Gülper See

Die letzten Berufsfischer Brandenburgs

Wolfgang Schröder gehört zu den wenigen Binnenfischer in der Mark.

Stéphanie Grix
Lesezeit 7 Min
Um das mehrere hundert Meter lange Netz optimal im Wasser auszulegen und kurz darauf wieder einzuholen, sind hier vier Fischer und eine Reporterin zugange.

Um das mehrere hundert Meter lange Netz optimal im Wasser auszulegen und kurz darauf wieder einzuholen, sind hier vier Fischer und eine Reporterin zugange.

© Thomas Uhlemann

Kein Lüftchen geht an diesem frühen Morgen am Gülper See. Wolfgang Schröder ist mit drei Fischern ans Nordufer gefahren. Dort, bei den Seerosen, hofft er heute auf einen guten Fang. Mit etwas Glück könnten ihm Schleien ins Netz gehen, Plötzen, Barsche, vielleicht ein paar Hechte. Doch erst mal muss er telefonieren.

In Watthose und Gummijacke, bis zu den Oberschenkeln im Wasser stehend, lehnt er an seinem Kahn und hat das Handy am Ohr. Eigentlich mag er das nicht – „wenn ich beim Fischen bin, bin ich beim Fischen“ –, aber auch am Gülper See ist die Zeit nicht stehen geblieben. „Ich muss erreichbar sein“, brummt der 50-Jährige und schaut einem Schwarm Möwen hinterher. „Auch auf dem Wasser.“

„Meine Kinder interessieren sich nicht dafür“ 

Wolfgang Schröder ist Fischer in der vierten Generation. 1904 gründete sein Urgroßvater Julius Senior den Fischereibetrieb in Strohdehne im Havelland, der heute sein Lebens- und Arbeitsmittelpunkt ist. „Ich wollte nie etwas anderes werden als Fischer“, sagt der 1,97 Meter große Brandenburger, der schon mit fünf Jahren bei seinem Vater im Boot saß und die Muscheln zählte, die er im blitzklaren Wasser schimmern sah.

Es ist windstill auf dem Gülper See, nicht die kleinste Welle kräuselt das Wasser – ideale Bedingungen.

Es ist windstill auf dem Gülper See, nicht die kleinste Welle kräuselt das Wasser – ideale Bedingungen.

© Thomas Uhlemann.

Mit 16 machte er eine Ausbildung zum Binnenfischer – „heute heißt das Fischereiwirt“ – und er denkt mit etwas Wehmut daran, dass er der letzte Fischer seiner Familie sein wird. „Dazu wird man geboren“, sagt er, „aber mein Sohn und meine Tochter interessieren sich überhaupt nicht dafür.“ Antonie, 21, will Friseurin werden, Julius studiert Geoinformatik in Berlin.

„Ein Fitnessstudio brauche ich nicht“

Vor allem das Zugnetzfischen, das Wolfgang Schröder noch als einer von wenigen praktiziert – eine schonende Fangtechnik, bei der sich die Fische nicht verletzen –, ist körperlich harte Arbeit. Ein mehrere hundert Meter langes Netz, dessen eine Seite (Oberseil, mit Kork besetzt) auf dem Wasser schwimmt, während die andere (Unterseil, mit Blei verstärkt) auf den Grund sinkt, wird in einem großen Bogen in Ufernähe ausgelegt und danach von Hand wieder eingeholt. Die so entstandene „Schlinge“ schrumpft dabei zusammen, der eingefangene Fisch sammelt sich in einem mittig in das Netz eingehängten Sack.


Aufs Land

In der neuen „Aufs Land!“ findet sich nicht nur die Reportage über Fischer Schröder, sondern noch viele weitere ländliche Geschichten rund um Berlin und Brandenburg. Die Sommerausgabe ist ab jetzt für 3,40 Euro an allen gut sortierten Kiosken in Berlin und Brandenburg oder im Lesershop des Berliner KURIER erhältlich. 


„Schön breit hinlegen, sonst ist der Haufen nachher zu hoch und kippt um“, ruft Fischer Reinhard Persicke, 70, der Reporterin zu, die mit ihm im Kahn steht. Jeder von uns holt eine Seite vom Netz ein, dabei nimmt das Reinziehen ins Boot überhaupt kein Ende. Und geht ganz schön in die Arme. „Wenn wir viel gefangen haben, schleppe ich hinterher einige Zentner Fisch über den Deich in die Aufbewahrungsbecken“, sagt Georg Friedrich, 61, der vom Wasser aus mit zupackt. „Ein Fitnessstudio brauche ich nicht.“

Zu  60 Prozent Glückssache

Wie üppig ein Fang ausfällt, bleibt beim Zugnetzfischen allerdings bis auf die letzten Meter eine Überraschung. Zwar ist der Sack, den wir jetzt langsam zu uns heranziehen, so robust, dass er bis zu vier Tonnen Fisch aufnehmen kann – aber die heutige Ausbeute fällt mager aus: Ein paar Brassen zappeln im Netz, eine Rotfeder, ein Rapfen, mehrere Hechte. So können wir noch nicht Feierabend machen – die Fischer wollen schließlich bezahlt werden.

