Mühsam stapft Juliane Witt durch den lehmigen Matsch. Die Stiefelabsätze der Linken-Politikerin versinken im Boden, ihr Blick schweift langsam über eine verrostete Mikrowelle, ausrangierte Teppiche, Autoreifen, Wäscheleinen vollgehangen mit löchrigen Klamotten und unzählige Taschentücher zwischen Gestrüpp. Witt rümpft die Nase. Der Geruch von vergammeltem Essen liegt in der Luft. Hier, nahe dem U-Bahnhof Elsterwerdaer Platz, leben fünf Menschen in Ruinen. „Unter menschenunwürdigen Bedingungen“, wie Witt feststellt. „So kann es nicht bleiben. Das kann der Bezirk, können die Bürger nicht akzeptieren“.
Stadträtin Juliane Witt vor einem der Gebäude. Dort leben Mariusz, Claudia und Michael.
© TP / Thomas Uhlemann
Mit Witt sind zwei Sozialarbeiterinnen auf das Grundstück gekommen. Auf A4-Blättern haben sie Hilfsangebote ausgedruckt. Viel steht dort nicht. Eine Einrichtung der Kältehilfe ist vermerkt, diese ist allerdings nur noch bis Ende März geöffnet. Auch kostenlos behandelnde Ärzte und die Adresse des Sozialamts sind vermerkt. „Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Es gibt ein Gesetz zur Vermeidung von Obdachlosigkeit, aber außer unsere Hilfe anzubieten, bleibt nicht viel“.
Zumindest einer der Bewohner ist gegenüber dem ungewohnten Besuch aufgeschlossen, lässt sich das Blatt in die schmutzigen Hände geben. Mariusz (39) lebt seit vergangenem Sommer auf der Brache. Mit den Sozialarbeiterinnen verständigt er sich mit Händen und Füßen und Bruchstücken der russischen Sprache. Seine „Freunde“ sind dazu nicht mehr fähig. Sie fuchteln mit leeren Wodkaflaschen herum, fluchen polnisch, einer rammt sein Messer in einen Baum.
Das Essen erhitzen sich die Bewohner mit Gas aus Flaschen.
© TP / Thomas Uhlemann
Wie es mit ihnen weitergeht, ist unklar. Am Donnerstag, nach der ersten KURIER-Berichterstattung, schaute das Gesundheitsamt an der Köpenicker Straße vorbei. Im internen Bericht heißt es: „Die Menschen gaben keine Hinweise auf besondere Betreuungsnotwendigkeiten durch das Amt. Auf dem Gelände gibt es zwar Unrat, aber es konnten keine Hinweise auf Rattenbefall festgestellt werden, der vorhandene Hund wirkte gut versorgt.“
Kein Freibrief zum Bleiben. Das Grundstück wurde vor wenigen Wochen verkauft, der neue Besitzer (eine Autohaus-Kette) ist jedoch noch nicht im Grundbuch eingetragen. Also ist der alte Eigentümer, die landeseigene Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), zuständig. Die wird in den kommenden Tagen Post von Johannes Martin bekommen.
Abends sitzen sie zusammen an einem geklauten Grill auf ebenso gestohlenen Gartenstühlen.
© Bernd Friedel
Der CDU-Politiker hat in Marzahn-Hellersdorf als Stadtrat das Ordnungsamt zu verantworten. „Wir haben die BIM aufgefordert, zu handeln. Dort herrschen unhaltbare Zustände“, sagte Johannes Martin. „Vor allem der Unrat muss schleunigst entsorgt werden.“ Das Amt hat der BIM eine 14-tägige Frist zur Entsorgung gesetzt. Hält sie diese nicht ein, droht ein Ordnungswidrigkeitsverfahren.
Spätestens mit Baubeginn des Autohauses, ein genauer Termin ist nicht bekannt, müssen die Bewohner, die ihr tägliches Überleben mit dem Sammeln von Pfandflaschen und Schnorren sichern, weg. Nur wohin? Denkbar wäre eine Notunterkunft, in der sie jedoch nur einen Tag bleiben könnten. Und dort hätten sie ein weiteres Problem: In einer solchen Aufnahmestelle wären sowohl Alkohol als auch ihr vierbeiniger Weggefährte, der Labrador Jimmy, verboten.
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