Gitarren-Guru in der Zitadelle

Santana liebt uns, Frau Blackman rettet den Abend

In der ausverkauften Zitadelle rettete Carlos' Frau den Abend vor dem Absturz.

Klaus Kronsbein
Lesezeit 4 Min
Carlos Santana

Carlos Santana

© imago/Agencia EFE (Archivbild)

Vor vier Tagen bin ich 60 geworden. Da wollte ich es als alter Mann noch mal wissen – und bin auf ein Open-Air-Konzert gegangen. Freitagabend, 25 Grad, laues Sommerlüftchen, Zitadelle Spandau und eine Gitarre mit Hut. Ein Abend voller Überraschungen.

Auf der Bühne: Carlos Santana und Band. Erste Überraschung: Schon eine Stunde nach offiziellem Beginn zeigt sich der Gitarren-Magier gegen 19:30 Uhr dem Volk. Da habe ich bei anderen Künstlern schon länger gewartet. Zweite Überraschung: Mit meinen 60 Jahren bin ich im Innenhof der Zitadelle nicht der Älteste. Im Gegenteil.

Allerdings tragen viele Männer, die sicher weit älter sind als ich, Motorrad-Klamotten und Tattoos. Die Mädels über 60 auch. Es war schon eine besondere Mischung. Allerdings auch eine besondere Stimmung.

Was viele nicht wissen: Carlos Santana ist ein Anhänger des indischen Gurus Sri Chimnoy und lebt nach dem Motto „Wir sind alle eins“. Da wundert es einen auch nicht, dass die aktuelle Tour „Divination“ heißt. Denn das bedeutet: das Vermögen, das Heilige in der Erscheinung echt zu erkennen und anzuerkennen.

Zurück in die Zitadelle. Ausverkauft! Rund 9.000 glückliche Menschen. Eine Atmosphäre wie auf einem Familienfest. Alle lieben den 71-jährigen Carlos Santana (sah er vor 20 Jahren nicht auch schon so aus?), Carlos liebt uns. Irgendwo hinter der Gitarre und unter dem Hut muss er sein. Unser „Guru“ der PRS-E-Gitarre. Carlos liebt uns – und seine 24,5-Zoll-Begleiterin. Legt er sie jemals aus der Hand?

Das Konzert beginnt einfach. Ohne Paukenschlag, ohne Begrüßung. Der fast 50 Jahre alten Woodstock-Titel „Soul Sacrifice“ ist der Opener. Sofort sind Santana und seine Band präsent, sofort springt der Funke über. Wir sind alle eins.

Überraschung drei: Um 20:07 Uhr unterbricht Carlos den einstudierten Ablauf der 20 geplanten Songs. Er gedenkt der gerade verstorbenen Aretha Franklin und widmet ihr ein ruhiges, gefühlvolles Ständchen. Respekt.

Die einen sagen „Song-Brei“, die anderen „Sound-Teppich“

Überraschung vier: Gitarrist Tommy Anthony hat an diesem Abend Geburtstag. Es folgt auch hier ein Ständchen. Happy Birthday. Später am Abend spielt er ein Solo und intoniert „Roxanne“ von Sting. Erstens: Warum? Zweitens: Warum so schlecht? Bonus-Punkte wegen des Geburtstages. Ansonsten: besser nicht.

Die Songs, teilweise neu und aktuell, vielleicht sogar frisch auf der Bühne improvisiert, gehen zum Teil nahtlos ineinander über. Die einen sagen „Song-Brei“, die anderen sagen „Sound-Teppich“. Darunter natürlich Klassiker wie „Oye Como Va“, „Mona Lisa“ (schrecklich in die Länge gezogen) und „Maria Maria“. Auch „Black Magic Woman“ (fast nur instrumental), dafür fehlte „Samba Pa Ti“.

Hat es jemand bemerkt? Insgesamt wird eine Mischung aus Latin, Funk, Jazz und Blues-Elementen geboten. Das Timing der Band war unvergleichlich, was vor allem an den beiden Percussionisten Karl Perazzo und Paoli Mejias und ihrem Zusammenspiel mit dem Bassisten Benny Rietveld lag. Auf den Punkt serviert. Bester Sänger war ohne Zweifel der Posaunist Ray Greene. Er sieht in etwa so aus wie Seal - nur besser. Und er singt auch besser. Sänger Andy Vargas kennt man schon länger. Er hatte nicht seinen besten Abend. „Maria, Maria“ hatte man schon besser gehört.

„Imagine“: Fast hätte es John Lennon die Fußnägel aufgerollt

Überraschung fünf: In der zweiten Hälfte des Konzerts hört man plötzlich die ersten Zeilen von „Imagine“. In der Reggae-Version. Irgendwo da oben stutzt John Lennon. Bevor sich ihm irgendwo auf einer Wolke die Fußnägel aufrollen, rettet die Schlagzeugerin, die den Song singt, mit ihrer Stimme seinen Absturz und den des Konzertes.

Schlagzeugerin Cindy Blackman Santana rettete für ihren Gitarren-Guru-Mann den Abend.

Schlagzeugerin Cindy Blackman Santana rettete für ihren Gitarren-Guru-Mann den Abend.

© imago/ZUMA Press (Archivbild)

Wer ist das? Cindy Blackman Santana. Richtig: Seit acht Jahren die Frau von Carlos. Das „junge Ding“, das sah man auf der Riesen-Leinwand hinter der Band, gibt alles. Mit Stimme, Händen und Füßen. Später am Abend gibt sie bei einem Solo der Bezeichnung „Schießbude“ für ein Schlagzeug einen Sinn. Nicht schlecht für eine 59-jährige! Wenn sie privat auch so drauf ist – Viva Carlos Santana!

Gedanken auf dem Heimweg: Gut, dass der alte Mann hingegangen ist. Ein Santana-Konzert in bewährter Santana-Qualität, der beste runde Sound, der je in der Zitadelle geboten wurde, einer der besten Abende 2018.

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com