Gefürchtet und gefeiert

Honeckers Lieblingsliterat Hermann Kant ist tot

An Kant schieden sich die Geister.

Stefan Henseke
Lesezeit 2 Min
Kant wurde am 14. Juni 1926 in Hamburg geboren. Anfang des Jahres war der betagte Autor aus seinem Haus im mecklenburgischen Prälank ins betreute Wohnen nach Neustrelitz gezogen.

Kant wurde am 14. Juni 1926 in Hamburg geboren. Anfang des Jahres war der betagte Autor aus seinem Haus im mecklenburgischen Prälank ins betreute Wohnen nach Neustrelitz gezogen.

© Imago

Klasse 11, Deutsch, in der Abendschule in Schöneweide. Ein Buch lag vor mir, dass mir unbezwingbar wie die Eiger-Nordwand schien. Über 450 Seiten. „Die Aula“ von Hermann Kant. Wieder so ein Stück DDR-Jubelliteratur. Dachte ich mir. Was man so denkt, wenn man keine Lust hat, von den Büchern, die einem wirklich was bedeuten, abgelenkt zu werden. Ich quälte mich rein und dachte widerwillig: Nicht schlecht! Der Mann hat Humor, die Geschichte, leichterhand geschrieben, ist wirklich gut. Die Story von Robert Iswall, der eine Abschiedsrede an einer Schule halten soll, in Erinnerungen kramt und entdeckt, dass nicht immer alles so rosarot war, wie es verkauft wurde.

An Hermann Kant schieden sich immer die Geister. Der 2013 gestorbene Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki meinte knapp: „Vielleicht ist er ein Halunke, aber schreiben kann er.“ „Die Aula“ zählte wegen seines Sprachwitzes selbst im Westen zur Schulliteratur, Romane wie „Das Impressum“ und „Der Aufenthalt“ erreichten in der DDR Millionenauflagen.

Hermann Kant war aber auch Volkskammer-Abgeordneter und Mitglied des ZK des SED, Erich Honecker zeigte sich gern mit ihm. Zwölf Jahre war Kant Präsident des Schriftstellerverbandes und sorgte im Zuge der Biermann-Affäre für den Rauswurf von Stefan Heym und weiteren Autoren aus dem Schriftstellerverband. 13 Jahre lang soll er als „IM Martin“ für die Stasi gespitzelt haben, Kant bestritt dies bis zuletzt.

Er selbst aber leugnete nicht, einem Regime als „Vorzeigepoet“ gedient zu haben. „Das hat mich nicht gestört. Ich fand dieses Regime in Ordnung, mit all seinen Lücken und Fehlern.“

Jetzt ist Hermann Kant zwei Monate nach seinem 90. Geburtstag in einem Krankenhaus in Neustrelitz gestorben.

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