Seit Herthas 2:1-Sieg am zurückliegenden Wochenende in Wolfsburg haben sich seine Chancen auf eine Berufung für das Championat leicht verbessert. Nach Wochen als Reservist rückte er ins Team, konnte sich endlich wieder zeigen. Sollte Stark in den Kreis der EM-Spieler aufgenommen werden, würde das nebenbei auch das Image seines Arbeitgebers aufpolieren. Denn: Hertha BSC ist in seiner über 127 Jahre alten Geschichte nicht als sprudelnder Quell deutscher Nationalspieler aufgefallen. Seit dem 4. April 1909 (!), als die beiden Herthaner Herbert Hirth und Fritz Schulz bei einem 3:3 in Budapest gegen Ungarn für Deutschland spielten, bis zum 19. November 2019, als Niklas Stark zu seinem Länderspiel-Debüt gegen Nordirland kam, gab es 223 Berufungen in die Auswahl, die sich auf 28 Spieler verteilen.
Nach dem Sieg in Wolfsburg lobte Trainer Jürgen Klinsmann seinen Verteidiger: „Niklas hat das klasse gemacht.“ Ich gehe mal davon aus, dass diese Worte Balsam auf die Seele von Stark waren, der durch seine Pleiten, Pech und Pannen der zurückliegenden Monate uns Journalisten immer wieder zu Wortspielen animierte („Stark mit schwachem Auftritt“ oder „Dieser Stark ist nichts für schwache Nerven“). Sein Weg zum Nationalspieler war ein besonderer. Immerhin ist er derjenige Feldspieler, der in der Ära von Jogi Löw am längsten auf sein Debüt warten musste. Acht Einsätze verpasste er. Ein paar Mal drückte er die Bank, einmal kam eine Magen-Darm-Grippe dazwischen, später schnitt er sich in der Nacht im Teamhotel an einem Glastisch das Schienbein auf. Sein bislang einziges Länderspiel bestritt er mit Maske nach einem Nasenbeinbruch. Aber es gibt auch andere Beispiele, wie man als Herthaner zum Nationalspieler wird.
Arne Friedrich, im Moment als „Performance Manager“ bei Hertha unterwegs, ist der krasse Gegenpol zu Stark. Er gehört zu den Profis, die in Rekordzeit zum Nationalspieler aufstiegen. Als er 2002 vom Zweitligisten Arminia Bielefeld zu Hertha kam, absolvierte er gerade einmal zwei Bundesligaspiele, als ihn der Ruf von DFB-Teamchef Rudi Völler ereilte. Vier Tage nach seinem zweiten Erstligaeinsatz debütierte der Abwehrmann im Länderspiel gegen Bulgarien in (2:2). Heute ist Arne mit 82 Länderspielen der erfolgreichste Herthaner.
Auf Platz drei hinter Friedrich und Marko Rehmer (28 Länderspiele als Herthaner) steht Klub-Ikone Erich Beer mit 24 Länderspielen. Mittelfeld-As Beer war einst unzufrieden, wie man seine DFB-Karriere bewertete. Manch Beobachter reduzierte sie oft auf die berühmte „Schmach von Cordoba“. Als sich Deutschland bei der WM 1978 in Argentinien gegen Österreich blamierte, mit 2:3 verlor und ORF-Reporter Edi Finger sein legendäres „I werd’ narrisch“! ins Mikrofon brüllte, wurde Beer nach 45 Minuten gegen Hansi Müller ausgewechselt. „Als ich noch auf dem Platz stand, führten wir mit 1:0“, entgegnete Beer schlagfertig all seinen Kritikern. Ein perfekter Konter.
Beer verfolgt die Karriere von Niklas Stark sehr aufmerksam. Beide stammen schließlich aus Franken. „Da kommen oft gute Spieler her“, sagt Beer, heute 73, stolz. Wie er gönne auch ich Herthas Vize-Kapitän das Erlebnis EM sehr. Es wäre dann wirklich ein ganz starkes Stück!
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com