Immer mehr Fälle von E-Smuggling

Nachrichten vom Menschenhändler

Schleuser und Flüchtlinge verabreden sich auf Facebook und WhatsApp.

Andreas Kopietz Philippe Debionne_richtig
Lesezeit 3 Min
In einem kleinen Holzboot zusammengepferchte Flüchtlinge auf offener See vor der Küste Libyens. 

In einem kleinen Holzboot zusammengepferchte Flüchtlinge auf offener See vor der Küste Libyens. 

© dpa

Eigentlich gilt die sogenannte Balkanroute für Flüchtlinge als dicht. Niemand soll hier mehr durchkommen. Dennoch laufen die Geschäfte der Schleuser-Mafia auf Hochtouren. Und nicht nur die Polizei rüstet im Kampf gegen die Menschen-Mafia auf. Auch die Schlepper sind längst im digitalen Zeitalter angekommen: Immer mehr Flüchtlinge finden ihre Schleuser bei Facebook, die Kommunikation läuft dann über Messengerdienste wie WhatsApp.


Das Geschäft mit dem Tod

Vor wenigen Tagen zerschlug die Bundespolizei eine Schleuserbande, die auch in Berlin aktiv war. Am Mittwochmorgen hatten Beamte in Neukölln die Wohnungen eines 44-jährigen Türken und eines 53-jährigen Bulgaren gestürmt, im sächsischen Bad Muskau wurde ein 37-jähriger Pole festgenommen. Allen drei Männern verkündete ein Richter inzwischen die Haftbefehle.


Ganz offen werben Kriminelle im Internet um „Kunden“ aus Afrika, dem Nahen Osten und Asien auf Facebook. In einem aktuellen Facebook-Chat (liegt dem KURIER vor) wird eine Reise von der Türkei nach Deutschland für eine vierköpfige Familie ohne die erforderlichen Papiere für 9000 Euro angeboten. Das ist noch verhältnismäßig günstig. Die Schleuserbande, die in dieser Woche von der Bundespolizei zerschlagen wurde, kassierte nach Erkenntnissen der Ermittler bis zu 8000 Euro pro Person.

E-Smuggling-Bekämpfung durch das „Gemeinsame Operationsteam Mare“

Im weiteren Chatverlauf versichert einer der Männer, er habe einen Bruder, der ihm von Albanien aus gültige Visa für die Europäische Union beschaffen könnte.

Kriminaloberrat Markus Pfau von der Bundespolizeiinspektion Kriminalitätsbekämpfung bestätigt: „Über Facebook-Gruppen bieten die Schleuser ihre Dienstleistungen und eine Kontakt-Telefonnummer an.“

Auch die internationalen Behörden beobachten die zunehmenden Aktivitäten von Schleuserbanden auf Facebook und Co. mit Sorge, haben sogar ein eigenes Wort für diese neue Form des Schleusens erfunden: E-Smuggling. Zuständig für dessen Bekämpfung ist das „Gemeinsame Operationsteam Mare“, zu dem das Bundeskriminalamt, die europäische Grenzbehörde Frontex und Interpol gehören.

Internet-Anzeigen werben für Abschlüsse und Ausweise

2015 zählten die Ermittler 148 Facebook-Accounts, über die „Geflüchtete Hilfe bei der Ein- oder Durchreise in die Europäische Union erhalten haben“, heißt es in einem Bericht, die das „Zentrum für Migrantenschmuggel“ (EMSC) bei Europol veröffentlicht hat. Im Jahr 2016 wurden demnach bereits 1150 Accounts als verdächtig eingestuft.

Und die Facebook-Schleuser bieten nicht nur die reine Transportmöglichkeit: Wer es sich leisten kann, „bekommt hier auch notwendigen gefälschten Papiere“, so Markus Pfau von der Bundespolizei weiter.

In den unzähligen Internet-Anzeigen werden zudem auch syrische Dokumente aller Art angeboten: Schul- und Universitätsabschlüsse, Führerscheine, Heiratsurkunden oder Personalausweise sowie Papiere aller Art für eine Familienzusammenführung. Die Anbieter behaupten sogar, dass diese Papiere vom syrischen Außenministerium vorlegalisiert seien.

„Gegen Diplomaten wird nicht ermittelt.“

Was bedeutet: das syrische Außenministerium soll bestätigt haben, dass die Dokumente echt seien. Die Berliner Generalstaatsanwaltschaft ermittelte im vergangenen Jahr, weil die syrische Botschaft in Berlin Pässe für Personen ausgestellt haben soll, die sich in Deutschland als syrische Flüchtlinge ausgegeben hatten. Dabei soll die Identität der Personen nicht überprüft worden sein.

Für die Passausstellung hätten die zuständigen Mitarbeiter zu der üblichen Gebühr von 380 Euro noch eine „Extragebühr“ von 150 Euro erhoben. Die syrische Botschaft weist diesen Vorwurf bis heute empört zurück. Das Ermittlungsverfahren wurde inzwischen eingestellt. Die Begründung der Generalstaatsanwaltschaft Berlin: „Gegen Diplomaten wird nicht ermittelt.“

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