Sie war einer der Treffpunkte schlechthin in Ost-Berlin – und wurde auch zum Erfolgsmodell für die gesamte DDR: die Mokka-Milch-Eisbar in der Karl-Marx-Allee. Eisbecher, Milchshakes, Kännchen Kaffee: Der Laden, der erst vor wenigen Wochen ein Comeback erlebte, wurde damals zum populären Jugendtreff und blieb nicht die einzige Milch- und Eisbar. Das Ministerium für Handel und Versorgung forcierte die Eröffnung von Milchbars überall im Osten. Aber warum? Wir lüften das Geheimnis: Mit einem breiten Netz aus Milch- und Eisbars im Osten wollte das Ministerium die DDR-Bürger vom Saufen abhalten!
Mokka-Milch-Eisbar seit Wochen wieder geöffnet
Für viele war die Mokka-Milch-Eisbar in der Berliner Karl-Marx-Allee ein beliebter Treffpunkt. Bei Verkaufsschlagern wie Eiskaffee und Milchshakes genossen die Bürger in Ost-Berlin zu DDR-Zeiten nicht nur den Sommer! Für viel Freude sorgte es deshalb schon vor Wochen, dass das Lokal sein Comeback feierte.
Mit neuem Konzept, neuen Inhabern und natürlich einem anderen Speisen- und Getränkeangebot ist die Mokka-Milch-Eisbar unter dem Namen „Mokka Milch“ wieder da. Heute ist der Laden einfach nur ein Café – doch zu DDR-Zeiten verfolgte das Ministerium für Handel und Versorgung mit der Eröffnung solcher Milch- und Eisbars ein Ziel.
Die Mokka-Milch-Eisbar in Berlin sollte nämlich nicht die einzige bleiben: In einem Leitfaden des DDR-Ministeriums, der schon im Jahr 1962 herausgegeben wurde, wird deutlich, dass man von einem breiten Netz solcher Milch- und Eisbars träumte.
„Die bisher eingerichteten Milch- und Eisbars erfreuen sich unter der Bevölkerung immer größerer Beliebtheit“, heißt es im Vorwort dieses Buches, das Gastronomen beim Betrieb eines solchen Ladens unterstützen sollte. Man wollte deshalb Milch- und Eisbars neu einrichten und sogar Kleinstmilchbars in bereits bestehenden gastronomischen Einrichtungen eröffnen.
Die Mokka-Milch-Eisbar in der Karl-Marx-Allee in Berlin feierte erst in diesem Jahr ihr Comeback. Hier kann man nun wieder Kaffee trinken.
© Sabine Brose/imago
Wer aber glaubt, dass man einfach nur die DDR-Bevölkerung mit Milchshakes versorgen wollte, der hat sich geirrt. Denn zur Bedeutung der Lokale schreibt das Ministerium für Handel und Versorgung der DDR: „Durch die Einrichtung von Milch- und Eisbars wird die Beseitigung der aus dem Kapitalismus übernommenen Überkonzentration von Bier- und Schankstuben in den Städten unterstützt.“
Das bedeutet: Für die DDR-Regierung gab es in den Städten des Ostens zu viele Kneipen. Diese Entwicklung wollte man bremsen.
DDR wollte Alkoholverbrauch etwas einschränken
Weiter heißt es, man müsse „dem Verbrauch von hochprozentigen alkoholischen Getränken“ entgegenwirken – das Ministerium wollte also die DDR-Bürger vom Saufen abhalten. Zugleich sollten sie öfter zu Milchprodukten greifen. Denn der Milch komme „große volksgesundheitliche Bedeutung“ zu. Der Genuss von Milch war laut Regierung von „größter Wichtigkeit für die Gesunderhaltung unserer Werktätigen“. Milch habe in den Gaststätten der DDR bisher aber eine untergeordnete Rolle gespielt.
Die volle Terrasse der Mokka-Milch-Eisbar in der Karl-Marx-Allee zu DDR-Zeiten. Das Lokal war ein beliebter Treffpunkt vor allem bei jungen Leuten.
© H. Blunck/imago
Im Gegensatz zum Alkohol: Der wurde in der DDR nur zu gern genossen – und auch nicht gerade wenig. Alkoholmissbrauch war in der DDR ein weitverbreitetes gesellschaftliches Problem, obwohl die Staatsführung dies lange herunterspielte. Offiziell galt übermäßiger Alkoholkonsum als „dem Sozialismus wesensfremd“, doch die Realität sah anders aus. Der Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol stieg von 3,9 Litern im Jahr 1955 auf 10,9 Liter im Jahr 1989. Gleichzeitig nahm der Konsum von Spirituosen stark zu.
In der DDR wurde viel und oft Alkohol getrunken
Alkohol gehörte zum Alltag vieler DDR-Bürger. Bei Betriebsfeiern, Familienfesten oder in Gaststätten wurde häufig und oft in großen Mengen getrunken. Historiker weisen darauf hin, dass die DDR in den 1980er-Jahren beim Konsum harter Alkoholika im internationalen Vergleich zu den Spitzenreitern zählte. Die Folgen waren gravierend: Gesundheitliche Schäden, Arbeitsausfälle und soziale Probleme nahmen zu. Interne Berichte und Schätzungen gingen Ende der 1980er-Jahre von etwa 200.000 bis 250.000 Alkoholkranken in der DDR aus.
Zu DDR-Zeiten guckte man gern mal etwas tiefer ins Glas. Hier: Eine Mitarbeiterin in einem Spirituosenlager in Sangerhausen.
© Kai Bienert/imago
Dennoch blieb das Thema lange tabuisiert und wurde erst ab den 1970er-Jahren stärker als gesundheitliches und gesellschaftliches Problem anerkannt. Vorher versuchte man es offenbar auf anderen Wegen: Mit den Milch- und Eisbars wollte man den DDR-Bürgern eine Alternative bieten. Und sie damit ein Stück wegbringen vom harten Alkohol, hin zu Milchshakes, Eiskaffee und den damals sehr beliebten „Flips“.
Alkohol gab es in den DDR-Milchbars für Familienväter
Absurd aber: Das Büchlein, das den Betrieb der Milch- und Eisbars in der DDR regeln sollte, führte natürlich auch allerlei Rezepte mit Alkohol auf. Ganz ohne Fusel wollte man die Menschen im Osten also auch nicht durch den Alltag gehen lassen. Der Grund dafür findet sich im Kapitel „Alkoholische Getränke“. Hier heißt es, Alkohol mache den kleinsten Anteil des Angebots der Milch- und Eisbars aus. Man wollte aber „auch den Familienvätern, welche mit ihren Frauen und Kindern die Milchbar aufsuchen“, ihre Wünsche erfüllen.
Neben Cocktails mit Eis und Schnaps gab es in den Milch- und Eisbars deshalb unter anderem Milchmischgetränke wie die Eierlikör-Milch und den Mokka-Sahnelikör-Shake.
In der kalten Jahreszeit standen auch Rotweinpunsch, Schlummerpunsch und Eierglühwein auf dem Programm. Und natürlich schüttete man auch mal ein Likörchen in den Kaffee. Im „Kaffee Mazagran“ war etwa ein Gläschen Jamaika-Rum, in den „Kaffee Punsch“ kam Dessertwein und den „Kaffee Française“ motzte man mit einem ordentlichen Schuss Weinbrand auf. Na dann: Prost!
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