Innerdeutsche Grenze

Die vergessenen Opfer des Todesstreifens

Forscher konnten die Schicksale von rund 300 weiteren DDR-Flüchtlingen klären.

Mike Wilms
Lesezeit 4 Min
Zwischen DDR und BRD verlief auf rund 1400 Kilometern die innerdeutsche Grenze. An ihr starben, wie man jetzt weiß, 327 Menschen.

Zwischen DDR und BRD verlief auf rund 1400 Kilometern die innerdeutsche Grenze. An ihr starben, wie man jetzt weiß, 327 Menschen.

© Alfred Buellesbach / VISUM

Der DDR-Volksaufstand vom 17. Juni 1953 jährt sich heute zum 64. Mal. Überall in Deutschland werden wieder Kränze niedergelegt – im Gedenken an die Opfer des real existierenden Sozialismus. Für die einen ist das lange her, andere waren noch gar nicht geboren. Die Historiker hatten viel Zeit, um die Geschichte von Mauer und Stasi zu ergründen – und doch gibt es noch viele Wissenslücken. So weiß man, dass 139 Menschen an der Berliner Mauer starben, aber über die Opfer der innerdeutschen Grenze war wenig bekannt.


Die Suche nach der Wahrheit

Sie alle hatten ein Gesicht, einen Namen und einen Ort, den sie ihr Zuhause nannten. Doch dieses Zuhause lag in der DDR, und dort wollten sie nicht bleiben. Sie flüchteten, starben dabei – und wurden dann vergessen. FU-Forscher haben jetzt die Biografien von 327 Opfern des Todesstreifens aufgearbeitet. Sie geben den
Toten ihren Namen und ihre Geschichte zurück.
 


Das ändern FU-Historiker derzeit mit einem Forschungsprojekt.
Am 15. Januar 1969 fanden BRD-Zöllner den 27-jährigen Wolfgang Bernhard Zill am Elbufer bei Schnackenburg in Niedersachsen. Der junge Ingenieur aus der DDR lebte noch, doch sein Zustand war kritisch. Er hatte die eiskalte Elbe bei Lütkenwisch in Brandenburg durchquert. Bekleidet mit Wetterjacke und Skihose. Ein Notarzt versuchte noch, Zill zu retten. Aber der junge Mann starb an Unterkühlung. Grund seiner Flucht waren, wie die FU-Forscher herausfanden, haltlose Spionagevorwürfe im Betrieb.

Der Fluchtplan, von Brandenburg durch die Elbe zu schwimmen, findet sich immer wieder in dem Buch, das jetzt aus den Forschungen entstanden ist („Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949 - 1989“, Peter Lang Edition). Der angehende Meeresbiologe Hans-Peter Mielau und sein Kumpel Klaus Kühne versuchten, am 20. März 1962 in Froschmannanzügen durch die Elbe zu schwimmen. Doch die Besatzung eines DDR-Grenzboots entdeckte sie – und eröffnete das Feuer. Kühne starb im Kugelhagel, Mielau ertrank.

Der KURIER erzählt fünf dieser Geschichten

Wolfgang Bernhard Zill wurde am 15. Januar 1969 von BRD-Zöllnern am Elbufer gefunden. Er starb an Unterkühlung.

Wolfgang Bernhard Zill wurde am 15. Januar 1969 von BRD-Zöllnern am Elbufer gefunden. Er starb an Unterkühlung.

© BStU

Fred Woitke und zwei Freunde versuchten, die DDR-Grenze bei Marienborn mit einem Lkw zu durchbrechen. Woitke starb. 

Fred Woitke und zwei Freunde versuchten, die DDR-Grenze bei Marienborn mit einem Lkw zu durchbrechen. Woitke starb. 

© BStU

Hans-Peter Mielau wurde auf der Flucht von einem Grenzboot erspäht – und beschossen. Er ertrank unverletzt in der Elbe. 

Hans-Peter Mielau wurde auf der Flucht von einem Grenzboot erspäht – und beschossen. Er ertrank unverletzt in der Elbe. 

© Universitätsarchiv Greifswald,

Auch Rolf Fülleborn wollte über die Elbe aus der DDR flüchten. Am 15. April 1963 trieb seine Leiche bei Lenzen im Fluss.

Auch Rolf Fülleborn wollte über die Elbe aus der DDR flüchten. Am 15. April 1963 trieb seine Leiche bei Lenzen im Fluss.

© Frank Fülleborn/privat

Michael Gartenschläger wurde erschossen, als er im Grenz-Gebiet eine Splittermine vom Typ SM-70 demontieren wollte. 

Michael Gartenschläger wurde erschossen, als er im Grenz-Gebiet eine Splittermine vom Typ SM-70 demontieren wollte. 

© Kai Greiser

Schicksale von 327 Männern, Frauen und Kindern aus Ost und West

Bis heute ungeklärt ist, wie Rolf Fülleborn zu Ostern 1963 ums Leben kam. Man weiß aber, dass auch der Dresdner von dem „Geheimtipp“ Elbe gehört haben musste. Fülleborn verabschiedete sich von seinen Eltern und log, einen Freund in Karl-Marx-Stadt besuchen zu wollen. Am Tag danach sah ein westdeutsches Boot, dass DDR-Grenzer bei Elbkilometer 489 im Raum Lenzen (Prignitz) eine Leiche bargen. Es war, wie man jetzt weiß, Rolf Fülleborn.

All diese Fälle haben Prof. Klaus Schroeder und Dr. Jochen Staadt vom Forschungsverbund SED-Staat in jahrelanger Kleinarbeit untersucht. Sie stießen auf die Schicksale von 327 Männern, Frauen und Kindern aus Ost und West. Die meisten starben auf der Flucht aus der DDR in die BRD. Unter den Toten sind allerdings auch 44 DDR-Grenzer, die sich lieber umbrachten als weiterhin ihren Dienst zu verrichten.

Die SED leugnete die Existenz von den Splitterminen (Typ SM-70)

Etwa die Hälfte der Grenztoten war sehr jung, zwischen 18 und 25 Jahren alt. Auffallend viele hatten Jobs als Arbeiter, Bauern oder Handwerker, aber eine Zukunft im „Arbeiter- und Bauernstaat“ sahen sie nicht. Sie riskierten alles, um die Grenze zu überwinden: Am 21. April 1973 versuchten drei junge Männer mit einem Kipplaster die Grenze am Kontrollpunkt Marienborn in Sachsen-Anhalt zu durchbrechen. Unter ihnen war der Zimmermann Fred Woitke aus Schönfließ (Oberhavel). Ihr Laster durchbrach zwei Schlagbäume, überschlug sich aber am letzten Sperrelement. Zwei der jungen Männer erlitten schwere Verletzungen. Die DDR-Grenzer erschossen Fred Woitke, als er weiter nach Westen rannte.

Der Rock-Fan Michael Gartenschläger aus Strausberg gehörte zu den DDR-Bürgern, die Grenzanlagen erkundeten, um die West-Presse über Selbstschussanlagen zu informieren. Zweimal demontierte er Splitterminen (Typ SM-70), deren Existenz die SED leugnete. Bei seinem dritten Einsatz wurde Gartenschläger 1976 an Grenzsäule 231 bei Bröthen in Schleswig-Holstein erschossen.

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