Hertha-Kolumne

Seltenes Jubiläum in der Provinz

Hertha-Fan Helmut Friberg reist am Sonnabend zu seinem 700. Auswärtsspiel.

Michael Jahn
Lesezeit 3 Min
Helmut Friberg (63) fiebert seit 1973 mit Hertha BSC – im Olympiastadion und auswärts. 

Helmut Friberg (63) fiebert seit 1973 mit Hertha BSC – im Olympiastadion und auswärts. 

© Goessinger

Siebenhundert – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ganz ehrlich: Ich bewundere solche Fußballfans, die alle 14 Tage auf Tour gehen. Sie nehmen oft sehr lange Fahrten auf sich. Sie drängeln sich in überfüllte Zügen. Sie liefern sich Wortgefechte mit betrunkenen Anhängern anderer Vereine und ab und an gibt es Rangeleien mit der Polizei. Sie feiern heftig nach Siegen und ärgern sich tagelang nach Niederlagen. Sie leben für ihren Verein.

Friberg sagt nun, er hat die deutliche Pleite gegen den FC Bayern verdaut und fährt mit dem gleichen Bauchgefühl wie immer nach Wolfsburg: „Mit Hoffnung auf einen Erfolg. Aber ich weiß auch, dass dies als Hertha-Fan in den zurückliegenden Jahren oft ein eher seltenes Erlebnis war.“

Ist er stolz auf sein 700. Spiel in einem fremden Stadion? „Na ja, ich freue mich auf das Jubiläum, hätte mir das aber nicht unbedingt in der Provinz gewünscht.“ Da kommt die Berliner Schnauze zum Vorschein. „Meine Daniela konnte ihr 200. Auswärtsspiel mit Hertha mit mir gemeinsam bei einem Europa-League-Spiel in Bilbao feiern. Das war schon ein toller Rahmen.“

Seine Liebe zu Hertha begann 1971. Friberg, der damals in der Nähe von Viersen lebte, sah die Berliner live bei einer 0:4-Niederlage auf dem Bökelberg bei Borussia Mönchengladbach. „Ich fand Hertha sympathisch, warum auch immer.“

Hatte er etwa Mitleid mit den Verlierern? Seit 1979 besitzt er eine Dauerkarte im Olympiastadion und 1984 gehörte der kräftige Mann zu den Mitbegründern des „Anhängerclubs Oberring“.

Ich habe Donato Melillo, den langjährigen Chef der Fanbetreuung, zu Friberg befragt. Melillo sagt zum Jubiläum: „700 Auswärtsspiele – das ist der Hammer!“ Man brauche solch treue Fans unbedingt, so Melillo. Im Moment gibt es 358 Offizielle Fanclubs bei Hertha (OFC) mit 9400 Mitgliedern. „Diese Szene wächst ständig, aber langsam“, sagt der oberste Fanbeauftragte.

Knapp über 2000 Fans begleiten die Mannschaft im Schnitt zu den Auftritten in der Fremde. Helmut Friberg ist beinahe immer dabei. Es gibt wohl ein, zwei Fans, die noch mehr Auswärtsspiele erlebten, aber Friberg ist der einzige, der alle Duelle akribisch aufgelistet hat. Ich frage mich: Was treibt einen Mann wie Friberg an, sich dem Stress dieser Auswärtstouren anzutun? „Das ist vor allem das Gemeinschaftsgefühl“, kommt als Antwort, „sich auswärts gegen die Übermacht der heimischen Fans zu behaupten, bringt Adrenalin.“

Es fällt Friberg schwer, aus beinahe 50 Jahren Fan-Dasein einen Höhepunkt im fremden Stadion herauszupicken. Doch es gab ihn doch: das 2:2 in der Champions League 1999 im Ali-Sami-Yen-Stadion von Galatasaray Istanbul. „Ich war voller Stolz, das war ein Hochgefühl“, erinnert sich Friberg.

Er würde die Königsklasse liebend gern noch einmal erleben. Dazu passen immerhin die Visionen von Trainer Jürgen Klinsmann sehr gut. Ob das vielleicht in seinem 750. Auswärtsspiel tatsächlich Realität werden kann? „Mir wäre es lieb, wenn Klinsmann als Trainer noch ein Jahr anhängen würde“, sagt Friberg. Er hat da so ein Bauchgefühl ...  

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