Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz - so trällerte in den wilden Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts so manche junge Frau. Der kokette Schlager galt als leicht frivol. Ebenso wie die geschlitzten Kleider der Tango-Tänzerinnen, die damals erstmals in Europa zu sehen waren und hier und da ein Stück nacktes Knie blitzen ließen - Inbegriff der Erotik und des Verruchten.Heute sind Knie für die meisten eher Anlass für Orthopädenbesuche und sorgenvolle Blicke, denn Knie verschleißen besonders leicht und stehen bei Sportunfällen an der Spitze. Ob Fußballer, Skifahrer, Leichtathleten - im Fernsehen können wir beobachten, wie sie mit schmerzverzerrtem Gesicht von Platz und Piste humpeln, weil ihr Knie nicht mehr mitspielt.Und so mancher, der den40. Geburtstag hinter sich hat, spürt beim Aufstehen selbst, wie es im Gelenk knirscht und knackt. In Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Dr. Joachim Grifka, Leiter der Orthopädischen Klinik für die Universität Regensburg, sagen wir Ihnen, was Ihre Knie in Gefahr bringt, wie Sie vorbeugen und welche neuen Therapien helfen.MENISKUSRISSDie Fußballer-VerletzungEin unglücklicher Zusammenstoß mit dem Gegner beim Fußballspiel, eine unbedachte Drehung um die eigene Achse - und schon kann es im Gelenk krachen. Folge: Ein mikrofeiner Riss durchzieht den Meniskus. Ebenso häufig lässt Verschleiß den Meniskus reißen. Das Gewebe ist mürbe geworden und gibt nach - so wie eine altersschwacheJeans, die zu oft gewaschen worden ist. Oft werden dabei ganze Meniskusanteile abgerissen und klemmen im Gelenkspalt ein, was die Bewegungen blockiert.Alarmsignale: Schwierigkeiten beim Beugen oder Strecken des Knies. Stechende Schmerzen. Das Gelenk schwillt an. Zeiten, in denen das Knie weh tut, wechseln ab mit trügerischer Ruhe: Eine kleine Drehbewegung reicht aus und schon blockiert es wieder.Mit einer Reihe von Tastuntersuchungen kann der Orthopäde einen Meniskusschaden leicht feststellen.Behandlung: Unbehandelt besteht das Risiko, dass das vergleichsweise harte Meniskusgewebe, das durch die Verletzung auf "Wanderschaft" gegangen ist, den weichen, gelenkschützenden Knorpel "ankratzt" und so den Knorpelabrieb (Arthrose) beschleunigt.Früher wurde bei Meniskusrissen der gesamte Meniskus entfernt. "Ein Fehler, wie man inzwischen weiß", sagt Professor Grifka. "Denn ohne Meniskus werden die Gelenkflächen übermäßig belastet und nutzen sich schneller ab - womit ebenfalls Arthrose entsteht."Heute bemühen sich Ärzte deshalb, möglichst große Teile des Meniskus zu erhalten. In einer Gelenkspiegelung (Arthroskopie) werden durch einen winzigen Hautschnitt Kamera und chirurgische Geräte zum Meniskus geführt. Wie behandelt wird, hängt von der Art der Verletzung ab: Liegt sie im gut durchbluteten Teil des Meniskus nahe der Gelenkkapsel, wird der Chirurg die abgerissenen Teile wieder annähen, denn dann sind die Aussichten groß, dass sich das Gewebe regeneriert. Dabei werden Nahtmaterialien verwendet, die sich nach der Heilung wieder auflösen. Eine Zweit-OP zur Fadenentfernung ist nicht mehr nötig.Ist der Meniskus im innersten, undurchbluteten Bereich verletzt oder schon so zerstört, dass er nicht mehr repariert werden kann, muss das verletzte Gewebe herausgenommen werden.Büßt der Patient mehr als ein Drittel seines Meniskus ein, ist die Funktion des "Gelenkstoßdämpfers" nicht mehr sichergestellt. Auch hier besteht erhöhte Arthrose-Gefahr.Seit einigen