Hertha-Kolumne

Kick zwischen zwei Parallelwelten

Bei den Blau-Weißen ging es zuletzt mehr um Windhorsts Millionen als um Fußball

Michael Jahn
Lesezeit 4 Min
Die Millionen von Lars Windhorst (M.) scheinen Hertha auf dem Platz momentan zu lähmen.

Die Millionen von Lars Windhorst (M.) scheinen Hertha auf dem Platz momentan zu lähmen.

© imago images / Matthias Koch

ie jüngsten Schlagzeilen, die die bald prall gefüllte Klubkasse von Hertha BSC betreffen, verheißen eine großartige Zukunft. „Weitere 150 Millionen Euro für Hertha durch Börsengang 2020?“ war etwa zu lesen oder „Bald fließen wieder 100 Millionen von Investor Lars Windhorst an Hertha“. Da kann einem angesichts der Summen schon schwindlig werden.
In den zurückliegenden Wochen ging es stets um die neuen Möglichkeiten, die der Klub nach dem Einstieg des einstigen „Wirtschafts-Wunderkindes“ Windhorst, der eine äußerst bunte Vita besitzt, nun habe. Der 42-Jährige kündigte ja nach der ersten pünktlichen Überweisung von vereinbarten 125 Millionen Euro an, aus Hertha einen sogenannten „Big-City-Klub“ machen zu wollen. Hat er etwa Arsenal London oder Paris St. Germain im Sinn oder gar irgendwann ein Real Madrid in Charlottenburg?

Ex-Boss Roloffs Gesetz

Mensch, Hertha, wie haste dir verändert – so dachte ich im Stillen. Eine kurze Zeitreise in die Vergangenheit sei an dieser Stelle erlaubt, um die rasante Entwicklung zu illustrieren.
Wenn es ums Geld geht, erzählt man sich bei Hertha immer gern die Geschichte, als Präsident Heinz Roloff, ein knorriger Berliner Bauunternehmer, Ende der 80er-Jahre ein Spiel auf dem Platz an der Osloer Straße im Wedding besuchte. Roloff stand aufgeregt mit einem Bein weit im Spielfeld und der Schiedsrichter wies ihn heftig zurecht. Roloff schimpfte lautstark: „Bei dem Geld, das ich in den Klub stecke, kann ich stehen, wo ich will!“
Es heißt, als Hertha-Boss habe er zwischen 1985 und 1994 etwa zehn Millionen Mark in den damals maroden Klub investiert.

Das war seinerzeit viel Geld, aber im Vergleich zu heute tatsächlich „Peanuts“. Noch kurz vor dem Einstieg von Roloff beim damaligen Zweitligisten, der 1986 gar in der Amateur-Oberliga Berlin landete, bettelten Hertha-Fans auf dem Kurfürstendamm die Passanten an, hielten denen Büchsen vor die Nase und fragten: „Ham se nich mal ’ne Mark für Hertha, für ne jute Sache?“ Auch das war Hertha BSC.

Zurück in die Gegenwart, in der sich längst vieles um Millionen dreht. Um den im Moment eher mittelmäßigen Fußball, den die Mannschaft spielt, ging es zuletzt weniger. Viele Beobachter – darunter auch ich – glauben, dass die riesige Erwartungshaltung, die auch aus den Millionen des Lars Windhorst gespeist wird, die Spieler samt Trainer Ante Covic sogar erdrückt hat.

Geld schießt doch Tore

Herthas Finanzchef Ingo Schiller gab der Nachrichtenagentur dpa vor einigen Tagen ein langes Interview, das meist nur in Bruchstücken in anderen Medien zu lesen war. Ich habe mir das komplette Gespräch durchgelesen.
Wichtig für mich ist vor allem diese Aussage des langjährigen Finanzchefs: „Sie können heutzutage die Wahrscheinlichkeit für sportlichen Erfolg nur mit wirtschaftlichen Mitteln erhöhen.“ Schießt viel Geld also Tore? Es ist tatsächlich so. Egal, ob man das gut findet oder nicht.
Zudem heißt es, Herthas Unternehmenswert sei innerhalb von nur wenigen Monaten von 333 Millionen auf 450 Millionen Euro gestiegen. Schiller sagt: „Wir haben uns schneller entwickelt als der Markt! Wir sind dem Wachstum sozusagen verpflichtet.“

Anspruch und Wirklichkeit

Das ist natürlich eine Erfolgsgeschichte, ganz klar. Doch Hertha bewegt sich gerade extrem zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Mir kommt es – übertrieben gesagt – so vor, als gebe es gerade zwei Parallelwelten. Die Welt des großen Geldes, des wirtschaftlichen Booms kombiniert mit Digitalisierung und Internationalisierung (siehe die USA-Reisen im Sommer und nun im Winter nach Florida) und die reale Welt des Fußballs auf dem Rasen, wo das Wachstum an Leistung noch ausgeblieben ist. Beide Welten aber müssen wieder eins werden. Möglichst schnell.

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