Bizarre Riff-Landschaften, farbenprächtige Fische: Das sind die klassischen Bilder eines Tauchurlaubs im Roten Meer, die Postkartenmotive, die Fotos für die Verwandten. Doch auf den Tauchbooten will kaum einer wissen, wer schon welches Riff gesehen hat. Da lautet die immer wieder gestellte Frage: "Warst du schon am Wrack der...?" Aber worin liegt der Reiz, das eigene Ferien-Abenteuer da zu suchen, wo Seeleute und Passagiere oft vergeblich um ihr Leben kämpften?KURIER-Redakteur Detlef Fritz tauchte zu den Wracks des Roten Meeres, erlebte diese Zeugnisse vergangener Katastrophen als Nerven kitzelnde Attraktionen von heute.------------------------------Salem ExpressFährschiff der toten SeelenDie mächtigen Schiffsschrauben haben leicht Rost angesetzt, scheinen sonst aber funktionstüchtig. In 30 Metern Tiefe stehen sie vom Heck der seitwärts auf dem Grund liegenden Salem Express ab, markieren den Startpunkt eines Tauchgangs zum Schauplatz des größten zivilen Schiffsunglücks im Roten Meer.Aus dem saudiarabischen Jeddha kommend lief die Fähre in der stürmischen Nacht des15. Dezember 1991 kurz vor ihrem ägyptischen Heimathafen Safaga auf das Riff von Shab Sheer, sank innerhalb von 90 Minuten. Als das Schiff 1963 noch unter dem Namen "Chantier de la Seyne" vom Stapel lief, war es für 1300 Passagiere geplant gewesen - nun befanden sich nach Augenzeugenberichten fast 3000 Menschen an Bord, die meisten auf der Heimfahrt von ihrer Pilgerreise nach Mekka. Nicht einmal 200 von ihnen überlebten das Drama.Auf dem Meeresboden sind die Habseligkeiten der Toten wie der Überlebenden verstreut. Ein kleinerer Fisch frisst den Korallenbewuchs vom Gehäuse eines Kofferradios, daneben liegt eine Reisetasche. Aus dem halb geöffneten Reißverschluss quillt etwas wie eine Plastikjacke hervor. Nichts mit nach oben nehmen, auch nichts berühren, lautet die eherne Regel für einen Tauchgang um dieses zum Seegrab erklärte Wrack.Der Weg zum Bug des 110 Meter langen Schiffes führt vorbei an zwei Rettungsbooten. Irgendwann nach dem Untergang müssen die Trossen, die sich in der Unglücksnacht nicht lösen ließen, gerissen sein. Nun ruhen die beiden Boote hier im Sand, ganz so, als hätte sie jemand für eine nächste Ausfahrt an den Strand gezogen.Im offen stehenden Laderaum der Salem herrscht nach wenigen Metern tiefe Dunkelheit - und absolute Leere. Durch einen Riss im Schiffsrumpf gelangt man wieder hinaus ins freie Wasser. Ein paar Clownsfische tanzen an der Schiffswand, eine noch dünne Schicht von Schwämmen und Korallen überzieht weiter oben liegenden Teile des Wracks. Dort haben bereits einige Fischschwärme die Weideplätze eines neu entstehenden Riffs erkannt.BU: Ein Tauchgang an der Salem beginnt meist an den Schiffsschrauben.------------------------------CarnaticPostdampfer voll Gold und WeinBaumwolle, Kupfer, vor allem aber Weinflaschen und Gold im Wert von damals 40 000 englischen Pfund waren die Ladung des weitgehend aus Holz gebauten Postdampfers Carnatic (Foto oben), als er im September 1869 in der Nähe von Hurghada auf das Riff Abu Nuahs Erg lief. Eine verhängnisvolle Fehleinschätzung: Weil die Besatzung die Schäden nicht für gravierend hielt, wurde das Schiff zu spät evakuiert - 31 Menschen kostete dies das Leben. Der korallenüberwucherte Schiffsrumpf hat die über 140 Jahre auf dem Meeresgrund erstaunlich gut überstanden und die längst leer geräumten Frachträume sind nun das sichere Domizil für ganze Schwärme der kleineren Fische.------------------------------Giannis DHöhlen aus Stahl für die BarscheWie eine Riffwand voller Korallen ragt das Deck der Giannis D vom Meeresboden nach oben. 1983 war der griechische Frachter, der eine Ladung Holz von Kroatien in den Jemen liefern sollte, durch einen Navigationsfehler vom Kurs abgewichen und lief, ganz in der Nähe des Wracks der Carnatic, auf das Riff. Was hier zum Glück aber keine Menschenleben kostete. In 28 Metern Tiefe taucht man nun hinein in die engen Gänge des Wracks, die sich längst in dunkle und rostige Unterwasserhöhlen verwandelt haben . Im und am Wrack begegnet man zahlreichen Barschen, Kaiser-, Falter- und Papageifischen.------------------------------Schatzkammern der OstseeFür Freizeit-Taucher meist unerreichbar, den professionellen Unterwasser-Archäologen vorbehalten, finden sich die meisten der Wracks der Welt in der Ostsee. Allein vor der Küste Mecklenburg-Vorpommerns werden rund 2000 Wracks vermutet, sind etwa 500 Wrack-Fundorte bekannt.Das älteste erhaltene ist das von den Forschern "Mukran" genannte Wrack. Damit es nicht in feindliche Hände fällt, war das dänische Kriegsschiff im so genannten Dreikronen-Krieg 1565 von der eigenen Besatzung versenkt worden.Aus dem 17. Jahrhundert unterdessen stammt die "Arkona", ebenfalls ein Kriegsschiff. Die Wissenschaftler vermuten: Nach einem Bruch der Ankerkette trieb es plötzlich ab, lief auf ein Riff.Die Denkmalschutzgesetze verbieten jedoch jedes unbefugte "Betreten" der archäologischen Fundstätten. Und die Wasserschutzpolizei achtet darauf, dass hier niemand heimlich abtaucht.
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