Größer Kunstraub der DDR

Die Kunst, einen 50-Millionen-Schatz beiseitezuschaffen

Die wertvolle Beute aus Gotha tauchte nach 40 Jahren wieder auf.

Andreas Förster
Lesezeit 6 Min
Schloss Friedenstein bei Gotha: Vor 40 Jahren wurden hier fünf Gemälde bei einem Einbruch erbeutet, den die Kripo bis heute nicht aufklären konnte.

Schloss Friedenstein bei Gotha: Vor 40 Jahren wurden hier fünf Gemälde bei einem Einbruch erbeutet, den die Kripo bis heute nicht aufklären konnte.

© imago images / Belga

Es stürmt und regnet, als sich Unbekannte in der Nacht zum 14. Dezember 1979 zum Schloss Friedenstein oberhalb von Gotha schleichen. Einer klettert mit Steigeisen einen Blitzableiter hinauf, zerschlägt in zehn Meter Höhe eine Fensterscheibe, steigt in die Räume der Gemäldesammlung Alter Meister ein und hängt fünf wertvolle Bilder mitsamt Rahmen ab, verschwindet mit den Werken von Frans Hals, Jan Brueghel dem Älteren, Anthonis van Dyck, Jan Lievens und Hans Holbein dem Älteren.

Die Täter von Gotha sind nie gefasst worden, die Bilder, deren Wert heute auf mehr als 50 Millionen Euro geschätzt wird, blieben verschwunden. Jetzt sind sie wieder aufgetaucht und zu einem Fall für das Landeskriminalamt Berlin geworden. Der Einbruch ist zwar verjährt, im neuen Ermittlungsverfahren geht es um mutmaßliche Erpressung und Hehlerei. Es gab bereits mehrere Durchsuchungen bei einem Anwalt und seinem Mandanten – es ist ein Arzt aus Ostfriesland, der die Bilder besaß.

Das Selbstbildnis mit Sonnenblume nach Anthonis van Dyck (Antwerpen 1598/9- 1641 London).

Das Selbstbildnis mit Sonnenblume nach Anthonis van Dyck (Antwerpen 1598/9- 1641 London).

© dpa

Wie der Spiegel berichtet, meldete sich im Juni 2018 ein Rechtsanwalt aus Süddeutschland bei Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch. Der Anwalt vertritt häufig Mandanten, die im Besitz von Kunstwerken zweifelhafter Provenienz sind. Da diese auf dem legalen Kunstmarkt nicht zu handeln sind, streben sie meist eine Einigung mit den tatsächlichen Eigentümern der Objekte an.

In der DDR arbeiteten bis zu 160 Kriminalisten am Fall 

Kreuch kannte den Mann bereits aus einem anderen Rückgabefall. Nun aber hatte der Jurist eine Überraschung dabei. Er legte Kreuch neue Farbfotos der fünf Gemälde auf den Tisch und bot an, dass sein Mandant die Bilder für 5,25 Millionen Euro herausgeben würde. 15 Monate zogen sich diskrete Verhandlungen hin. Schließlich kam es am 30. September in Berlin zur Übergabe. Vorher hatte sich die Polizei heimlich eingeschaltet, die bei der Anlieferung der Bilder zuschlug. Festnahmen gab es keine.

Der Arzt gab an, sein Vater habe die Bilder von einem Kriegskameraden als Sicherheit für ein Millionendarlehen erhalten. Irgendwie soll zudem Geld an DDR-Behörden geflossen sein, und auch die Stasi spiele angeblich eine Rolle. Doch die Geschichte stimmt vorn und hinten nicht, wie die Ermittler um René Allonge herausfanden.

Gemälde „Heilige Katherina" von Hans Holbein um 1509/10 (Augsburg um 1465- 1524/1534 Basel oder Isenheim).

Gemälde „Heilige Katherina" von Hans Holbein um 1509/10 (Augsburg um 1465- 1524/1534 Basel oder Isenheim).

© dpa

Jetzt gehen diverse Erklärungen um. Waren die Räuber im Auftrag westdeutscher Privatsammler tätig? Hatte die Stasi einen Einbruch vorgetäuscht, um die Bilder heimlich im Westen für harte Devisen zu verkaufen? Denn es war schon seltsam, dass der Wachschutz 1979 trotz Wachhunds den Einbruch stundenlang nicht bemerkt hatte.

Der Museumsraub weitete sich zu einem der größten Ermittlungsverfahren in der DDR-Kriminalgeschichte aus. Insgesamt wurden bei den „Rundumermittlungen“ über 1000 Personen überprüft. Mit Hilfe des Aufsichtspersonals wurden zudem Phantombilder angefertigt von Besuchern, die sich an den Vortagen auffällig verhalten hatten.

Die Ermittlungen wurden bis nach Polen und in die CSSR ausgeweitet. Zeitweise arbeiteten DDR-weit bis zu 160 Kriminalisten an dem Fall. Hinzu kamen Dutzende Stasi-Mitarbeiter. Die Spurensuche hatte mehrere Auffälligkeiten ergeben. Der Klettermaxe hatte offenbar genau gewusst, was er stehlen wollte oder sollte, suchte zielbewusst mehrere Räume auf, um die Bilder abzuhängen.

