16 Meter hoch ist er und ganz oben, auf dem 13. Stuhl, turnt Kong Haitao. Er hat eine Wasserwaage mit – jede noch so geringe Neigung ist ein Risiko. Der Künstler beugt sich langsam nach vorn und stellt sich auf die Arme. Dann verlagert Kong Haitao sein Gewicht auch noch auf eine Hand, er biegt die Beine zur Seite, als wären sie aus Gummi.
Überall stehen Weihnachtsbäume
Er lässt sich Quader nach oben reichen, sie sind so groß wie Ziegelsteine. Er legt sie hochkant übereinander, stellt sich mit den Händen darauf, wirft einen Stapel um, die Quader fallen herab und Kong Haitao steht nun auf einem Arm im Handstand auf den hochkant gestapelten Quadern. Seine Probe hat geklappt.
Am Sonnabend wird Kong Haitao dafür viel Applaus ernten. Dann feiert Roncalli im Tempodrom die Premiere seines Weihnachtsprogramms. 32 Shows sind geplant. Schon bei den Proben sieht das Tempodrom aus wie im Weihnachtsmärchen. Draußen über dem Eingang leuchtet der Name Roncalli, überall stehen Weihnachtsbäume.
Der Artist Kong Haitao stapelt Stühle, als wären es Bauklötzer.
© Markus Wächter
Kein gewöhnlicher Familienzirkus
Patrick Philadelphia ist in den Tagen vor der Premiere der wichtigste Mann im Zirkus. Als Regisseur koordiniert er die Darbietungen. 16 Techniker passen Licht und Ton an, die Musiker üben ihre Einsätze. Vor neun Monaten haben die Vorbereitungen begonnen. Denn Roncalli ist kein gewöhnlicher Familienzirkus, der von Ort zu Ort zieht und ums Überleben kämpft.
Direktor Bernhard Paul (71), ein Österreicher mit blonder Mähne und getönter Brille, hat den Zirkus 1975 mit André Heller gegründet und es geschafft, ihn mit neuen Ideen am Leben zu erhalten. In Deutschland müssen immer mehr Zirkusse aufgeben, noch etwa 300 Familienbetriebe gibt es.
Doch sie finden kaum noch geeignete Festplätze, zudem steigen die Kosten für Werbeplakate, Kraftstoff, Tierfutter. Viele Menschen haben längst andere Möglichkeiten gefunden, sich unterhalten zu lassen. Zudem protestieren Tierschützer gegen Zirkusbetreiber, die noch Elefanten, Affen und Löwen halten. Es gibt Kommunen, die lassen Zirkusse mit Tieren gar nicht mehr zu.
In der ganzen Welt auf Künstler-Suche
Doch Roncalli glänzt. Es ist ein riesiges Unterhaltungsunternehmen mit Tournee-Zirkus, Varietétheater und etlichen Shows. 250 Mitarbeiter gehören zum Betrieb. Der Jahresumsatz lag 2017 bei 25 Millionen Euro. In der Weihnachtsshow treten dieses Jahr 32 Artisten aus 15 Ländern auf.
Bernhard Paul sucht in der ganzen Welt nach neuen Künstlern. Er schaut sich Straßenkünstler an, die jonglieren und zaubern. Er weiß, dass sie ein gutes Gefühl fürs Publikum haben, sie müssen improvisieren. Paul und seine Kinder fahren zu Zirkusfestivals und Wettbewerben. Der Zirkuschef sammelt die Künstler ein. Und er muss sie nicht lange bitten.
Stuhlakrobat Kong Haitao zum Beispiel hat beim Internationalen Nachwuchsfestival „Cirque de Demain“ die Goldmedaille gewonnen. Zur Jury gehörte auch Bernhard Pauls Sohn Adrian. Er erzählte seinem Vater von Kong Haitaos toller Nummer.
„Der prestigeträchtigste Zirkus des Landes“
Oder das Duo Twin Spin: Das sind zwei junge Berliner, die mit Diabolos jonglieren. Sie haben 2017 die Weltmeisterschaft in Taiwan, dem Mutterland des Diabolo, gewonnen. Als die Anfrage kam, in der Weihnachtsshow aufzutreten, haben die beiden gleich zugesagt.
Diabolo-Weltmeister aus Berlin: Max Fröhlich (l.) und Benno Jacob spielen seit ihrer Kindheit mit Doppelkegeln. Sie sind das Duo Twin Spin.
© Markus Wächter
„Roncalli ist der prestigeträchtigste Zirkus des Landes“, sagt Benno Jacob (34). Der Absolvent der Berliner Artistenschule fing mit 16 Jahren an, mit den Doppelkegeln zu üben. Nun wirbelt er mit Max Fröhlich bis zu sechs Diabolos gleichzeitig durch die Luft.
Stille Nacht und ein poetischer Clown
Das Weihnachtsprogramm ist eine Mischung aus Magie, Humor und Sinnlichkeit, hat alles, was zum Zirkus gehört: Akrobaten, Clowns, Jongleure, Tänzer. Aber keine Tiere. „Wir sind der erste tierfreie Zirkus, und wir machen das, weil wir Tiere lieben und nicht, weil wir sie nicht leiden können“, sagt Paul. „Der Zirkus ist immer im Umbruch. Von uns erwartet keiner die große Tiershow. Wir setzen voll auf Poesie“, sagt Paul. „Wer zu uns kommt, vermisst keine Tiere.“
Der Roncalli-Clown Gensi spielt auf der Violintrompete und er bringt wassergefüllte Gläser zum Klingen.
© Markus Wächter
Die Zuschauer werden die heile Welt mögen, in der Clowns nicht fehlen dürfen, Fulgenci Mestres (53) ist so ein Clown. Mestres gehört als Clown Gensi seit sieben Jahren zu Roncalli. Er spielt auf der Violintrompete und er bringt wassergefüllte Gläser zum Klingen. Stille Nacht. Gensi sagt, er sei ein poetischer Clown, begleite die Zuschauer auf eine kleine Reise in die Kinderzeit.
Das große Üben vor der Show
Es gibt zwar keine Tiere in diesem Zirkus, aber es geht dennoch tierisch ab: Zum 15. Mal ist der „Roncalli Weihnachtscircus“ in Berlin zu Gast. Bis zum 6. Januar stehen täglich zwei bis drei Vorstellungen auf dem Plan. Für einige Shows gibt es noch Karten. Damit bei den Vorführungen alles glatt geht, wird vorher viel geübt. Der KURIER hat dabei zugeschaut.
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