Terror-Angst

„Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen“

Das sagen Händler und Besucher nach Terror-Alarm am Breitscheidplatz.

Norbert Koch-Klaucke
Lesezeit 4 Min
Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz aus der Luft.

Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz aus der Luft.

© Christoph Soeder/dpa

Es ist vierter Advent, kurz nach 12 Uhr. Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz hat gerade seit einer Stunde geöffnet. Besucher strömen zu den Ständen, holen sich Glühwein und Crêpes, suchen nach Geschenken. Es herrscht eine ausgelassene Adventsstimmung, als wäre auf dem Markt am Abend zuvor nichts passiert.

Anschlag auf Weihnachtsmarkt ist fast genau drei Jahre her

Doch das Ereignis kommt zur Sprache. Immer wieder fangen Händler an zu erzählen, wie am Sonnabend ab 19 Uhr die Polizei anrückte, den Weihnachtsmarkt wegen eines Terrorverdachtes schließen ließ. Ein Großeinsatz, fast genau drei Jahre nach dem Anschlag, als der Attentäter Anis Amri mit einem Lkw in den Weihnachtsmarkt fuhr, dabei zwölf Menschen tötete.

Weihnachtsschmuck-Händlerin Ayshe Eretshep (27): „Als die Polizei den Markt räumen ließ, hatte ich ein sehr unangenehmes Gefühl.“

Weihnachtsschmuck-Händlerin Ayshe Eretshep (27): „Als die Polizei den Markt räumen ließ, hatte ich ein sehr unangenehmes Gefühl.“

© Volkmar Otto

Ein paar Meter von der Stelle entfernt, an der damals der Laster auf den Breitscheidplatz donnerte, verkaufen Ayshe Eretshep (27) und Emel Adem (23) Weihnachtsschmuck. „Was 2016 hier passierte, habe ich zum Glück nicht miterlebt“, sagt Eretshep. „Doch als am Sonnabend die Polizisten kamen und uns sagten, wir sollte so schnell wie möglich den Stand schließen und den Markt verlassen, hatte ich ein sehr unangenehmes Gefühl.“

Ihre Kollegin Adem hatte gleich die Bilder vom Attentat vor drei Jahren wieder vor Augen. Die mit Blaulicht rasenden Rettungswagen, die Schreie der Menschen, die Panik, die vor drei Jahren auf dem Platz herrschte. „Die Erinnerungen und auch etwas Furcht waren sofort wieder da“, sagt Adem. „Doch nach Ereignissen wie diesen muss der Weihnachtsmarkt auch am Tag danach wieder weitergehen.“

Es gehe dabei nicht um Geschäftemacherei. „Wir dürfen uns von Leuten, die gegen unsere Traditionen sind, Weihnachten nicht verbieten lassen und einschüchtern lassen“, sagt die Verkäuferin. „So sehen es auch die Besuche, die seit dem Attentat immer mehr zu uns kommen und uns bestärken, mit dem Weihnachtsmarkt weiter zu machen.“ Schon, weil man es den Opfern des damaligen Attentats schuldig sei.

Mit Präsenz ein „Zeichen gegen den Terror setzen“

An dem Platz vor der Gedächtniskirche, der mit Kerzen, Fotos und Blumen an die Toten erinnert, stehen viele Besucher, halten stille Andacht. So manche steuern den Gedenkort nach dem jüngsten Polizeieinsatz erst recht an. „Sicher geht man Stunden nach diesem Ereignis wieder mit schweren Gefühlen über den Breitscheidplatz“, sagt Besucherin Angela Spiring (54).

Angela Spiring (54) lässt sich nicht einschüchtern, war wieder auf dem Markt: „Mein Besuch ist auch ein Zeichen gegen den Terror.“

Angela Spiring (54) lässt sich nicht einschüchtern, war wieder auf dem Markt: „Mein Besuch ist auch ein Zeichen gegen den Terror.“

© Volkmar Otto

Sicher, sie hätte auch Zuhause bleiben können. Was wäre, wenn wirklich Attentäter auf dem Markt gewesen sind, tatsächlich ein gefährlicher Gegenstand gefunden worden wäre? „Aber ich bin dennoch da, gerade weil ich nach solchen Geschehnissen mit meiner Präsenz hier auf dem Breitscheidplatz ein Zeichen gegen den Terror setzen will“, sagt die Berlinerin. „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen.“

„Die Beamten haben einen großartigen Job geleistet“

Und auch Besucherin Petra L. lässt sich nicht einschüchtern. Sie war vor drei Jahren da, als der Anschlag passierte – und auch am Sonnabendabend, als der Markt wegen des Terrorverdachtes geräumt wurde. „Natürlich bekommt man wieder einen Schreck, wenn die Polizei plötzlich auftaucht und man merkt, die Dinge laufen nicht so wie sie sollten“, sagt sie.

Weihnachtsmarkt-Gast Petra L. erlebte den Polizei-Einsatz: „Die Beamten haben einen guten Job gemacht. Ich fühle mich sicher.“

Weihnachtsmarkt-Gast Petra L. erlebte den Polizei-Einsatz: „Die Beamten haben einen guten Job gemacht. Ich fühle mich sicher.“

© Volkmar Otto

„Doch die Beamten haben einen großartigen Job geleistet, ließen bei den Menschen kein Gefühl der Panik aufkommen. Ich habe mich sicher gefühlt. Und dieses Gefühl habe ich nach wie vor, wenn ich auf dem Breitscheidplatz einen der schönsten Weihnachtsmärkte der Stadt besuche.“

„Von so etwas lassen wir uns nicht Bange machen“ 

Auch von Markthändlern gab es Lob für den Einsatz der Polizei. „Auch wenn jeder gleich an das schreckliche Attentat vor drei Jahren dachte: Es war schon richtig, dass die Polizei kam, auch wenn sich der Terrorverdacht am Wochenende sich als Fehlalarm herausstellte“, sagt Mandel-Verkäufer Philip Sauter (23). „Es zeigt, dass die Beamten nach dem Anschlag viel sensibler auf Verdachtsmomente reagieren. Lieber einmal zu viel als zu wenig kontrollieren. So bleibt der Weihnachtsmarkt sicher.“

Ein Tag nach dem Einsatz sind Dado Nesic und Vanessa Naumann auf dem Breitscheidplatz: „Wir lassen uns nicht Bange machen.“

Ein Tag nach dem Einsatz sind Dado Nesic und Vanessa Naumann auf dem Breitscheidplatz: „Wir lassen uns nicht Bange machen.“

© Volkmar Otto

Das wissen auch viele Besucher wie Dado Nesic (38), der mit Vanessa Naumann am Tag nach dem Einsatz den markt zum Glühweintrinken besuchte. „Ich habe mir ehrlich gesagt keine großen Gedanken darüber gemacht, als ich morgens von dem Terrorverdacht gelesen hatte“, sagt er. „Von so etwas lassen wir uns nicht Bange machen.“

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