Demo „Gegen das Vergessen“
Robert Kujat tritt auf seinen Balkon im 14. Stock. Sonnenschein kitzelt seine Haut, er sieht den Fernsehturm, das Häusermeer der quirligen Stadt liegt ihm zu Füßen. Berlin, und damit die Welt, könnte dem 38-Jährigen offenstehen. Wäre da nicht diese Krankheit, der Teufel, der sein Leben blockiert. Kujat ist eines von 1.500 Opfern, das über Blutkonserven mit HIV infiziert wurde. Am Samstag kämpft er mit der Demonstration „Gegen das Vergessen“ der Blutskandal-Kampagne, zieht mit Dutzenden Leidensgenossen und deren Angehörigen von Potsdamer Platz zum Brandenburger Tor – sie fordern höhere Entschädigungen.
Jede Verletzung kann tödlich sein
Die Wohnung von Robert Kujat ist karg eingerichtet. Regale voller Videofilme, ein Fernseher, zwei schwarze Ledersessel in der Mitte des Wohnzimmers. Kein unnötiger Schnickschnack über den der gebürtige Heidelberger stolpern könnte. Selbst in dieser scheinbar gefahrenfreien Zone bewegt er sich bedächtig. Das steckt so in ihm drin. Jede Verletzung kann tödlich sein.
Blutkonserven mit HIV- und Hepatitis C-Viren verunreinigt
„Ich war zweieinhalb Jahre alt, als Ärzte feststellten, dass ich Bluter bin“, erzählt Kujat. Er war mit dem Dreirad gestürzt, wäre fast verblutet. Hämophilie, eine vererbbare Störung der Blutgerinnung, ist damals kaum behandelbar. Als ein aus menschlichem Blutplasma hergestelltes Faktorenkonzentrat (Faktor VIII oder auch Faktor IX) auf den Markt kommt, schöpfen viele Hoffnung. Auch Kujats Eltern. Was sie nicht ahnen können: Die Blutkonserven sind mit HIV- und Hepatitis C-Viren verunreinigt.
„Ich habe mich infiziert, als ich fünf Jahre alt war“, sagt Robert Kujat. Als Jugendlicher wird es ihm bewusst. „Ich hatte plötzlich Abschürfungen, die sehr schlecht verheilten und sich violett verfärbten. Als ich 18 war, habe ich es akzeptiert. Seitdem habe ich auch das Vollbild Aids.“
Nüchterne Worte über ein verpfuschtes Leben. Noch immer quält den Berliner die Wut auf die Beteiligten, er wirft Pharmaindustrie, DRK und Ärzten Profitgier vor. 49.000 Euro Entschädigung bekam er damals, seit 1995 jeweils 1.533,88 Euro monatlich. Kujat will nicht verhehlen, momentan gut über die Runden zu kommen. Mehr aber nicht. „Für größere oder ungeplante Anschaffungen muss ich auf meine Ersparnisse zurückgreifen“. Drei Forderungen haben er und seine Mitstreiter nun:
Lebenslange Zahlungen: Für diese gibt es zwar die Zusage der Politik, unter Dach und Fach sind sie noch nicht.
Einen Inflationsausgleich ab 2019. Auch hierfür gibt es Zusagen.
Eine Inflations-Ausgleichszahlung für die Jahre 1995 bis 2019. Das wären wären rund 420 Euro mehr pro Monat.
Die Opfer des Blutskandals sind auf Hilfszahlungen angewiesen. Für Robert Kujat und die meisten ist ein eigener Job nicht drin. Zwar zog er sein Abitur durch, das angefangene Luft- und Raumfahrttechnik schmiss er schnell. „Ich hatte ja eine sehr schlechte Lebensperspektive.“ Einen Beruf hat er nicht.
"Ich kenne es nicht anders"
Das wäre zeitlich gar nicht möglich, permanent muss Kujat bei Ärzten vorstellig werden. Zwar hat er die Hepatitis C dank zahlreicher Tabletten besiegt, die Folge war jedoch eine Leberzirrhose. Dadurch wiederum bildeten sich Krampfadern in der Speiseröhre, die regelmäßig kontrolliert werden müssen. Fangen sie an zu bluten, bestehen kaum Chancen auf Rettung. „Angst habe ich nicht. Ich kenne es nicht anders.“
Ein Mängelexemplar
Heute lebt Robert Kujat in den Tag hinein. Den Traum gesund zu sein oder eine Familie zu gründen, hat er aufgegeben. Eine Freundin hat er nie gehabt. „Ich bin sozial relativ eingeschränkt, bin ein Einzelgänger.“ Früher wurde er wegen seiner Krankheit oft ausgegrenzt, das prägte. „Meine kleine Welt halte ich mir zusammen. Und seien wir doch ehrlich, ich bin ein Mängelexemplar.“ Er stützt sich aufs Balkongeländer, blickt über das Häusermeer: „Wer will denn einen Mann ohne Perspektive?“
Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com