Ist das wirklich alles möglich?

Physiker testet 007-Stunts

Physik-Professor Metin Tolan hat die Stunts von James Bond analysiert.

Florian Thalmann
Lesezeit 6 Min
Daniel Craig spielt die Rolles des berühmtesten Geheimagenten der Welt: James Bond.

Daniel Craig spielt die Rolles des berühmtesten Geheimagenten der Welt: James Bond.

© imago

Ein Flugzeug rast in einer Gebirgslandschaft ungebremst über den Rand einer Klippe. Ein Geheimagent fährt mit seinem Motorrad hinterher – und stürzt sich ebenfalls in die Tiefe. Im freien Fall segelt er immer näher an die weiß-rote Maschine heran, bis er sie schließlich erreicht. Er klettert zur offenen Seite des Flugzeugs ins Innere, schwingt sich ins Cockpit, reißt das Steuer hoch.

Der Mann, dem dieses Manöver gelang, heißt Bond. James Bond. Die dramatische Szene war nur eine von vielen in „Golden Eye“, dem 17. Film der 007-Reihe. Als der Streifen im Jahr 1995 in die Kinos kam, saßen die Zuschauer mit offenen Mündern da und staunten über den waghalsigen Stunt, den Schauspieler Pierce Brosnan meisterte. Es gab nur einen Mann, der sich nicht zufriedengab.

Die Flugzeug-Stunts sind für Laien unmöglich

Sein Name ist Tolan. Metin Tolan. „Ich erinnere mich, dass ich im Kino saß und darüber lachte, denn die Szene mit dem Flugzeug ist recht abstrus“, sagt er. „Aber ich fragte mich auch, ob es theoretisch nicht doch funktionieren würde.“ Nach dem Film setzte sich Tolan an seinen alten Computer.

Er berechnete, unter welchen Bedingungen James Bond bei einem solchen Sprung das Flugzeug erreichen könnte. Es wäre möglich – aber nur dann, wenn Bond 14-mal stromlinienförmiger wäre als das Flugzeug. Zudem müsste er die Anfangsgeschwindigkeit des Flugzeugs auf 2 bis 3 km/h genau schätzen, um sein eigenes Tempo anpassen zu können. Beides unmöglich für Laien. „Aber ein gut ausgebildeter Agent sollte dazu in der Lage sein“, sagt Tolan und lacht.

Physik-Professor Metin Tolan hat die Stunts von James Bond analysiert.

Physik-Professor Metin Tolan hat die Stunts von James Bond analysiert.

© camcop media / Andreas Klug

Der Laie würde auch an einer solchen Aufgabe scheitern. Aber nicht Tolan. Ein Geheimagent ist der 51-Jährige nicht. Dafür aber ein Professor der Physik. Er studierte das Fach von 1984 bis 1989 an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, unterrichtet seit 2001 an der TU in Dortmund. Schon im ersten Jahr als Dozent baute er den James-Bond-Stunt in seinen Unterricht ein und löste damit Begeisterung aus. Heute hält er in ganz Deutschland Vorträge.

Außerdem hat er das Buch „Geschüttelt, nicht gerührt“ geschrieben – über die Physik der Bond-Filme. Dieser Tage stand er im Deutschen Spionage-Museum am Leipziger Platz vor 150 Zuschauern, analysierte ausgewählte Manöver des Geheimagenten – wie den Flugzeug-Sprung. Und auch eine andere Eigenart des Agenten ignorierte er nicht: seine höchst interessanten Armbanduhren.

James Bond hat eine Uhr der besonderen Art

1973. „Leben und sterben lassen“ kommt in die Kinos. Es ist der achte 007-Streifen, Roger Moore spielt die Hauptrolle. Und zeigt in einer Sequenz einen Zeitmesser der besonderen Art. Am Arm trägt er eine Uhr, in die ein superstarker Magnet eingebaut ist. Einen Meter von ihm entfernt steht M, der Chef des Geheimdienstes. Er trinkt eine Tasse Tee. Bond aktiviert seine Uhr. Sie zieht den Löffel von M’s Untertasse an. Er fliegt durch die Luft, bleibt – klack! – an der Uhr kleben.

Sicherlich haben nur wenige Zuschauer diese Szene hinterfragt. Anders Tolan. „Wenn man Dinge erfahren will, muss man sich einfach nur interessante Fragen stellen.“ Zum Beispiel folgende: Wie viel Strom muss durch die Uhr fließen, damit das Magnetfeld in einem Meter Entfernung noch größer ist als das Gewicht des Löffels?

Der Aston Martin DB5 von 1964, der von Sean Connery in der Rolle des James Bond gefahren wurde.

