Fast jede Nacht gibt es gezielte Angriffe – auf Autos, Häuser, Polizisten. In einer Online-Drohung ist offen von Einschüchterung die Rede. Es wirkt: Im Kiez geht Angst um.
Die Front im Kampf gegen die vermeintlichen Bonzen verläuft an der Liebigstraße. Mitten im alten Besetzer-Revier entstehen prachtvolle, weiße Neubauten.
Erste Eigentümer und Mieter sind eingezogen. Zum Empfang treiben die Chaoten die Polizei-Statistik „linksextreme Straftaten“ in die Höhe.
In der Nacht legten sie ein Feuer an der Kreuzung Liebigstraße und Rigaer Straße. Als die Polizei um Mitternacht eintraf, demolierten sie die „Wanne“ mit Steinen.
Fünf schwere Attacken in nur 14 Tagen: Das ist die Bilanz der Chaoten-Aktion „Lange Woche der Rigaer Straße“ und der kurzen Zeit danach.
Bereits im April flogen Stahlkugeln in ein Kinderzimmerfenster. Und die Frequenz der Anschläge nimmt zu.
Überall im Kiez sieht man Hass-Graffiti und Überreste geplatzter Farb-Beutel an den Häuserwänden.
Ein Autonomer sagte der „taz“ jetzt klipp und klar: „Die Aktionen verhindern, dass der Kiez für gewisse Leute zu attraktiv wird. Man schafft sich einen unkontrollierbaren Ort, der Raum bietet für den eigenen Lebensstil“.
Solche Aussagen sind kein Einzelfall, denn auf der linken Szene-Website Indymedia heißt es: „Wenn die Eigentümer das Wort Liebigstraße in den Mund nehmen, soll ein angstvoller Unterton mitschwingen.“
Anwohnerin Jeannette (39) ist eine der Eigentümerinnen, an die sich die Drohung richtet. Die Kita-Beraterin gehört zur der Baugruppe, die hier 140 Eigentumswohnungen errichtete.
Sie sagt: „Die Angreifer haben sich das falsche Feindbild ausgesucht. Sie lassen sich von der Neubau-Fassade täuschen.“ Denn Baugruppen sind Projekte von Bürgern, denen die Berliner Mieten oft selbst zu teuer sind. Also bauen sie in Eigenregie – günstig, ohne Investor.
All das erklärte Jeannette den Baugegnern auch selbst: „Aber es kommt kein vernünftiges Gespräch zustande.“
Für die Linken um das letzte besetzte Haus in der Rigaer Straße steht fest: Die Neubauten auf Brachflächen stehlen städtischen Freiraum. Sie werten den Kiez zum Luxus-Viertel auf – und treiben deshalb letztlich für alle Anwohner die Mieten hoch.
Darüber könnte man reden, auch über eine verfehlte Mietenpolitik des Senats. Aber die Chaoten pöbeln lieber nachts betrunken am Zaun.
Es ist bemerkenswert, wie viel Verständnis die Angegriffenen noch aufbringen. Neubau-Mieter Mateus (30): „Hausbesetzer gehören zu Berlin. Sie können machen, was sie wollen. Aber solche Angriffe – das geht nicht!“
Auch Will (24) sieht die Situation mit gemischten Gefühlen: „Ich verstehe die politischen Ziele der Linken. Aber es ist schade, dass wir hier so eine hohe Polizeipräsenz brauchen und die Augen offen halten müssen.“
Es spricht wenig dafür, dass die Aktionen der Chaoten bald abklingen. Im Gegenteil: Sie erreichen eine neue Qualität, wenn Polizei und Retter angegriffen werden, die brennende Autos löschen.
Das ist eine Falle, wie sie Attentäter im arabischen Raum stellen: Die zweite Bombe geht erst hoch, wenn der Rettungsdienst am Anschlagsort eintrifft.
Der Samariter-Kiez hofft auf Frieden, obwohl weitere Eigentumswohnungen entstehen – so an der Pettenkoferstraße.
Alt-Anwohnerin Manja Plehn (43): „Wir akzeptieren die Hausbesetzer seit 20 Jahren. Jetzt ist es an ihnen, Toleranz zu zeigen.“
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