Herr Preetz, wir haben mal ein bisschen gerechnet. Samstag gegen den VfB Stuttgart kommt vermutlich der fünfmillionste Zuschauer der Ära Preetz zu einem Liga-Spiel von Hertha BSC.
Michael Preetz: Das ist ein Einstieg (lacht). Fünf Millionen?
… 104. Heimspiel in Liga 1 oder 2 inklusive Relegation.
Aber eigentlich heißt das für mich gerade nur: Wow. Es ist manchmal schwer zu begreifen, was ein Verein wie Hertha BSC für die Menschen, für die Fans bedeutet. Warum wir das alles machen, was wir machen. Das ist schön, es aus diesem Blickwinkel zu sehen! Und dann hilft eine solche Zahl natürlich beim Begreifen. Fünf Millionen …
… 47000 im Schnitt. Durch gute und schlechte Zeiten …
… das ist Herausforderung und Ansporn.
Hilft diese Zahl vielleicht auch, Ihr persönliches Fußballgefühl wieder zu verbessern? Saisonstart, Transferirrsinn, jetzt geht es quasi neu gemischt nochmal los. Wo bleibt da der Spaß für Sie?
Am Ende macht es immer Spaß, wenn man erfolgreich ist. Die letzten Tage, Wochen, Monate waren arbeitsintensiv. Viele Überlegungen, viele Gespräche, viele Mails – da bleibt der Spaß ab und an auf der Strecke. Insofern war die Länderspielpause eine gute Gelegenheit, mal für drei, vier Tage rauszukommen.
Jahresurlaub sozusagen.
(lacht) Ich habe nicht mal die Quali-Spiele geguckt. Ein paar Tage Familie. Raus. Mal vom Fußball weg
Aber Ihr Sohn Emil ist doch schon fast fünf. Der will doch sicher den ganzen Tag …
… im Wasser rumtoben. Und das durfte er dann auch auf Mallorca.
Mist, wir hatten auf Stürmer-Nachwuchs gehofft. Kann ja noch werden. Wenn dann Thomas Müller mal abtritt. Erklären Sie uns doch als Ex-Torjäger mal dieses Phänomen.
Erstmal ist er ein Weltklassespieler. Es heißt immer, er habe nicht die Begabung wie ein Robben oder Ribery. Für mich totaler Quatsch. Er hat die wichtigste Begabung, die es im Fußball gibt: Er weiß, wie man Tore schießt. Und zwar aus allen Lagen. Dazu finde ich bemerkenswert, dass er sich diese Urfreude am Spiel erhalten hat. Trotz der Belastung. Er ist 25, hat 65 Länderspiele, spielt mit seinen Bayern alle drei Tage und macht auf mich den Eindruck, dass er immer heiß aufs Spielen ist. Er kommt zurück von der WM, hat einen kurzen Urlaub und will sofort das erste Trainingsspiel der neuen Saison wieder gewinnen. Und das macht ihn zu einem besonderen Spieler.
Auf der nächsten Seite: "Solche Transfers kann man nicht erzwingen."
Schon wieder sind wir beim Thema Freude am Spiel? Wie können Sie sich diese Freude bewahren? Sie machen doch für viele Fans und Kritiker sowieso nie etwas richtig?
Wie die allermeisten, die im Fußball tätig sind, habe ich diese Liebe von klein auf. Die geht nicht verloren. Auch nicht in schwierigen Phasen. Fußball ist eine überragende Sportart. Das ist das, was wir am liebsten mögen. Egal, wo man ist, auf der Tribüne, im Trikot oder in einer leitenden Position – man muss sich diese Urfreude bewahren. Ich kann das, indem ich viele Dinge als das abhake, was sie sind: Fußball – mit allen seinen Unwägbarkeiten.
Sagen Sie uns ein Beispiel, bei dem Sie als Manager diese Urfreude spüren.
Die Vertragsunterschrift von Vladimir Darida. Da haben wir wahnsinnig lange dran gearbeitet und eigentlich nicht geglaubt, dass wir das realisieren können. Weil es kompliziert war und lange auch zu teuer. Und dazu mit Mitchell Weiser und Niklas Stark zwei weitere junge Spieler mit großer Zukunft gefunden und gebunden wurden. Weil Sie fragten: Über so etwas freue ich mich sehr. Ein gelungener Transfer ist wie ein schönes Tor.
Aber wird bei dem, was an TV-Einnahmen und damit Transfer-Ausgaben in England abgeht, nicht bald alles zu teuer für einen Klub wie Hertha?
Die Engländer hatten immer schon mehr Geld, aber sie hatten den deutschen Markt noch nicht für sich erkannt. Das hat sich geändert. Unsere Herausforderung ist die Frage, wie gehen wir damit um? Wir haben es immer gesagt: Wir sind ein Verein, der darauf angewiesen sein wird, öfter mal große Transfers zu machen.
Also sucht Hertha den Baba (nach einer guten Saison für 20 Millionen Euro von Augsburg zu Chelsea), den Firmino (für 41 Mio von Hoffenheim zu Liverpool) oder den de Bruyne (für 74 Mio von Wolfsburg zu Manchester City)?
Das wäre sicher eine große Nummer. Am liebsten natürlich ein Spieler aus unserer eigenen Nachwuchs-Akadamie. Aber wie vieles im Fußball: Solche Transfers kann man nicht erzwingen. Genauso wenig wie Erfolge. Man kann nur den Boden bereiten, damit es einmal möglich sein wird.
Das heißt aber: Hertha definiert sich klar als Ausbildungsverein, sozusagen jetzt auf gesamteuropäischer Ebene.
Das haben wir doch immer gesagt. Es muss jedem klar sein, dass ein Verein wie Hertha BSC, bei so viel Tradition, bei einem Gründungsjahr 1892, immer eine kontroverse Diskussion haben wird. Zwischen Tradition und permanentem Wandel – und das alles wird alle paar Tage sportlich auf den Prüfstand gestellt. Aber genau das macht auch den Reiz unseres Vereins aus. Ich hätte Nico Schulz – wenn überhaupt – lieber erst in zwei, drei Jahren verkauft, dementsprechend teurer. Aber der Spieler wollte es anders – und dann müssen wir verkaufen.
Aber die Fans …
… ja, die Fans. Ich sage Ihnen: Die verstehen das viel besser als es in den meisten Medien transportiert wird. Wir haben Fans, die sich richtig gut auskennen und ein feines Gespür dafür haben, was möglich ist.
Und dennoch sagen die Fans, mit der 60-Millionen-Euro-Spritze des Investors KKR müssten doch wenigstens ein paar Hüpfer möglich sein, wenn schon nicht die großen Sprünge.
Diesen Fans erkläre ich gerne noch einmal, was wir mit dem KKR-Geld gemacht haben. Wir haben es gebraucht, um die Probleme der Vergangenheit zu bewältigen.
Ist Sanierung ein zu hartes Wort dafür?
Lassen Sie doch einfach meine Formulierung so stehen.
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