"Ich hätte die Senta öfter küssen sollen" Der Schweizer Schauspieler über seinen neuen Film "Satte Farben vor Schwarz" an der Seite von Senta Berger, über große Gefühle und die Prügelei mit Dennis Hopper

Bruno Ganz

Uwe Killing
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Berliner KURIER am Sonntag: Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal gedacht haben: Jetzt werde ich alt?Bruno Ganz: Ein präzises Erlebnis erinnere ich nicht. Doch ich denke oft an den Tod, das war früher nicht so.Sie haben in letzter Zeit oft Todgeweihte gespielt, zuletzt in "Das Ende ist mein Anfang".Darüber habe ich mich auch gewundert. Ich habe dann auch versucht, mir selbst Brücken zwischen den Filmen zu bauen. In dem Sinne: Vielleicht kann man sich dem Tode spielend nähern.Kann man?Nein, kann man nicht, das ist zu groß.In Ihrem neuen Film "Satte Farben vor Schwarz" spielen Sie einen krebskranken Mann, der seine verbleibende Zeit nicht als Patient verbringen möchte, sondern sich für den gemeinsamen Freitod mit seiner Frau entscheidet.Mich fasziniert die Autonomie dieses Mannes. Er möchte über das, was in seinem Körper wuchert, nicht in einen ständigen Diskurs mit seiner Familie treten oder sich erklären müssen. Er verteidigt seine eigene Sphäre und letztlich seine Würde. Das ist auch ein Statement gegen dieses immer weiter um sich greifende Phänomen, dass heute alles, aber auch alles öffentlich gemacht werden muss.Ihre von Senta Berger gespielte Partnerin lässt Tränen zu. Sie kämpfen sehr mit sich, halten sie aber letztlich zurück.Das ist richtig, wobei es eine Szene gibt, in der auch ich beim Drehen tatsächlich geweint habe. Vielleicht zu wenig. Ich habe jetzt beim Betrachten des fertigen Filmes gedacht: Ich hätte dieSenta öfters berühren sollen oder küssen sollen.Sie kennen sich schon lange, oder?Ja, aber wir haben überhaupt zum ersten Mal miteinander gearbeitet, und ich habe wirklich eine sehr große Zärtlichkeit für sie entwickelt. Und sie hat diese Annäherung vom ersten Drehtag an zugelassen, auf ihre diskrete, unaufgeregte Art. Es war eine sehr, sehr schöne Zusammenarbeit, in der auch mein Respekt für die Schauspielerin Senta Berger weiter gewachsen ist.Ist das Filmen so etwas wie eine späte Liebe?Das Kino war eigentlich meine erste Liebe, und nun kann ich viel von diesem alten Traum umsetzen. Als ich als Junge erstmals vom Züricher Stadtrand weg kam, um eine Schule in der City zu besuchen, kam ich mit dem Kino richtig in Berührung. Es gab einen Filmclub, in dem ich alles sah was die Geschichte des Kinos ausmacht. Mir als Arbeiterkind erschien diese Welt als unerreichbar. Da war das Theater erst einmal realistischer.Sie haben in bedeutenden Filmen von Wim Wenders mitgewirkt - "Der amerikanische Freund" und "Der Himmel über Berlin". Welche Bedeutung hatte er für Sie?Er hat eine persönliche Art von Kino erfunden und er hat über das Kino alles gewusst. Wenn ich daran denke, mit welch' unglaublichen Leuten er mich am Set von "Der amerikanische Freund" zusammengebracht hat. Da haben die Regisseure Samuel Fuller und Nikolas Ray Gangsterrollen gespielt. Das Kino verkörperte Geschichte. Und der Wim hat dieses Schatzkästchen für mich mit geöffnet, mit seiner ganzen Leidenschaft. Das war wunderbar.In dem Film spielte auch Dennis Hopper mit. Er soll damals direkt vom Set von "Apokalypse Now" nach Hamburg geflogen sein, voll gepumpt mit Drogen...Ja, und ich war von der ersten Minute an eifersüchtig auf ihn. Er hatte eine kleinere Rolle, ich die Hauptrolle, aber Wim widmete Dennis zu viel Aufmerksamkeit, fand ich. Und ich bin mit der Situation nicht klar gekommen. Dazu noch der Alkohol. Dennis auch, aber der hat das mit seinem Kokain rausgelassen. Und irgendwie hat sich das aufgestaut, sodass es eines Abends zu