„Es gibt Schlimmeres, als nicht zu spielen oder nicht zu treffen“, sagte Ibisevic in einer Reportage über seine Geschichte dem amerikanischen Journalisten Wright Thompson. Viel Schlimmeres!
Vedad war sieben Jahre alt, als serbische Soldaten seinen Großvater bestialisch ermordeten, als sie das Heimatdorf seiner Mutter, Pijuke, niederbrannten. Als sie das Dorf seines Vaters zerstörten, wo er sich zu Hause fühlte. Als sie bosnische Bewohner mit Namen riefen, ihnen versprachen, ihnen werde nichts geschehen und sie dann einfach erschossen. Das war im Mai 1992. Einen Monat zuvor war der grausame Bürgerkrieg auf dem Balkan, mitten in Europa, ausgebrochen. Die Zahl der Opfer zwischen 1992 und 1995 wird auf 100.000 geschätzt.
Vedad war damals noch ein Kind. Aber statt zu spielen und unbeschwert aufzuwachsen, musste er fliehen. Mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester versteckte er sich hinter Bäumen, kauerte stundenlang in einer Höhle. Seiner Schwester hielt er dabei den Mund zu, damit die Kleine die Familie nicht durch einen unachtsamen Laut verriet. Die Angst, entdeckt zu werden, erschossen zu werden, in einem Massengrab zu enden, das waren die Gedanken in seiner Kindheit. Bilder von Furcht, Panik und Tod spuken noch heute in seinem Kopf herum.
Solche Gräuel kann man nicht vergessen. Das ist der Grund, warum Ibisevic stets ruhig und besonnen ist, wenn er spricht. Seine Augen haben viel gesehen. Natürlich sind Tore sein Job, aber eben nicht alles im Leben. Wer so unvorstellbare Dinge erlebt hat, definiert Erfolge anders.
„All das hat mir geholfen, zu realisieren, dass man glücklich sein muss im Leben“, sagt Ibisevic heute. Sprechen über die Details kann und will er nicht. „Ich habe immer noch das Gefühl, nur einen Bruchteil von ihm zu kennen“, sagt seine Frau Zerina. Jeden Tag verarbeitet Vedad die Erinnerungen. Dazu den Gegensatz von Armut und Flucht als Kind und Reichtum und Fußball-Business heute. Bilder vom Krieg, von Toten quälen den Familienvater immer wieder.
Aus seiner Geburtsstadt Vlasenica flohen sie nach Tuzla. Dort begann Vedad zu trainieren. „Die Bälle, mit denen wir kickten, waren nicht mal rund“, sagte er dem Spiegel. Über den Umweg Schweiz, wo die Familie Ibisevic keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis bekam, zogen sie in die USA. „Dort haben wir unser Glück gefunden“, erzählt Vedad. Bis 2004 spielte er für die St. Louis Strikers und Chicago Fire, dann ging es über Frankreich nach Deutschland.
Jetzt ist er in Berlin, trifft für die Blau-Weißen. Ballerte sich mit seinem Doppelpack in die Herzen der Fans. Vedad ist der neue Star. Auf dem Platz kämpft und arbeitet er mit unbändigem Einsatz, so wie er es immer getan hat, wie er es immer tun musste.
Drei- bis viermal im Jahr ist er in Bosnien, wenn der Terminkalender es zulässt. Er versucht so gut es eben geht, die Vergangenheit aufzuarbeiten. Dafür hat er ein neues Haus für seinen Vater im zerstörten Gerovi gebaut, dort wo auch er sich zu Hause fühlt.
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