Rund sechs Millionen Deutsche spielen Fußball. Fast die Hälfte aller Sportverletzungen wie Bänderrisse, Meniskusverletzungen und Kreuzbandrisse passieren beim Kicken. Nach Zahlen des Fußball-Weltverbandes FIFA verletzen sich Kicker in 100 Spielen durchschnittlich ein- bis fünfmal. Amateurfußballer sind nach der Erfahrung von Sportmedizinern noch weitaus häufiger betroffen. Was sind die Gründe und wie kann man vorbeugen? KURIER-Mitarbeiterin Nanette Franke sprach mit Dr. Ulrich Schleicher, Team-Arzt von Hertha BSC.?Immer öfter hört man, dass Bundesligaprofis, aber auch Amateurspieler ihre sportliche Karriere wegen Knieverletzungen an den Nagel hängen müssen. Ist Fußball ein gefährlicher Sport?!Schleicher: Fußball ist ein Spiel mit großem Körpereinsatz. Doch die Verletzungs-Situation, gerade bei Profi-Vereinen, hat sich verbessert. Zum einen, weil die OP-Techniken besser werden, aber auch die Prophylaxe hat Fortschritte gemacht.?Was bedeutet Prophylaxe?!Schleicher: Jeder, der spielen will, besonders Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene, gerade nach einer langen Sportpause, sollten vorher zum Sportarzt gehen. Dort wird nicht nur die Belastungsfähigkeit von Herz und Kreislauf untersucht. Es geht auch darum, Auffälligkeiten im Bewegungsapparat rechtzeitig festzustellen: Beinachsfehler wie O- und X- Beine, Fußfehler - Spreiz-, Senk- und Knickfüße - aber auch ein schiefes Becken, etwa durch verschieden lange Beine oder muskuläre Dysbalancen, sind ein Verletzungsrisiko. Sie tragen zu höherer Kniebelastung und frühem Verschleiß der Knorpel bei.?Kann man da gegensteuern?!Schleicher: Ja. Bei den meisten Spielern sind die vorderen Oberschenkelmuskeln sehr stark. Die Muskulatur an der Oberschenkelrückseite, die das Becken aufrichtet und das Kniegelenk beim Strecken sichert, ist dagegen unterentwickelt und verkürzt. Auch die Muskeln an der Oberschenkelaußenseite müssen als Gegengewicht zur bei Fußballern sehr ausgeprägten Beininnenseite gestärkt werden. Ebenso besteht bei den meisten Spielern ein Missverhältnis zwischen Unter- und Oberkörpermuskulatur. Das macht sich z. B. durch Leistenschmerzen bemerkbar. Die unentwickelte Muskulatur kann man auftrainieren, im Fitnessstudio, mit Hilfe von Rehatrainern oder Krankengymnastik. Dann bezahlt es sogar die Kasse. Darüber hinaus können Einlagen und spezielle Sportschuhe korrigierend auf Fußfehlstellungen wirken.?Wer auf dem Platz gesund bleiben will, muss also Zusatztraining machen?!Schleicher: Auf jeden Fall. Gerade für Jugendliche in der Wachstumsphase ist es wichtig, einseitige Beanspruchung zu vermeiden. Gymnastik - mehr als einmal in der Woche - gehört dazu. Auch Schwimmen ist eine ideale Ausgleichssportart.?Soll man Muskeln dehnen oder nicht und was bringt das für den Verletzungsschutz?!Schleicher: In Hüfte und Knie ist die Kapsel, die das Gelenk als äußere Hülle umgibt, oft nur wenig elastisch. Dadurch sind die Gelenke in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Dehnen macht sie freier beweglich, vermeidet Fehlbeanspruchung und ist aktiver Muskelschutz. Allerdings sollte man nur warme Muskeln dehnen, also nach einer Einlaufphase von fünf bis zehn Minuten.?Sind fitte Spieler weniger verletzungsanfällig?!Schleicher: Ja. Denn je stärker der Spieler ermüdet, desto schlechter wird die Koordination. Zweikämpfe mit dem Gegner können so schneller zu Verletzungen führen. Gerade nach längerer Verletzungspause sollte man deshalb zunächst systematisch Kondition und Koordination aufbauen. Profis machen das durch lange Läufe, dann kommen Sprints und Koordinationstraining, etwa mit dem Wackelbrett oder durch Slalom- und Wechselläufe, hinzu. Erst danach geht der Profi wieder mit dem Ball auf den Platz. Sonst können die Verletzungen erneut aufbrechen.?Haben Sie Hoffnung, dass diese Erkenntnisse auch bei den Amateuren ankommen?!Schleicher: Das sind natürlich Idealvorstellungen, die sich im Profibereich sehr viel besser verwirklichen lassen. Amateure sind nicht so gut finanziell ausgestattet und die Spieler auch beruflich gefordert. Aber ich bin da optimistisch. Die meisten Trainer und Sportler bemühen sich sehr, diesen Grundsätzen nachzukommen, um Verletzungen zu vermeiden.------------------------------BU: Mannschaftsarzt Dr. Ulrich Schleicher
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