An einem Septembertag saß Rainer Maria Rilke recht verschnupft und verstimmt in Paris. Der Lyriker mit dem Spitzbart hatte seine Gattin, die Bildhauerin Clara Westhoff, in Berlin zurückgelassen und war an die schöne Seine gezogen, wo er an einer Monografie über den Bildhauer Auguste Rodin arbeitete.
Paris war in jenen Tagen vor 113 Jahren – 1902 – nicht eisig kalt, aber richtig warm war es in der französischen Hauptstadt auch nicht mehr. Der Herbst zog ein – und mit ihm Traurigkeit und emotionale Verwirrtheit. Jedenfalls bei dem Dichter,der sich wahrscheinlich höchst einsam und schwermütig fühlte, denn ihn plagten Liebeskummer und Heimweh. Und so schrieb Rilke (1875-1926) in jenen Tagen sein berühmtes Gedicht „Herbsttag“. Fand klagende, weinerliche Worte über das Suchen oder Verfehlen einer erfüllten Lebensweise.
Ja, die Jahreszeiten – gerade die dunklen und düsteren – können einem schon aufs Gemüt schlagen. Das hatte Rilke nicht exklusiv. Denn vor allem im Herbst sprechen viele von Depressionen. Vom Blues und dem wehmütigen Abschied, wenn der warme, grüne Sommer entschwindet. Die Blätter braun, die Tage kälter und Abende dunkler werden. Alles grau und verregnet ist. Die Vögel sich auf gen Süden machen.
Danach folgt dann auch noch der Winter mit Schnee und Eis. Der Adventsstress und der Weihnachtsmann. Und, schwups, ehe dass man sich versieht, ist das Jahr vorbei. Der Lauf der Zeit eben.
Dabei ist dies momentan doch eigentlich ein schöner Übergang. Eine goldene Jahreszeit, die bei uns zwischen dem 23. September und dem 21. Dezember regiert. Jetzt sind der schwarze Holunder, die Walnüsse und die Birnen reif und bald auch die Zwetschgen. Die Rosskastanien sind vom Baum gefallen – und die Weinlese beginnt. Es sind die Tage der Herbstblumen wie der Astern, der Herbstzeitlosen.
Der Herbstsonaten, Herbststürme, besinnlichen Herbstspaziergänge durch das bunte Herbstlaub, der sportlichen Herbstmeisterschaften, der Herbstferien, der Herbstmode mit den Herbstfarben (weiche und warme) und des Herbsttypes.
Instinktiv satteln viele von Tomatensalat auf Kartoffel-, Linsen- oder andere Eintöpfe um – oder auf Grünkohl mit Wurst. Ja, alles hat in der Natur so seine Richtigkeit. Alles ist für etwas gut.
Doch woher kommt das Wort Herbst?
Sprachgeschichtlich verwandt ist es unter anderem mit dem englischen „harvest“ für Ernte und dem griechischen „karpós“ für Frucht oder Ertrag. Im Wortsinn bedeutet also die Jahreszeit zwischen Sommer und Winter „Zeit der Früchte und der Ernte“.
Im südwestdeutschen Sprachraum lebt die ursprüngliche Wortbedeutung „Ernte“ als Dialekt- beziehungsweise Fachausdruck für die (Wein)lese fort: denn diese wird dort oft umgangssprachlich mit „herbsten“ bezeichnet. Denn ein goldener Herbst versorgt schließlich Mensch und Tier mit all den Gaben der Natur. Daher feiern Christen auch in diesen Monaten Erntedankfeste – um Gott dafür zu danken.
Im Judentum gibt es das Schawuot, das Wochenfest, nach Beginn der Ernte, sowie das Sukkot, das Laubhüttenfest, im Herbst am Ende der Lese.
In Nordamerika feiern die Menschen den Indian Summer, der sich auf ein Gebiet, das von den Mittelatlantikstaaten nördlich nach Neuengland reicht, sodann westlich über das Ohio-Tal und die Region der Großen Seen, den Mittleren Westen der USA, den nördlichen Teil der Great Plains und Kanada beschränkt. Alles Gegenden, in denen es im Winter eisigkalt wird.
Rilke konnte übrigens auch über den Herbst in einem gleichnamigen Gedicht schwelgen: „Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten …“
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