Jahren gibt es die Möglichkeit, fehlende Meniskus-Masse zu ersetzen. Als besonders erfolgreich haben sich Implantate aus dem Knorpelbaustoff Kollagen erwiesen. Sie werden an den Meniskusrest angenäht. Und dienen körpereigenen Zellen als Baugerüst, an das sie sich anheften, um neues Meniskusgewebe zu bilden. Nach und nach wird der Kunstmeniskus abgebaut und durch körpereigenes Gewebe ersetzt. Professor Grifkas Erfahrung: "In 90 Prozent der Fälle wird wieder genug gesundes Gewebe aufgebaut, so dass der Patient ohne Einschränkungen Sport treiben kann."KREUZBANDRISSPanne auf der Piste"Unten steht, oben dreht" - so laut vereinfacht gesagt der Mechanismus, bei dem das Kreuzband reißt. Typisch für den Skiunfall. Oder auch den Sturz auf dem Fußballplatz, bei dem der Spieler mit seinen Nockenschuhen am Boden hängen bleibt. Meist reißt das vordere Kreuzband.Alarmsignale: Ähnlich wie beim Meniskusriss treten starke Schwellungen und Schmerzen auf. Das Knie kann nicht mehr gebeugt oder gestreckt werden. Im Gelenk entsteht ein Erguss.Auch wenn die Beschwerden nach ein paar Wochen wieder verschwinden, bleibt eine merkwürdige Instabilität des Gelenks. Ob beim Treppensteigen oder Walken, plötzlich knickt das Knie seitlich weg, es ist, als ob man gar keine Kontrolle mehr darüber hätte. Tückisch ist die Mikroinstabilität: Auch wenn man selbst gar nichts davon merkt, können sich die Anteile von Ober- und Unterschenkel bei Alltagsbewegungen minimal gegeneinander verschieben. Dieses dauerhafte Gelenkschlottern macht die Knorpelschicht des Knies kaputt.Professor Grifka: "Helfen kann nur der Arzt, denn Kreuzbänder heilen nicht von allein." Bei 80 Prozent der unbehandelten Kreuzband-Patienten entstehen innerhalb von zehn Jahren zusätzlich Meniskusverletzungen, 70 Prozent haben nach 20 Jahren massive Knorpelschäden, die nicht selten ein künstliches Kniegelenk erforderlich machen.Behandlung: Auch hier gibt es inzwischen ausgezeichnete OP-Techniken, die die Stabilität des Knies wieder herstellen. Bei einer arthroskopischen Operation wird das gerissene Kreuzband durch körpereigenes Sehnenmaterial, zum Beispiel aus der Oberschenkelinnenseite oder der Kniescheibensehne (Patellarsehne), ersetzt. Kleine Löcher werden durch Schienbeinkopf und Oberschenkel gebohrt und die neue Sehne daran befestigt, exakt so, wie das natürliche Kreuzband verläuft. Zur Befestigung werden auch hier Materialien verwendet, die sich nach der Heilung von selbst auflösen. Nach ca. zwei bis vier Wochen ist das Knie wieder belastbar. Professor Grifka: "Bis das Gelenk voll sportfähig ist, dauert es allerdings drei bis sechs Monate." Physiotherapie unterstützt die Heilung und stellt das Knie stützende Muskelkorsett wieder her.BÄNDERRISSDer DrehschmerzVerdrehungen des Unterschenkels, ein seitlicher Schlag auf das durchgestreckte Knie oder ein Sturz zur Seite können die Seitenbänder, straff gespannte Gelenkstützen rechts und links der Kniescheibe, reißen lassen.Alarmsignale: Schwellung des Gelenks, Schmerzen und das Gefühl, keine Kontrolle über das Knie zu haben.Behandlung: Diese Verletzung muss nicht operiert werden. In den meisten Fällen reicht es aus, für sechs Wochen eine Bewegungsschiene (Orthese) zu tragen. Parallel sollte die Oberschenkelmuskulatur trainiert und gedehnt werden, sonst verkürzt sie leicht, was die Beweglichkeit beeinträchtigt.KNORPELSCHÄDEN durch UnfälleIm Gegensatz zur Arthrose, bei der die Knochen schützende Knorpelschicht auf breiter