Der Aston Martin DB5 von 1964, der von Sean Connery in der Rolle des James Bond gefahren wurde.

© imago

Das Ergebnis rechnet Tolan in seinem Vortrag vor. „Gehen wir von einer Uhr aus, in der ein Kupferdraht liegt, durch den Strom fließt. An einer solchen Armbanduhr müssten vier Milliarden Ampere anliegen.“ Gelächter im Publikum. Dass das unmöglich ist, wird auch Nicht-Physikern klar.

„Und es gibt ein weiteres Problem: Strom erzeugt Wärme.“ Auch die Temperatur könne man ausrechnen, sie liege bei mehreren Milliarden Grad Celsius. „Sie schalten die Uhr ein und verdampfen.“

Das zentrale Problem ist die Entfernung

In seinen theoretischen Betrachtungen modifizierte Tolan die Uhr: Er baute eine Spule ein, 100 Kupferdraht-Windungen auf einem Eisenkern. „Hier sind etwa 8000 Ampere Strom nötig. Und mit ein paar tausend Grad Celsius schmilzt die Uhr vom Handgelenk.“ Die dritte Uhr wurde größer. Darin steckte eine Spule mit 1800 Windungen Draht auf einem Metallkern. Nur fünf Ampere wären nötig, um das Magnetfeld zu erzeugen, die Temperatur läge bei 250 Grad. „Es ist eben keine Uhr für Weicheier.“

Das zentrale Problem ist die Entfernung. Bei zehnfacher Distanz sinkt die Anziehungskraft nicht auf ein Zehntel, sondern auf ein Zehnmillionstel. Vielleicht kann man den Löffel aus einem Zentimeter Entfernung anziehen. Aus zehn Zentimetern reicht die Kraft nur noch für ein Körnchen Metall.

Die Kleider-Nummer funktioniert

Aus der Nähe klappt es aber, sagt Tolan, und zeigt eine weitere Szene. Hier öffnet der Agent mit seiner Uhr den Verschluss des Kleides einer Frau, die neben ihm steht. Es geht – Tolan testete das mit Kollegen. „Leider wurden wir aus dem Modegeschäft geworfen.“

Im Deutschen Spionage-Museum zeigt eine Dauerausstellung 300 Exponate aus der Geschichte der großen Agenten – wie diese Schuhe mit Geheimfach.

Im Deutschen Spionage-Museum zeigt eine Dauerausstellung 300 Exponate aus der Geschichte der großen Agenten – wie diese Schuhe mit Geheimfach.

© dpa

Schon immer hat er nicht einfach akzeptieren wollen, was die Welt ihm bot. Vielen Menschen ist es egal, ob und warum sich die Erde um die Sonne dreht; er hat es als Kind hinterfragt. „Ich hatte kein Internet und keine Bücher, die mir das erklären konnten. Erst mein Lehrer am Gymnasium half.“

Heute versucht er, die Fragen zu beantworten, die sich andere gar nicht erst stellen. Er schrieb Bücher über die Physik beim Untergang der Titanic, analysierte die Wissenschaft des Fußballs und sagte 2014 sogar den Weltmeistertitel der Nationalelf voraus – allein aufgrund von Berechnungen.

Akzeptanz der Physik entsteht durch Unterhaltung

Bei seinen Vorträgen legt er Wert auf Unterhaltung. „Wenn man sich unterhalten fühlt, entsteht daraus auch eine Akzeptanz für Physik.“ Warum das Fach bei vielen Menschen unbeliebt ist, kann er sich kaum erklären. Vielleicht liegt es an den Erfahrungen aus der Schule. „Aber: ehrlich? Gerade wurden sieben Planeten entdeckt, auf denen eine neue Welt liegen könnte. Wenn da jemand ,Interessiert mich nicht!‘ sagt, kann ich das nicht verstehen.“

Erklären möchte er. Was er nicht möchte: den berühmtesten Agenten der Welt entzaubern. „Ich trage nur zu einer großen Transparenz bei und rechne vor, dass alles möglich ist, wenn auch nur für Geheimagenten.“ So ist es immer, auch beim Flugzeug-Sprung. Selbst wenn es Bond schafft, die Maschine im freien Fall zu erreichen, muss er noch einsteigen. Einsteigen? Nein. Er würde mit 80 Kilometern pro Stunde im Flugzeug einschlagen – das hat Tolan ausgerechnet.

Unmöglich? Für Laien. „Aber Agenten haben vielleicht einen Anzug mit eingebauten Luftpolstern, der das abfedert.“
Vielleicht? Nein, ganz sicher.

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