Uetersen - Seit zwei Wochen ist er der bestgehasste Mann der Republik: Siegfried Sievert, Geschäftsführer von "Harles und Jentzsch". Bis Ende 2010 war diese Firma nur Branchenkennern ein Begriff. Heute weiß jeder: Dort wurde das dioxinbelastete Tierfutter hergestellt.Gestern früh. Der KURIER besucht den mutmaßlichen Giftpanscher. Wie rechtfertigt sich der 59-Jährige, gegen den der Staatsanwalt wegen Verstoß gegen das Lebens- und Futtermittelrecht ermittelt? Auch Betrug wird ihm zur Last gelegt: Minderwertige Industriefette habe er als Futterfette verkauft und so pro Tonne 1000 Euro statt 500 kassiert, sagt das niedersächsische Verbraucherministerium."Alles Quatsch", antwortet Sievert, der sich derzeit in seinem Unternehmen in Uetersen verbarrikadiert. Er kommt erst zum Tor, als er merkt, dass die KURIER-Reporter nicht locker lassen. "Ich hatte niemals die Absicht, jemanden zu vergiften." Und dann erklärt er, dass das Dioxin nicht von ihm verursacht worden sein kann: Bei den Raffinerie- und Destillationsprozessen in seinem Unternehmen würden Temperaturen von 240 Grad herrschen. "Dioxin aber entsteht erst ab 300 Grad."Sievert, der in der Öffentlichkeit schon längst als Täter abgestempelt ist, will sagen: Er ist selbst nur das Opfer. Jemand habe ihm das Zeug untergeschoben. Aber wer glaubt ihm noch?Seit Bekanntwerden des Skandals hat sich der Mann in zu viele Widersprüche verwickelt. Mal sagte er im Interview: "Wir haben keine Fette benutzt, die nicht erlaubt sind." Dann wiederum: "Wir waren leichtfertig der irrigen Annahme, dass die Mischfettsäure, die bei der Herstellung von Biodiesel anfällt, für die Futtermittelherstellung geeignet sei."Siegfried Sievert zieht sich darauf zurück, dass seine Firma die Dioxinbelastung des Futters am 23. Dezember selbst den Behörden gemeldet hat. "Handelt so ein Krimineller?" fragt er.Behauptungen, er habe bereits im Sommer von der Dioxin-Belastung gewusst, bezeichnet er als "Rufmord". Um bis zu 77-mal überhöht war die Dioxinbelastung im Futter. Viele Landwirte haben ihre Existenz, viele Bürger das Vertrauen in die Unbedenklichkeit von Lebensmitteln verloren. Schon wird daran gedacht, bei der Firma eine Teilgewinn-Abschöpfung vorzunehmen. Bedeutet: Rechtzeitig vor einer möglichen Insolvenz würden Firmengelder sichergestellt, um Entschädigungen leisten zu können.Sievert ist praktisch am Ende. Nur wahrhaben will er es nicht. "Wir produzieren weiter." Sagt er. Und geht zurück an seinen Arbeitsplatz. Im Hintergrund: die menschenleere Produktionsanlage. Kein Schornstein, der qualmt. Keine Maschine, die Lärm macht.------------------------------BU: Siegfried Sievert Geschäftsführer der in Verruf geratenen Futtermittel-Firma.Zwischenzeile: VIELE LANDWIRTE KÄMPFEN UM DIE NACKTE EXISTENZ
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