Nach Einschätzung von Florian Graf, Vorsitzender der CDU-Fraktion Berlin, wurde Kandt allein aus „politischen Gründen“ gefeuert. Graf wörtlich: „Klaus Kandt passte vielen in der rot-rot-grünen Koalition schon lange nicht in den Kram!“ Zudem verliere Berlin mit Kandt „einen seiner profiliertesten Kenner der inneren Sicherheit.“ Die Entscheidung sei „angesichts der angespannten Sicherheitslage unverantwortlich!“
Das „notwendige Vertrauen“ fehlt
Andreas Geisel hingegen betonte, er brauche „einen Polizeipräsidenten, der die Erneuerung der Behörde mit Leidenschaft“ angehe. Wesentliche Punkte dieser Erneuerung: Die Hauptstadtpolizei brauche „eine starke Spitze“, jeder Polizist müsse wieder „stolz auf seinen Beruf“ sein können. Zudem sei „eine Kultur“ nötig, in der „offen über Fehler gesprochen wird.“ In all diesen Punkten fehle das „notwendige Vertrauen“ in Klaus Kandt. Wem er dieses Vertrauen entgegenbringt und wer Nachfolger des jetzt abservierten Polizeipräsidenten werden soll, sagte Geisel nicht. Zunächst soll Michael Krömer von der Polizeidirektion Fünf (zuständig für Friedrichshain-Kreuzberg) das Amt kommissarisch übernehmen, Kandts offizieller Nachfolger dann Mitte April vorgestellt werden.
Neben dem offiziell vorgeschobenen Grund „mangelndes Vertrauen“ dürften es in Wahrheit aber vor allem die zahlreichen Polizei-Skandale der letzten Monate und Jahre sein, die Kandt nun den Kopf kosteten. Der seit 2012 im Amt sitzende 57-Jährige war zuletzt immer stärker unter Beschuss geraten, wurde sogar als „Pannen-Präsident“ bezeichnet.
So wurden Kandt der katastrophale Zustand der Schießstände, die damit verbundene gesundheitliche Belastung durch eingeatmete Schwermetalle sowie die mangelnde Aufklärung des Skandals in- und außerhalb der Polizei angelastet. Seit Ende 2017 wird in diesem Zusammenhang wegen „Körperverletzung im Amt“ gegen Kandt ermittelt.
Auch die untragbaren Zustände an der Polizeiakademie mit gefrusteten Ausbildern, respektlosen und teils sogar kriminellen Polizeischülern fielen nach Ansicht vieler in den Verantwortungsbereich des Polizeipräsidenten. Dabei ging es auch um Mitglieder arabischer Groß-Familien, die angeblich in die Polizeischule eingeschleust worden seien sowie um Polizeianwärter, die laut dem Brandbrief eines Gast-Dozenten „stinkend faul und dumm“ seien.
Eklatante Ermittlungspannen vor und nach dem Weihnachtsmarktanschlag
In Zusammenhang mit dem Terroranschlag an der Gedächtniskirche im Dezember 2016 war es sowohl im Vorfeld als auch bei der späteren Aufklärung zu teils eklatanten Ermittlungspannen gekommen. Mal ging es um im Nachhinein geschwärzte Akten, mal um eine schlampige Observierung des bereits vor dem Anschlag als gefährlich eingestuften Attentäters Anis Amri, ein anderes Mal um eine völlige Überlastung der zuständigen Dienststellen.
Immer wieder kam es in der Amtszeit des jetzt offiziell „in den Ruhestand versetzten“ Polizeipräsidenten zudem zu höchst peinlichen und teils spektakulären Einbrüchen bei der Berliner Polizei. So wurden Stücke einer Ausstellung direkt aus dem Polizeipräsidium am Platz der Luftbrücke gestohlen. Zudem entwendeten Unbekannte diverse von den Behörden beschlagnahmte und teilweise als Beweismittel geführte Fahrzeuge vom Sicherstellungsgelände der Polizei. Teilweise wurden die Diebstähle erst nach Tagen bemerkt.
Neuanfang mit Kandt nicht möglich
Den zentralen Vorwurf des Innensenators, ein Neuanfang sei mit ihm als Polizeipräsident nicht möglich, wies Klaus Kandt scharf zurück. „Die Behörde befindet sich objektiv schon eine ganze Weile im Aufbruch in bessere Zeiten. Viele Themen, für die wir jahrelang gekämpft haben, sind auf einem guten Weg“, so Kandt wörtlich in einem polizeiintern von ihm verschickten Schreiben. Und weiter: „Aber dieser Aufbruch, diese positiven Signale, dieses Licht am Ende des Tunnels werden öffentlich zerredet.“
Die letzten Worte des früheren Mitgliedes der berühmten Anti-Terror-Einheit GSG9 an die Polizisten unserer Stadt: „Bleiben Sie aufrecht, bleiben Sie kritisch, bleiben Sie mit Herz und Seele Teil dieser großartigen Behörde!“
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