Sanierung gescheitert

Niedergang der DDR-Wurstkultur: Auch bei Halberstädter Würstchen ist jetzt Schluss

Drei Insolvenzen in drei Jahren, nun das Ende: Die Halberstädter Würstchen geben ihren Betrieb auf, die Belegschaft bekommt die Kündigung. Kein Einzelfall im Osten.

Foto von Autor/Autorin: Sebastian Krause
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Nach den Eberswalder Würstchen gehen auch bei den Halberstädter Würstchen die Lichter aus.

Nach den Eberswalder Würstchen gehen auch bei den Halberstädter Würstchen die Lichter aus.

© dpa/ Matthias Bein

Die Räucherkamine in Halberstadt sind schon seit Wochen kalt. Am Dienstag, 25. August 2026, hat Insolvenzverwalterin Karina Schwarz das endgültige Aus der Halberstädter Konserven GmbH (Halko) verkündet. Der Betrieb, in dem die berühmten Würstchen im Glas und in der Dose entstanden, ist Geschichte. Der Niedergang der DDR-Wurstkultur geht damit weiter.

Kein Käufer in Sicht – nur Absagen

In Halberstadt wurde schon seit dem Frühsommer nichts mehr produziert. Der Firma fehlte es an Geld, um die Löhne zu zahlen. Die Bänder standen still, während die Insolvenzverwalterin nach einem Käufer suchte. Im August kamen aus der Branche nur Absagen.

Die Belegschaft bekommt die Kündigung

Für die Beschäftigten heißt das: Job weg. Wie viele Menschen in den Tochterfirmen zuletzt noch auf der Lohnliste standen, kann die Insolvenzverwalterin nicht beziffern.

Durch das Aus bei Halberstädter Würstchen steht fest, dass alle verbliebenen Mitarbeiter ihre Kündigung erhalten.

Durch das Aus bei Halberstädter Würstchen steht fest, dass alle verbliebenen Mitarbeiter ihre Kündigung erhalten.

© Michael Westermann/imago

Als das Verfahren am 2. Juni begann, war von 152 Beschäftigten die Rede. Einige von ihnen haben seither woanders angefangen. Betriebe aus dem Harz hatten im Juni offen um die Fachkräfte geworben. Der Betriebsrat existiert schon seit Wochen nicht mehr. Er hat sich selbst aufgelöst.

Seit Mai kein Lohn – und kein Insolvenzgeld

Zur Kündigung kommt noch ein Loch auf dem Konto hinzu. Aus dem Unternehmen heißt es, das Gehalt für Mai sei bis heute nicht überwiesen. Der Grund ist eine Regel der Bundesagentur für Arbeit. Sie zahlt kein Insolvenzgeld, weil sie in dem Verfahren vom Juni keinen neuen Fall sieht.

Schwarz hatte das im Juni damit erklärt, die Behörde schließe eine erneute Zahlung aus, da es sich „nicht um ein neues Insolvenzereignis handele“. Voraussetzung wäre, dass die Zahlungsunfähigkeit aus dem vorigen Verfahren zwischenzeitlich beseitigt worden war. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten forderte im Juli eine schnelle Auszahlung – ohne Erfolg. Ihre Ansprüche müssen die Betroffenen nun selbst als Gläubiger anmelden.

Drei Verfahren in drei Jahren

Der Absturz zog sich in die Länge. Anfang Dezember 2023 stellte die damalige Halko GmbH einen Antrag auf Eigenverwaltung. Als Grund nannte sie Liquiditätsengpässe. Im Frühjahr 2024 entstand daraus die neu gegründete Halberstädter Konserven GmbH. Die Arbeitsplätze blieben zunächst erhalten.

Mit dem Aus des Unternehmens endet einer der nur noch wenigen Traditionsbetriebe aus der ehemaligen DDR.

Mit dem Aus des Unternehmens endet einer der nur noch wenigen Traditionsbetriebe aus der ehemaligen DDR.

© Matthias Bein/dpa

Schon am 30. Dezember 2024 folgte beim Amtsgericht Magdeburg das zweite Verfahren, damals mit rund 50 Betroffenen. Ein Insolvenzplan stand Ende November 2025. Ein halbes Jahr später, am 2. Juni 2026, war die Firma wieder zahlungsunfähig. Über Jahre habe es Anläufe gegeben, das Werk wieder tragfähig zu machen, sagte Schwarz der „Volksstimme“. Die Bedingungen dafür seien nie geschaffen worden. Dass Gläubiger auf Forderungen verzichteten, habe dem Unternehmen keine dauerhafte Stabilität gebracht.

Die Marke gehört der Familie Nitsch

Die Gebäude gehen an die Eigentümerfamilie Nitsch zurück. Wer die Hallen und die Anlagen künftig nutzt, ist offen.

Fraglich ist auch, was aus dem Namen wird. Die Markenrechte liegen bei der Familie Nitsch. Ob jemand die Marke weiterführen möchte, ist nicht bekannt.

In Britz ging es dem Osten schon im Februar so

Halberstadt ist nicht der erste ostdeutsche Wurst-Riese, der 2026 aufgibt. In Britz bei Eberswalde endete am 28. Februar die Produktion der Eberswalder Wurstwerke. Rund 500 Menschen verloren dort ihre Arbeit. Angekündigt hatte die EWN Wurstspezialitäten die Schließung am 6. Januar. Das Werk gehört über die Zur Mühlen Gruppe zur Tönnies-Gruppe, dem größten deutschen Wursthersteller.

Auch bei Eberswalder Würstchen steht die Produktion still.

Auch bei Eberswalder Würstchen steht die Produktion still.

© Soeren Stache

Der Unterschied ist aber, dass es die Marke „Eberswalder“ weiter gibt. Die Gruppe verlagerte die Herstellung in andere Werke – sehr zum Ärger der Belegschaft und der Kunden.

Warum das in Halberstadt nicht funktioniert

Diesen Weg können die Halberstädter Würstchen nicht gehen. Seit dem 28. Oktober 2010 tragen sie das EU-Siegel „geschützte geografische Angabe“. Heißt: Nur Ware aus Halberstadt darf so heißen.

Wer die Würstchen also weiterverkaufen will, muss sie in Halberstadt herstellen – in genau jenen Anlagen, für die es bislang keinen Käufer gibt.

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