"Gazza" wird 50

Der tiefe Fall des englischen Nationalhelden

Nach seiner Fußball-Karriere machte Paul Gascoigne mit Skandalen Schlagzeilen.

BK
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Paul Gascoigne 

Paul Gascoigne 

© imago/Colorsport

Trotz dieses Rückschlags denkt Gascoigne, der am 27. Mai seinen 50. Geburtstag feiert, gern an die vier Jahre in London zurück. „Die Zeit, die ich bei den Spurs hatte, war phänomenal“, erklärte er kürzlich in einem Interview auf der Website von Tottenham Hotspur. „Das Ding ist, ich würde mir manchmal wünschen, dass ich sie hasse, dann würde ich sie nicht so sehr vermissen. Ich habe jede Minute genossen.“

Bei den Feierlichkeiten zum Abschied vom alten Spurs-Stadion wurde Gascoigne Mitte Mai allerdings selbst vermisst. Er soll der Feier aus Selbstschutz ferngeblieben sein, wollte sich nach eigenen Aussagen lieber auf seine Gesundheit konzentrieren. Seit vielen Jahren kämpft der 57-malige englische Nationalspieler mit Depressionen, Alkohol- und Drogenproblemen. Bei einem Auftritt in der Fernsehsendung „Good Morning Britain“ gab er sich vor kurzem aber zuversichtlich: Er werde den Kampf gewinnen.

Paul Gascoigne sorgt durch zahlreiche Eskapaden immer wieder für Aufsehen.

Paul Gascoigne sorgt durch zahlreiche Eskapaden immer wieder für Aufsehen.

© imago sportfotodienst

Im Gespräch hatte Gascoigne zuvor unter Tränen vom „wahrscheinlich schlimmsten Jahr meines Lebens“ berichtet. Sein 22 Jahre alter Neffe hatte sich 2016 das Leben genommen. Gascoigne erlitt einen Rückfall. „Die Drinks haben mich eingeholt“, gestand er. Schließlich entschied er sich für einen kalten Entzug. „Ich bin am Boden, aber nicht erledigt“, stellte das frühere Mittelfeld-Ass klar. „Es ist in Ordnung, trocken zu sein. Ich möchte glücklich und trocken sein. Ich will die Freude zurückhaben.“

Durchbruch bei Newcastle United

Auf dem Fußballfeld sorgte Gascoigne früher jahrelang für Freude. Seinen Durchbruch erlebte er im Alter von 17 Jahren. Als Kapitän des Jugendteams von Newcastle United schaffte er den Sprung in die erste Mannschaft der „Magpies“ und bewies bald Nehmerqualitäten. Legendär die Szene in einem Spiel von 1987 gegen den FC Wimbledon, als Wimbledons Vinnie Jones seinen Gegenspieler Gascoigne mit einem beherzten Griff unter die Gürtellinie aufschreien lässt. Der Gefoulte schickt Jones danach eine rote Rose, die beiden werden gute Freunde.

Auch mit der englischen Nationalmannschaft erlebte Gascoigne schöne Zeiten, wenn auch ohne Titel. Bei der Fußball-WM 1990 erreichte er mit England das Halbfinale, scheiterte aber am späteren Weltmeister Deutschland. Bei der Europameisterschaft 1996 im eigenen Land machte er gegen Schottland ein Traumtor. Doch wieder war im Halbfinale gegen den späteren Turniersieger Deutschland Schluss, weil Gareth Southgate im Elfmeterschießen verschoss und Andreas Möller traf.

Andreas Brehme (M, hinten) und Klaus Augenthaler (r) versuchen den englischen Mittelfeldspieler Paul Gascoigne (l) beim WM-Halbfinale in Turin 1990 zu stoppen.

Andreas Brehme (M, hinten) und Klaus Augenthaler (r) versuchen den englischen Mittelfeldspieler Paul Gascoigne (l) beim WM-Halbfinale in Turin 1990 zu stoppen.

© dpa

Nach seiner Zeit bei Tottenham Hotspur spielte Gascoigne für Lazio Rom, wo er vor allem durch Handgreiflichkeiten gegen Reporter auffiel, später für die Glasgow Rangers und mehrere englische Clubs. Eine Station beim chinesischen Club Gansu Tianma endete, weil der Ligabetrieb vorübergehend eingestellt wurde. Auf der anschließenden Station beim US-amerikanischen Viertligisten Boston United hatte Gascoigne schon mit schweren gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

Seine angestrebte Trainer-Karriere nahm auch aufgrund des Alkohols nie richtig Fahrt auf. Mit zahlreichen Ausfällen, Entzugsversuchen und Krankenhaus-Aufenthalten blieb Gascoigne aber in den Schlagzeilen. Jetzt setzt er sich dafür ein, dass anderen Fußballern ein ähnliches Schicksal erspart bleibt und das Thema enttabuisiert wird.

„Es gibt viele Leute, die alles haben, aber innerlich nichts“, mahnte er im Fernsehen. „Wir müssen mehr tun - vor allem für die Typen. Das ist ein Machoding. Die denken: „Nee, ich mach nichts, weil mich dann keiner mehr mag.““ Das Problem hat Gascoigne glücklicherweise nicht. Nach seinem TV-Auftritt posteten viele Fans in den sozialen Medien ihre Sympathiebekundungen. Auch nach unzähligen Skandalen ist Paul Gascoigne in England immer noch ein Nationalheld.

(Philip Dethlefs, dpa)

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