Sechs Jahre obdachlos
Guido Brück war sechs Jahre obdachlos. Zum Schlafen kam er in den Großen Tiergarten. Romantisch war das nicht. Es ist schon eine Weile her, ziemlich genau 15 Jahre. Heute ist er 60 Jahre alt und arbeitet in der Kleiderkammer der Notübernachtung an der Lehrter Straße. Er hat also einen festen Job, und er hat auch eine Wohnung – in Moabit.
Gasag-Chefin Vera Gäde-Butzlaff unterstützt die Kältehilfe.
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An diesem Tag ist Guido Brück in Begleitung an seinen früheren Schlafplatz zurückgekehrt. Vera Gäde-Butzlaff, die Vorstandsvorsitzende der Gasag, ist mitgekommen. In Pumps steht sie im Laub und lauscht den Worten von Guido Brück. Auch die Sprecherin der Berliner Stadtmission Ortrud Wohlwend ist da. Die Frauen und der Mann aus dem Tiergarten. Zwei Welten. An diesem Tag spazieren sie gemeinsam durch den Park, um auf die Not wohnungsloser Menschen aufmerksam zu machen.
Zahlen wohnungsloser Menschen steigen
Die Gasag unterstützt die Berliner Kältehilfe finanziell. „Ich halte das für ein besonders wichtiges gesellschaftliches Engagement“, sagt Vera Gäde-Butzlaff. Mit dem Ende des Winters endet auch die Berliner Kältehilfe erst mal wieder. 48.000 Übernachtungen wohnungsloser Menschen in ihren vier Einrichtungen mit Notübernachtungsplätzen hat die Stadtmission zwischen November und diesem Mittwoch gezählt. Wieder waren es 3.000 mehr als im vergangenen Jahr. Dafür gab es keinen Kältetoten. Die Zahlen wohnungsloser Menschen steigen in Berlin seit Jahren.
Nach Schätzungen sind es mehrere Tausend. „Wir müssen dazu kommen, früher einzugreifen und den Wohnungsverlust vermeiden“, sagt Ortrud Wohlwend. Genauer hinschauen, um zu bemerken, wenn Menschen ihre Miete nicht mehr zahlen, Schwarzarbeit vermeiden und lieber richtige Jobs schaffen, Konzepte, mobile Sozialarbeiter, bezahlbare Wohnungen. Es könne ganz schnell gehen, die eigene Wohnung zu verlieren. Bei Guido Brück ging es langsam. Er ist in Saarbrücken geboren.
„Alkohol macht aggressiv.“
Mit zehn Jahren kam er mit seinen Eltern nach Berlin in die Gropiusstadt. Er hat als Bauhelfer gearbeitet. „Auf dem Bau wird gesoffen. Ich habe ein bisschen mehr gesoffen als die anderen“, sagt er. In den schlimmsten Zeiten waren es zwei Kästen Bier und mehrere Flaschen Schnaps am Tag – jeden Tag. Er zahlte keine Miete mehr. Es war ihm alles egal. Irgendwann reichte es seiner Freundin, sie schmiss ihn aus der Wohnung. In der ersten Zeit hat er bei Freunden übernachtet. „Aber so was geht ja nicht lange gut“, sagt er heute, „Alkohol macht aggressiv.“
An die ersten Nächte im Tiergarten kann er sich noch genau erinnern. „Es ist unheimlich nachts, überall knackt es im Gebüsch. Wenn es regnet, wird man nass. Aber man gewöhnt sich“, sagt Guido Brück. Behörden wollte er nicht um Hilfe bitten. „Ich war zu stolz“, sagt er. Mit Behörden hatte er schon Ärger gehabt. Also lieber Rucksack und Schlafsack. Mehr habe er nicht gebraucht. Schon klingt es wieder romantisch.
Eine Raucherlunge, zwei Schlaganfälle
Guido Brück fallen aber auch andere Szenen ein. Als drei Männer nachts im Wald plötzlich auf ihn eingeschlagen hätten, zum Beispiel. Als er drei Tage lang nichts gegessen hat, weil er vom Alkohol benebelt einfach nur liegen blieb. Als er darüber nachdachte, wie man wohl eine der fetten Enten im Tiergarten fangen und grillen könnte. Das Überleben sicherte er sich mit Betteln. Für drei Mark gab es eine Flasche Schnapps. Der Körper von Guido Brück hat einiges mitgemacht. Eine Raucherlunge, zwei Schlaganfälle und der Verlust aller Zähne sind die Quittung dafür. Er hat das alles schließlich hinter sich gelassen.
Es war ein weiter Weg mit vielen Rückschlägen. Zwischenzeitlich hatte er sogar mal wieder eine eigene Wohnung. Aber er trank weiter und die Miet- und Stromrechnungen blieben wieder liegen. Anstelle von elektrischem Licht hatte er Kerzen. Eines Tages fingen die Plastikblumen Feuer, die er um die Kerzen gewickelt hatte. Die Wohnung brannte aus. Die Feuerwehr lieferte ihn bei der Stadtmission ab.
Das war sein Glück. Denn so kam er ins Übergangshaus, wo Obdachlose in eigenen Zimmern wohnen können, es aber Sozialarbeiter gibt, die dabei helfen, den Alltag zu meistern. Dort blieb er drei Jahre. Guido Brück trinkt immer noch. „Aber nur an den Wochenenden“, sagt er. Er habe das jetzt im Griff.
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