Zweimal wiederholen wir die mühsame Fangprozedur noch, sind aber auch nach sechs Stunden Einsatz nur mittelmäßig erfolgreich. „Es gibt solche Tage“, meint Wolfgang Schröder mit einem entspannten Schulterzucken. „Wie gut ein Fang ausfällt, ist zu 60 Prozent Glückssache.“

Delikate Wollhandkrabben

Fünfzig Tonnen Fisch holt er mit seinen Leuten jedes Jahr aus dem Wasser. Er hat die Fischereirechte für zwei Drittel des Gülper Sees und zuätzlich für zwei mehrere Kilometer lange Abschnitte auf der Elbe. Aber auch nur dort: „Fischerneid ist schlimmer als Jagdneid“, sagt er mit Bedauern. Dabei könnte es wirtschaftlich interessant sein, sich mit anderen Betrieben zusammenzutun – allemal, wenn der Großhandel anklopft und Mengen einfordert, die ein Einzelner gar nicht verbindlich liefern kann.

Brassen, Hechte, Barsche und Plötzen: 50 Tonnen Fisch holt Wolfgang Schröder mit seinen Leuten jedes Jahr aus dem Wasser.

Brassen, Hechte, Barsche und Plötzen: 50 Tonnen Fisch holt Wolfgang Schröder mit seinen Leuten jedes Jahr aus dem Wasser.

© Thomas Uhlemann

In der Elbe fängt Schröder zum Beispiel Wollhandkrabben, die in China als Delikatesse gelten. Die Nachfrage ist riesig. Brassen wiederum, bei deutschen Kunden wegen ihrer vielen Gräten nicht sehr beliebt, finden ihre Abnehmer vor allem in Belgien und bei einigen kurdischen Unternehmern, die eine Vielzahl an Großfamilien in ganz

„Vor der Wende war alles unkompliziert“

Deutschland versorgen. „Zehn Tonnen habe ich ihnen seit Jahresbeginn schon verkauft“, freut sich Fischer Schröder. Masse allerdings ist nicht alles – auch die Mischung im Netz bestimmt den Verdienst: Das Kilo Zander kann er für 14, das Kilo Aal sogar für 16 Euro verkaufen. Sechs Euro gibt es für die gleiche Menge Hecht – und ganze 60 Cent bringt die Brasse. Sie schwimmt überall.


Erlebnisfischen auf dem Gülper See

Lust auf frischen Fisch bekommen? Aufs Fischen? Bei Wolfgang Schröder kann man einkaufen oder eine Tour buchen. Bis zu 15 Gäste nimmt er mit zum Erlebnisfischen. Wer will, darf an den Zugnetzen mit anpacken. Die Tour dauert vier bis sechs Stunden, hinterher wird der Fang zubereitet und in einem Drei-Gänge-Menü serviert. Erwachsene zahlen 65 Euro, Kinder (bis 14 Jahre) 30 Euro.


Fischen allein – das ist es in Schröders Beruf schon lange nicht mehr. „Vor der Wende war alles unkompliziert. Wir haben den Fisch aus dem See geholt, ihn direkt an die Genossenschaft geliefert und von dort unser Geld bekommen.“ Und heute? „Müssen wir uns um die Weiterverarbeitung und um die Vermarktung selber kümmern.“ Da ein Fischer nie im Voraus weiß, wie viel Fisch und was für Fisch er an einem Tag fängt, die Ware aber möglichst umgehend an den Mann gebracht werden muss, ist das eine ziemliche

Russlandembargo trifft den Fischer hart

Herausforderung. Dazu kommen seit einigen Jahren touristische Aktivitäten: Im Sommer lässt Wolfgang Schröder Gäste beim Zugnetzfischen mitmachen und bietet Bootstouren durch das Naturschutzgebiet Westhavelland an. Im Projekt „HavelArt“ engagiert er sich dafür, dass regionaler Fisch seinen Weg in die hiesige Gastronomie findet.

Wolfgang Schröder ist (fast) immer erreichbar, muss Kundenkontakte aufbauen – und pflegen.

Wolfgang Schröder ist (fast) immer erreichbar, muss Kundenkontakte aufbauen – und pflegen.

© Thomas Uhlemann

Doch am glücklichsten ist der Fischer auf dem Wasser. In und mit der Natur arbeiten, da fühlt er sich wohl. Auf den Gülper See vor seiner Haustür hinausschauen und nicht viele Worte machen. Bloß träge darf er dabei nicht werden: „Ständig verändert sich etwas, und dann muss ich neu überlegen.“ So war es auch mit einem Kunden in Polen, dem er sieben Jahre lang 30 Tonnen Fisch im Jahr lieferte – zum Weiterversand nach Russland.

„Als unsere Regierung das Embargo gegen Wladimir Putin verhängte, war damit von einem Tag auf den anderen Schluss.“ Was das für einen kleinen Fischereibetrieb bedeutet, danach hätte niemand gefragt. „An die 20.000 Euro im Jahr habe ich dadurch verloren“, sagt Wolfgang Schröder. Hart, aber einer wie er sucht dann eben neue Kunden. Und greift zum Handy.

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