Fläche langsam aufgerieben wird, werden beim Knorpelschaden als Verletzungsfolge, z. B. bei Unfällen oder Stürzen, an einer Stelle Stücke der Knorpelschicht herausgesprengt.Alarmsignale: Anschwellen, Schmerzen bei Bewegung und in Ruhe, oft auch Knieblockaden, weil Knorpelstücke eingeklemmt werden.Behandlung: Sind die Knorpelschäden begrenzt, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, sie zu reparieren.Eine davon sind poröse synthetische Implantate. Bei einer Gelenkspiegelung wird die verletzte und zerfaserte Knorpelstelle ausgebohrt und das Implantat passgenau in das Loch hineingepresst. Der Zylinder saugt sich mit Blut und Knochenflüssigkeit voll. Darin enthalten sind Stammzellen, undifferenzierte Zellen, die sich schnell spezialisieren und in den folgenden Monaten eine neue, glatte und hoch belastbare Knorpelfläche bilden.Eine andere Möglichkeit, verletzte Knie zu heilen, ist die Knorpelzelltransplantation. Dabei werden kleine Knorpelteilchen aus einem gesunden Teil des Knies entnommen. Dann werden im Labor daraus Knorpelzellen isoliert, vermehrt, auf ein Trägermaterial - eine Art Vlies - aufgebracht und auf dem Defekt befestigt, wo sie einwachsen sollen.Ein drittes Verfahren ist die Mikrofrakturierung. Dabei wird der Knorpeldefekt vorsichtig angebohrt und anschließend mit einer Kollagen-Membran bedeckt. In diese Membran dringen Stammzellen ein und bilden sich in einigen Monaten zu Knorpelzellen um. Noch schneller geht die Heilung, wenn der Defekt mit einem Hydrogel ausgegossen wird, das die Funktion der Membran übernimmt. Das Gel wird anschließend unter UV-Licht gehärtet. So wird sofort eine glatte Knorpeloberfläche erzielt.Alle diese Verfahren zur Knorpelwiederherstellung können nach Absprache von den Krankenkassen übernommen werden.JUNGE KNIE in GefahrEine Reihe von Kniebeschwerden sind typisch für Kinder und Jugendliche. Hier die häufigsten:X- und O-Beine: Abweichungen von der geraden Beinachse tun nicht weh und werden deshalb oft kaum bemerkt. Bei Kleinkindern sind sie ein ganz normaler Teil ihrer Entwicklung. In den ersten zwei Lebensjahren haben die meisten Kinder O-Beine, später prägt sich eine X-Bein-Stellung aus, die bis zum siebten Lebensjahr anhalten kann. Haben sich die Beinachsen jedoch bis zur Pubertät nicht ausgerichtet, kann durch die ungleichmäßige Belastung der Knie der Gelenkknorpel zerstört werden.Machen Sie den Test: Passen in den Spalt zwischen den geschlossenen Knien und zwischen den Knöcheln mehr als zwei Finger, gehört das Kind in Behandlung.Intensive Gymnastik kann die Schiefstellung oft noch beheben. Im Erwachsenenalter ist dazu eine Umstellungsosteotonomie nötig. Das ist eine Operation, bei der die Oberschenkelknochen durchtrennt, Keile herausgesägt und die Knochen in der richtigen Position wieder zusammengefügt werden.Morbus Osgood-Schlatter: eine Reizung der Wachstumszone des Schienbeins, die durch eine Überlastung ausgelöst wird(z. B. Sport auf harten Böden). Die Behandlung: Sportpause.Durchblutungsstörung im Kniegelenk (Oseochondrosis dissecans): Weil der Knochen nicht mehr ausreichend durchblutet wird, stirbt der schützende Knorpel ab. Diese Erkrankung ist ebenfalls typisch für körperlich aktive Jugendliche. Auch hier ist eine längere Sportpause angesagt.------------------------------BU: Der Patient kann selbst mithelfen, nach einer Knieverletzung schnell wieder fit zu werden, sagt Professor Grifka.
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