Ein unterirdisches Geheimlager in Gotha 

An dem Fenster, durch das der Dieb eingestiegen war, fiel den Spurensicherern auf: Es war von außen gesehen in der linken unteren Ecke eingeschlagen worden, schräg gegenüber vom Fenstergriff. So aber wäre es dem Einbrecher unmöglich gewesen, am Blitzableiter hängend den Fensterriegel von außen zu öffnen. 

Das Gemälde „Alter Mann" von Jan Lievens (Leiden 1607-1674 Amsterdam), Kopie nach Rembrandt Harmensz. Von Rijn (Leiden 1606-1669 Amsterdam).

Das Gemälde „Alter Mann" von Jan Lievens (Leiden 1607-1674 Amsterdam), Kopie nach Rembrandt Harmensz. Von Rijn (Leiden 1606-1669 Amsterdam).

© dpa

Deshalb vermutete die Polizei, dass ein Mitarbeiter oder ein Besucher den Riegel am Tag vor dem Einbruch bereits geöffnet haben könnte und das Glas beim Einbruch zerschlagen wurde, um das zu verdecken. Ungeklärt blieb, auf welchem Weg die Bilder weggeschafft wurden. Ein Lkw oder Kleintransporter, der unter dem Fenster an der Schlossmauer stand, schied aus. Das Fahrzeug, mit dem die Bilder weggeschafft wurden, musste irgendwo anders gestanden haben.

Die Polizei setzte Fährtenhunde ein, die tatsächlich die Witterung von zwei Spuren aufnehmen. Eine davon endet an einer Straße, unweit des Schlachthofs. Dort verkehrten regelmäßig Lkw aus der Bundesrepublik, die das für den Export vorgesehene Fleisch abholten. Noch auf dem Gelände wurden die Laster beladen und vom Zoll verplombt – wurden bei dieser Gelegenheit die gestohlenen Bilder zwischen Schweinehälften auf einen Laster versteckt?

Tatsächlich ließ sich ein Beamter das Exportbuch aushändigen, in dem vermerkt war, welche Lkw in der Tatnacht vom Schlachthof gen Westen rollten. Was mit dem Buch geschah, ist bis heute jedoch ungeklärt – es gilt seit damals als verschollen. Daran erinnerten sich Ermittler Jahre später, als sie in der Wendezeit 1989 einen überraschenden Fund machten. Nahe den Kasematten von Gotha stießen sie auf ein unterirdisches Geheimlager. Hier hatte die Firma Antikhandel Pirna Bauerntruhen und andere antike Möbel gelagert, die in den Westen verkauft wurden.

Das Bild „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel d.Ä. (Brüssel 1568 -1625 Antwerpen). 

Das Bild „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen" von Jan Brueghel d.Ä. (Brüssel 1568 -1625 Antwerpen). 

© dpa

Die Antikhandel Pirna war die getarnte Aufkauforganisation der „Kommerziellen Koordinierung“, über die seit Anfang der 70er-Jahre bis zum Ende der DDR wertvolle Kulturgüter aus Museen und Privatsammlungen vornehmlich an westdeutsche Sammler für harte D-Mark verhökert worden waren. Nun wurden Zusammenhänge hergestellt: Pflegte KoKo-Chef Alexander Schalck-Golodkowski nicht enge Beziehungen mit Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß?

Gemälde waren schnell als Raubgut bekannt 

Und waren nicht Strauß und Schalck eng befreundet mit dem bayerischen Fleischhändler Josef März, dessen Laster regelmäßig Vieh vom Schlachthof in Gotha holte? Ob all diese Fragen aufgeklärt und die Täter namhaft gemacht werden können, ist zweifelhaft. Viel wichtiger ist, dass die Kunstwerke wieder aufgetaucht sind.

Das Gemälde „Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals (Antwerpen 1582-1666 Haarlem. 

Das Gemälde „Brustbild eines unbekannten Herrn mit Hut und Handschuhen" von Frans Hals (Antwerpen 1582-1666 Haarlem. 

© dpa

Der Arzt aus Ostfriesland dürfte jedenfalls kaum eine Chance haben, die Bilder je wieder zurückzubekommen. Denn das juristische Argument, er habe das Eigentum an ihnen ersessen, weil er die Werke einst gutgläubig erworben habe, läuft ins Leere: Weil die DDR schon kurz nach dem Raub die international führenden Auktionshäuser alarmiert und per Inserat in westlichen Kunstzeitschriften vor dem Erwerb der Bilder gewarnt hatte, waren die Gemälde als Raubgut bekannt.

Damit aber scheidet ein späterer gutgläubiger Erwerb aus. Deshalb werden die Alten Meister wohl schon bald wieder im Schloss Friedenstein zu besichtigen sein.
    

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