einer Prügelei kam. Ich habe ihn getreten, er hat zurückgeschlagen, und dann ging es eine Zeit lang mit den Fäusten weiter.Wie haben Sie den Dreh zu Ende gebracht?Wir haben uns beim Bier wieder vertragen und sind friedlich auseinander gegangen. Vielleicht nicht gerade als Freunde. Umso mehr war ich dann gerührt, als ich in einem seiner letzten Interviews Lobendes über mich las. Das hat mich sehr überrascht und ungemein gefreut.Abgesehen von Ihrer früheren, inzwischen bewältigten Alkoholsucht: Gibt es diese Aggressivität bei Ihnen immer noch?Ja, aber bei Weitem nicht mehr so heftig. Stress macht mich nervös.Stimmt es, dass Sie einmal Boxer werden wollten?In ganz jungen Jahren trainierte ich in einem Club in Zürich. Aber nicht sehr lang. Nach dem ersten K.o. hatte ich genug.Woher kam die Faszination?So junges Männer-Zeug, wie irgendwas von Hemingway.Machen Sie Dinge gerne mit sich selbst aus?Ja, das tu ich.Gibt es denn den Wunsch, sich Menschen mehr zu öffnen?Manchmal schon, ich bin nicht so darauf erpicht, ständig zu kommunizieren. Ich weiß, wann ich Hilfe brauche. Dann gehe ich auch auf Menschen zu.Sie leben nach vielen Wanderjahren wieder in Ihrer Geburtsstadt Zürich. Haben Sie die Wohnung in Venedig noch?Ja, und ich wäre gerne öfter dort.Woher kommt die Sehnsucht? Hat sie mit Ihrer aus Italien stammenden Mutter zu tun?Auch, aber es lag vor allem an den Dreharbeiten zu "Brot und Tulpen" vor vielen Jahren. Ich habe damals gedacht: Das ist einfach die schönste Stadt der Welt. Ich will hier leben. Da ich kein Theater mehr spielte, war ich auch nicht so ortsgebunden.Sie haben einmal erzählt, dass das Verhältnis zu Ihrer Mutter enger als zu Ihrem Vater war. Bedauern Sie das?Mit zunehmendem Alter stelle ich fest, dass ich mehr Ähnlichkeiten mit meinem Vater habe, als ich jemals gewollt hätte. Inzwischen sage ich: Zum Glück ist es so. Deshalb würde ich gerne noch einmal mit ihm sprechen wollen, ich habe ihn zu Lebzeiten einfach nicht richtig wahrgenommen.Der Autor Michael Jürgs hat vor Jahren in seiner Romy-Schneider-Biografie Ihre Affäre mit Romy Mitte der 70er-Jahre öffentlich gemacht.Journalisten machen sowas, aber es ist mir inzwischen egal.Romy war gebürtige Österreicherin, Sie Schweizer. Welche emotionale Verbindung gab es da?Meine Beziehung zu Romy hatte mehr mit Paris und Berlin zu tun. Eine einzige Nacht waren wir zusammen in Wien.Wie werden Sie im März Ihren 70. Geburtstag feiern?Oh je, das habe ich mir noch nicht überlegt.------------------------------KURIER-WIKIBruno Ganz, Sohn eines Züricher Fabrikarbeiters und einer Norditalienerin, wurde am 22. März 1941 geboren. Er brach die Schule ab, um Schauspiel zu studieren. In den 1970er-Jahren gehörte Bruno Ganz zu den umjubelten Stars der Berliner Schaubühne. Mit dem Iffland-Ring erhielt Ganz die bedeutendste Auszeichnung, die an deutschsprachige Schauspieler verliehen wird. Er erklärte aber seinen Abschied vom Theater, war zuletzt ausschließlich in TV und Kino zu sehen. Nach dem Erfolg als Hitler-Darsteller im oscarnominierten Film "Der Untergang" (2004) hat Ganz zunehmend in internationalen Produktionen mitgewirkt, darunter "Der Vorleser" (mit Kate Winslet). Seit 2010 ist Bruno Ganz - mit Iris Berben - Präsident der Deutschen Filmakademie. Er lebt mit seiner Lebensgefährtin, der Theaterfotografin Ruth Walz, in Zürich und Venedig. Sein Sohn Daniel (38), der im Alter von sechs Jahren erblindete, arbeitet als Übersetzer.------------------------------BU: Fotos: Getty Images, Christian Schulz / Unafilm, Imago, Cinetext (2)BU: Die Rolle hängt ihm nach: Ganz als Hitler in "Der Untergang" (2004).Zitat: "Stress macht mich nervös. Aber meine Aggressivität ist nicht mehr so heftig wie früher." Bruno Ganz

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