Warschauer Straße

Hier erfindet Berlin das Rad neu

Die Warschauer Straße wird umgebaut, Radfahrer bekommen Extra-Spuren. Autofahrer und Ladenbesitzer ärgern sich.

Mike Wilms
Lesezeit 3 Min
Die Straße bekommt zwei Meter breite Radspuren und teils breitere Gehwege. Die Fahrbahnen für Autos schrumpfen von 3,50 auf drei Meter.

Die Straße bekommt zwei Meter breite Radspuren und teils breitere Gehwege. Die Fahrbahnen für Autos schrumpfen von 3,50 auf drei Meter.

© Volkmar Otto Lizenz

Es wundert wohl keinen, dass ausgerechnet im grün regierten Friedrichshain-Kreuzberg das Rad neu erfunden wird. Am 1. September startet der Radikal-Umbau der Straße (2,3 Mio. Euro), über die täglich 40.000 Autos rollen. Da ist nicht nur der Berufsverkehr: Viele Autofahrer kommen seit Jahrzehnten zum Einkaufen. Sie machen Halt bei Metzger und Friseur, gehen zum Arzt und zum Hörgeräte-Laden. Trotzdem fallen auf dem betroffenen Stück zwischen Frankfurter Tor und Marchlewskistraße 120 von 140 Parkplätzen weg.

„Es gibt schon jetzt zu wenig Parkplätze“, sagt Vanessa Puhl (26) vom Armeeladen. Hinzu komme dann noch die Baustelle bis Ende 2015. „Dann bleibt die Lauf-Kundschaft weg.“

„Es gibt schon jetzt zu wenig Parkplätze“, sagt Vanessa Puhl (26) vom Armeeladen. Hinzu komme dann noch die Baustelle bis Ende 2015. „Dann bleibt die Lauf-Kundschaft weg.“

© Volkmar Otto Lizenz

Student Jörg Frey (32) fährt Rad, sagt aber: „Es muss drin sein, dass man spontan vorm Laden parkt.“ Er fände es schlimm, wenn kleine, coole Szene-Läden bald schließen müssten.

Student Jörg Frey (32) fährt Rad, sagt aber: „Es muss drin sein, dass man spontan vorm Laden parkt.“ Er fände es schlimm, wenn kleine, coole Szene-Läden bald schließen müssten.

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Marion Domke (57) von der Fleischerei Domke braucht Lieferflächen für ihren Partyservice. Sie sagt: „Es kann nicht sein, dass auf die Läden hier einfach keine Rücksicht genommen wird.“

Marion Domke (57) von der Fleischerei Domke braucht Lieferflächen für ihren Partyservice. Sie sagt: „Es kann nicht sein, dass auf die Läden hier einfach keine Rücksicht genommen wird.“

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Kein Problem hat Anwohner Gabriel (28) mit dem Umbau. Der Student: „Radfreundliche Hauptstraßen sind die Zukunft. Es gibt zu viele Autos, zu viel Lärm. Als Radler geht man unter.“

Kein Problem hat Anwohner Gabriel (28) mit dem Umbau. Der Student: „Radfreundliche Hauptstraßen sind die Zukunft. Es gibt zu viele Autos, zu viel Lärm. Als Radler geht man unter.“

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Roswitha Scholz (46) vom Reinigungs-Center lehnt den Umbau ab. Sie sagt: „Viele Stamm-Kunden klagen schon jetzt über den Wegfall der Parkplätze.“ Das sei schlecht fürs Geschäft.

Roswitha Scholz (46) vom Reinigungs-Center lehnt den Umbau ab. Sie sagt: „Viele Stamm-Kunden klagen schon jetzt über den Wegfall der Parkplätze.“ Das sei schlecht fürs Geschäft.

© Volkmar Otto Lizenz

Besonders hart trifft es die Fahrtrichtung zur Warschauer Brücke. Auf zwei je drei Meter breite Spuren für Auto- und Busverkehr kommen ein Rad-Streifen (2 Meter) und ein Gehweg (6 Meter). Damit bleibt für Parkplätze und Liefer-Bereiche kein Raum. Obwohl Läden aller Art auf reibungslosen Liefer-Verkehr angewiesen sind. Für ihn gibt es Stellflächen nur noch auf der anderen Seite der Straße, die durch einen breiten, begrünten Mittelstreifen mit Tramgleisen getrennt ist.

„Wir Geschäftsleute haben große Befürchtungen“, sagt Marion Domke (57) von der Fleischerei Domke. Die Angst vor Einbußen trifft gerade auch junge Läden mit kleinem Kundenstamm, die etwa Mode nach eigenem Design bieten. Geht die Einkaufs- und Szene-Meile vor die Hunde? So war es bei der Hauptstraße in Schöneberg: Seit die Parkplätze zwischen Dominicusstraße und Innsbrucker Platz wegfielen, gingen viele Läden pleite.

Natürlich hat der Bezirk die Neugestaltung nicht aus Bosheit beschlossen. Auf der Warschauer Straße kommen sich Autos, Radler und Fußgänger oft ins Gehege. In drei Jahren gab es 500 Unfälle mit 92 Verletzten. Dass es teilweise gar keine Radwege gab, versetzte viele Radler in Angst.

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