Ein Knopfdruck und schon schweben die himmlischen Heerscharen an einem Mobile über der Geburtskrippe Jesu. Hirten in einer felsigen Landschaft weisen mit dem Arm auf den erscheinenden Stern von Bethlehem, andere schütteln angesichts des Wunders voller Erstaunen den Kopf. Selbst ein Schaf hebt den Kopf. Wie liebevoll winzigste Details dieser zentralen Szene der Weihnachtsgeschichte gestaltet sind! Und dies ist nur eine von 20 Figurengruppen, die das Leben Jesu nachstellen – von Verkündigung bis Wiederauferstehung. Sie sind versammelt im wundervollen Weihnachtsberg, der zu den Glanzstücken des Museums Europäischer Kulturen in Dahlem zählt.
Blick hinter die Abdeckung auf die komplizierte Mechanik, die die Figuren in Bewegung setzt.
© Paulus Ponizak
Etwa 300 Figuren, davon etwa 140 bewegliche, die meisten geschnitzt, andere aus Masse hergestellt, beleben die sich über 20 Meter erstreckende Landschaft rund um das biblische Jerusalem. Die größte Einzelszene zeigt das Volksgewimmel in der Heiligen Stadt in drei Pyramiden, deren Ringe sich gegenläufig auf mehreren Etagen drehen, sodass die Figuren einander entgegenkommen. Selbst die grausamste Geschichte der Bibel bleibt nicht ausgeschlossen, fesselt und erschreckt sie doch besonders: der von König Herodes angeordnete Kindermord zu Bethlehem. Römische Soldaten halten Knaben in der einen Hand, die Mechanik lässt die andere, schwertbewehrte in die Höhe fahren und hinuntersausen.
Kunstwerk mit faszinierender Entstehungsgeschichte
So erstaunlich dieses Kunstwerk ist, seine Schnitz- und Drechselarbeiten, die raffinierte Mechanik, so faszinierend ist die Geschichte seiner Entstehung, sein Fast-Verschwinden im Vergessen, die Rettung und schließlich die glückliche Ankunft am sicheren Standort in Berlin.
Das Abendmahl, eine Ergänzung von Karl-Heinz Fischer.
© Paulus Ponizak
Max Emil Vogel (1867–1943), Malermeister in Neuwürschnitz im Westerzgebirge, begann die Arbeit an seinem Weihnachtsberg um 1885. Er war ein gläubiger Mann mit Freude an bildlicher Darstellung, mechanischer Tüftelei und Liebe zum Detail. In vielen Haushalten der Region lebte die Tradition, zum einen Miniaturbergwerke als Vorführmodelle mit Leitern und Steigern nachzubauen, zum anderen in der Weihnachtszeit Krippen aufzustellen. Beides verschmolz in den Weihnachtsbergen.
In einem Raum neben der Küche des Vogel’schen Hauses wuchs Jahr um Jahr sein Werk im beliebten orientalischen Stil. Am Anfang entstand die Heilige Familie, Anregung bekam er aus einer Bilderbibel.
1940 stellte die Familie Vogel ihren Berg zum letzten Mal in Neuwürschnitz auf. Nach dem Krieg war anderes wichtiger. Der Zauber verschwand auf dem Dachboden. Der Weihnachtsberg geriet in Vergessenheit. 20 Jahre nach dem Tod des Großvaters suchten die Enkel nach Kaufinteressenten, doch fand sich niemand. Deshalb versuchten sie es 1986 mit einer Annonce in der DDR-Zeitung „Wochenpost“.
Die Rekonstruktion sollte Jahre dauern
Jetzt kommt Karl-Heinz Fischer ins Spiel: Der Orchestermusiker aus Ost-Berlin reiste in jenem Jahr auf der Suche nach einer Geige ins Erzgebirge und entdeckte die „Wochenpost“-Anzeige „Mechanischer Weihnachtsberg zu verkaufen“. Er fuhr nach Neuwürschnitz, fand in den Kisten Figuren, Tempel, Pyramiden und mechanische Bauteile – aber keine Dokumentation und niemanden, der die Pracht aufgebaut gesehen hatte. Er kaufte, doch zweifelte, ob ihm ein Wiederaufbau gelingen könnte. 1996 sagte Fischer rückblickend: „Ich weiß bis heute nicht genau, warum ich nach einem halben Jahr den auch für DDR-Verhältnisse nicht unerheblichen Kaufpreis von 30.000 Mark bezahlte und die Fragmente 1987 kaufte.“ Er überließ Familie Vogel außerdem seine zuteilungsreife Trabi-Anmeldung. Er brauchte sie nicht mehr, denn er hatte 1985 einen Ausreiseantrag gestellt. Die Kisten zogen im Juni 1989 mit der Familie um.
Die Taufe Jesu im Flusse Jordan.
© Paulus Ponizak
Im westfälischen Härten begann die Rekonstruktion. Sie sollte Jahre dauern, Frau, Sohn und Tochter beschäftigen und etwa 11.000 Hobbyarbeitsstunden kosten. Sie sichteten, katalogisierten, restaurierten, ergänzten, grübelten, stellten neu zusammen, ergänzten und empfanden die Mechanik mit modernen Elementen nach. 1990 begann der Neuaufbau. Für die erste öffentliche Ausstellung, 1992 im Rathaus Marl, entstand der erste Komplettaufbau. Er gefiel so sehr, dass weitere Ausstellungen folgten. Doch der Auf- und Abbau tat dem Werk nicht gut. Eine dauerhafte Lösung musste her. 1997 kam Fischer in Kontakt mit dem heutigen Museum Europäischer Kulturen in Berlin. 1999 gelang dank des Vermächtnisses einer Ärztin der Ankauf. Karl-Heinz Fischer erhielt eine kleine Kompensation für seinen Riesenaufwand.
Heute steht der Vogel’sche Weihnachtsberg im Dahlemer Museum als Teil der Ausstellung „Kulturkontakte. Leben in Europa“. Ein hinreißendes Stück Tradition.
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