Hartz-IV-Falle

Die Wege aus der Armutsspirale

Jeder dritte Berliner Heranwachsende ist auf Sozialleistungen angewiesen.

Kerstin Hense
Lesezeit 4 Min
Max im Gespräch mit Thomas de Vachroi. Er kennt sich mit Schicksalen wie seinem aus und will ihm helfen, seine beruflichen und privaten Probleme zu lösen.

Max im Gespräch mit Thomas de Vachroi. Er kennt sich mit Schicksalen wie seinem aus und will ihm helfen, seine beruflichen und privaten Probleme zu lösen.

© Sabine Gudath

„Du musst dringend aus dem Hartz-IV-Kreislauf heraus. Sonst resignierst du irgendwann“, sagt Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter beim Diakoniewerk Simeon in Britz. Max lebt von Geburt an von Hartz IV. Seine Eltern und sogar Großeltern beziehen ebenfalls soziale Leistungen.

In Berlin gibt es zahlreiche Kinder und Jugendliche, die das gleiche Schicksal wie Max teilen, jedes dritte Kind erhält etwa vier Euro täglich für Essen. „Es gibt offiziell keine Kinderarmut, da Kinder keinen eigenen Haushalt haben. Sie leiden unter der Armut ihrer Eltern und können nichts dafür“, betont de Vachroi. Hier müsse die Politik eingreifen.

"Ich habe an Geburtstagen nicht einmal ein Geschenk bekommen."

„Der soziale Hintergrund spielt in Deutschland bei der Verteilung der Chancen eine zu große Rolle. Deshalb braucht es eine Politik, die auf Chancengleichheit ausgerichtet ist“, sagt Adrian Sonder, Vorsitzender des Landesfachausschusses für Arbeit und Soziales der CDU Berlin. 

Max erzählt, dass er es nicht anders kenne, seine Familie, seit er denken kann, mit wenig Geld auskommen muss. „Ich habe an manchen Geburtstagen noch nicht einmal ein Geschenk bekommen. Meine Eltern mussten sich alles mühsam ersparen.“ Das Hauptproblem solcher Armuts-Schicksale wie das von Max und seiner Familie sieht de Vachroi darin, dass sie häufig unsichtbar bleiben. „Es ist sehr wichtig und wertvoll, dass darüber berichtet wird, damit diesen Menschen geholfen werden kann“, sagt er.

Adrian Sonder wurde im KURIER auf das Hartz-IV-Schicksal von Max aufmerksam.

Adrian Sonder wurde im KURIER auf das Hartz-IV-Schicksal von Max aufmerksam.

© Adrian Sonder

Doch was kann man tun? Zur Unterstützung könnten den Betroffenen zum Beispiel ehrenamtliche Paten an die Seite gestellt werden, die sich ihrer annehmen und zuhören. „Junge Menschen wie Max brauchen eine bessere individuelle Beratung und Betreuung, die bereits in der Kita beginnt. Sie müssen dabei ermutigt und unterstützt werden“, betont Sonder.

Beratungszentren für Minderjährige in jedem Bezirk

Dazu müssten Schulen und Kitas mit genügend Personal ausgestattet werden. „Die Lehrer und Erzieher sind häufig überfordert, weil sie gar nicht wissen, was Armut bedeutet“, sagt de Vachroi.

Er schlägt vor, regelmäßig Vorträge in den Bildungseinrichtungen zu diesem Thema abzuhalten, um die Pädagogen noch mehr zu sensibilisieren. In jedem Bezirk sollten speziell für Minderjährige Beratungszentren aufgebaut werden, wo sich die Kinder auch mal ausweinen könnten, wenn es ihnen schlecht geht. Die Eltern könnten ihnen oftmals nicht mehr helfen, weil sie selbst in ihrer eigenen schlimmen Situation gefangen sind.
Als erstes soll Max eine Ausbildung absolvieren, rät der Armutsbeauftragte. Denn nur wenn er sich weiter qualifiziere, könne er dem Hartz-IV-Dilemma entkommen.

Bisher hat Max noch nicht einmal einen Schulabschluss und zwei Ausbildungen hintereinander abgebrochen. De Vachroi will helfen, ihm einen Praktikumsplatz in einer Fahrradwerkstatt in Schöneberg vermittelt, denn Max möchte gern Zweiradmechaniker werden. Doch noch fehlen ihm praktische Erfahrungen, um seinem Ziel näher zu kommen. 

Max und seine minderjährige Freundin Ashley (16) erwarten ein Kind

Doch die Hilfe von außen allein reicht nicht aus. „Du musst ebenfalls mitwirken und Verantwortung übernehmen, auch für dein Baby. Sonst wird deinem Kind ein ähnliches Schicksal ereilen“, sagt der Armutsexperte. Wie berichtet erwarten Max und seine minderjährige Freundin Ashley (16) Anfang nächsten Jahres ein Kind. 

Ein gestärktes familiäres Umfeld sei entscheidend, um die beruflichen Pläne durchzusetzen. Die privaten Probleme von Max müssen dringend gelöst werden. Thomas de Vachroi will sich auch dafür bei den Berliner Behörden einsetzen. Max und Ashley sollen eine Chance bekommen, ihr Kind gemeinsam aufzuziehen. Das wird nicht einfach, weil Ashley noch nicht volljährig ist.

Max will trotz allem nach vorn schauen. Die Unterstützung hat ihm wieder neue Kraft und Motivation gegeben. Er sagt: „Ich bin sehr dankbar und froh und werde alles daran setzen, dass mir ein Leben ohne Hartz IV gelingt.“ Max will allen anderen ein Vorbild sein. Seinen Großeltern, Eltern und bald auch seinem eigenen Kind.

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