Berlinale-Chef Dieter Kosslick

Ich komme mir vor wie Erich Honecker

Interview über Deniz Yücel, MeToo-Debatte und Zustimmungswerte wie in der DDR.

Karim Mahmoud Palmer Anne-Kattrin
Lesezeit 4 Min
Dieter Kosslick eilt auch in seinem vorletzten Jahr als Festival-Direktor von Termin zu Termin.

Dieter Kosslick eilt auch in seinem vorletzten Jahr als Festival-Direktor von Termin zu Termin.

© Getty Images

Endspurt bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin. Am Sonnabend werden die Bären verliehen, und Festivalchef Dieter Kosslick (69) hetzt von Termin zu Termin. Bis zu 50 davon nimmt er jeden Tag wahr. KURIER-Reporter Karim Mahmoud traf den Manager im Hotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz.

Kosslick im Gespräch mit KURIER-Reporter Karim Mahmoud.

Kosslick im Gespräch mit KURIER-Reporter Karim Mahmoud.

© Mahmoud

Deniz Yücel ist frei. Kommt er noch?

Also, wir versuchen, ihn noch einzuladen, aber es ist immer ein zweischneidiges Schwert. Wenn er jetzt käme und über den Roten Teppich ginge, dann kann dies auch gleich wieder zu einem Riesen-Event werden. Man muss wirklich sehr vorsichtig sein, sonst entsteht der Eindruck, dass wir das aus Marketinggründen ausbeuten würden. Wenn er Lust hätte zu kommen, ist er auf jeden Fall herzlich willkommen.

Die Kleider zur Eröffnung waren bunt und glamourös. Es gab keinen schwarzen Teppich. Ist #MeToo auf der Berlinale gescheitert?

Nö, das würde ich nicht sagen. Es wird auf allen Ebenen diskutiert, wir vermitteln Beratungsangebote, falls jemand sich melden möchte, weil es ihm oder ihr nicht gut geht auf der Berlinale, falls er oder sie was zu beklagen hat oder bedrängt wird. Nein, es ist überhaupt nicht gescheitert. Ich möchte aber hinzufügen, wie Anke Engelke sagte: Symbol ist gut, aber es ist eine Haltungsfrage. Ich habe zum ersten Mal einen schwarzen Schal getragen in 17 Jahren – auch, um zu dokumentieren, dass ich das durchaus verstehe.

Unverständlich bleibt ein böser Brief. Darin forderten 79 Regisseurinnen und Regisseure indirekt Ihre Ablösung. Können Sie denen noch in die Augen schauen?

Die Petition forderte von der Politik Transparenz bei der Suche nach meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger in 2020. In der Zwischenzeit hat, glaube ich, jeder verstanden, dass es nur wenige waren, die die Petition manipulativ benutzt haben, um sie gegen mich zu richten. Viele Unterzeichner haben sich missbraucht gefühlt und haben das auch öffentlich kundgetan. Denen kann ich also sehr wohl noch in die Augen schauen.

Kann man überhaupt zu lang Berlinale-Direktor sein?

Das kommt drauf an, für wen. Wenn man die 350.000 Besucher fragen würde, die Kinokarten kaufen, dann würde sicher was anderes dabei rauskommen als einige der Unterzeichner behaupten. Also, es ist gut, wenn es einen Wechsel gibt. Und deshalb wollte ich nach Ende meines Vertrages in 2019 ja auch nicht mehr als künstlerischer Direktor weitermachen.

Mögliche Nachfolger scharren schon mit den Hufen. Was muss man für diesen Job mitbringen?

Ich bin, wie ich so gern sage, die Eilige Dreifaltigkeit. Man muss nämlich ganz schön schnell sein, man muss Manager-Qualitäten haben, man muss viele Kontakte pflegen. Die Berlinale ist das größte Publikumsfestival der Welt, da muss man viele Aspekte beachten. Also: Gut drauf sein, ist gut, immerhin vermittelt man als Festival-Direktor auch ein Bild nach draußen.

Und das ist unendlich wichtig für Berlin wie auch für Deutschland. Das haben wir, glaube ich, ganz gut hingekriegt: Wir sind ein Ort der Toleranz, der Unterschiedlichkeit und der Völkerverständigung. Und wenn’s dann noch etwas Humor gibt, hilft das.

Gibt’s neue Verkaufsrekorde?

Aktuell hatten wir am Montag schon 250.000 Tickets verkauft, so viel wie zur gleichen Zeit im Vorjahr. (Lacht.) Ich komme mir immer so ein bisschen vor wie Erich Honecker, der hatte 99,8 Prozent bei Wahlen und hatte nur noch die Chance, 0,2 Prozent gutzumachen, und das ist bei uns auch so. Wir können noch einen Rekord aufstellen, aber nur einen Rekord innerhalb unseres Rekords.

Sonnabend die Preisverleihung: Was muss ein Siegerfilm mitbringen?

In jedem Fall eins: dass er ganz besonders ist. Und der Siegerfilm wird sicher auch in diesem Jahr ganz besonders sein.

Wie wird 2019, Ihr letztes Jahr als Berlinale-Direktor? Ein Ausstieg mit Knall?

Ich erwarte jedenfalls einen Blumenstrauß und einen Gutschein für zwei Personen in ein vegetarisches Restaurant, und da würde ich dann gerne das vegetarische Sternerestaurant Crackers nehmen, wo ich gern abends hingehen möchte. Mit meiner Frau.

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