könne auch nicht sagen, er habe "aus Unachtsamkeit Zitate vergessen". Hanschmann fügt hinzu: "Wir stehen daher allen Angriffen und rechtlichen Schritten gelassen gegenüber. Das, was wir haben, ist hieb und stichfest." Und was sollten die Konsequenzen sein? Der Plagiats-Experte: "Es gibt vergleichbare Fälle, in denen Betroffenen der Doktortitel entzogen worden ist."Harter Tobak!Und was sagt der Minister? Er nennt die Vorwürfe "abstrus". Er sei "gerne" bereit zu prüfen, ob "vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten". Die Uni Bayreuth will den Vorwürfen auf den Grund gehen. Jürgen Trittin (Grüne): "Egal ob vorsätzliches Plagiat oder einfache Schlamperei: Guttenberg hat zum ersten Mal das Problem, dass er die Verantwortung auf keinen anderen abschieben kann." Der Minister hat sich aus der Schusslinie genommen - flog zu einem Blitzbesuch an die Front nach Afghanistan...------------------------------Das Original: .... Aus dem Streit hervorgegangen ist ein durch und durch säkularer, laizistischer Text, der angesichts der europäischen Realität zu Recht auf eine "Invocatio Dei", eine Anrufung Gottes, verzichtet und sich stattdessen auf den Geist der Antike, des Humanismus und der Aufklärung beruft...(NZZ am Sonntag, 2003)Dr. Guttenberg:.... Aus dem Streit hervorgegangen ist ein durch und durch säkularer, laizistischer Text, der angesichts der europäischen Realität zu Recht auf eine "Invocatio Dei", eine Anrufung Gottes, verzichtet und sich stattdessen auf den Geist der Antike, des Humanismus und der Aufklärung beruft...------------------------------Das Original: Dr. Guttenberg:... In allen Bundesstaaten sind darüber hinaus auch Anordnungen von Volksabstimmungen aufgrund von Behördenbeschlüssen möglich ... (Wilfried Marxer: "Wir sind das Volk", 2004)Dr. Guttenberg:... In allen Bundesstaaten sind darüber hinaus auch Anordnungen von Volksabstimmungen aufgrund von Behördenbeschlüssen möglich ...------------------------------Das Original: ... Insgesamt kann im 20. Jahrhundert eine kontinuierliche Zunahme der direktdemokratischen Entscheidungen auf nationaler Ebene festgestellt werden ... (Wilfried Marxer: "Wir sind das Volk", 2004)Dr. Guttenberg:... Insgesamt kann im 20. Jahrhundert eine kontinuierliche Zunahme der direktdemokratischen Entscheidungen auf nationaler Ebene festgestellt werden ...------------------------------
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