Gartenzwergfreund

Der Laubenpieper, der nie Laubenpieper sein wollte

Wie der Berliner Psychologe und Paartherapeut Wolfgang Krüger den Sinn seines Lebens fand.

Rolf Kremming
Lesezeit 5 Min
Allzeit bereit für Gartenarbeit. Wolfgang Krüger, mit einem Rechen bewaffnet, hat sich bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen können, einmal Laubenpieper zu sein.

Allzeit bereit für Gartenarbeit. Wolfgang Krüger, mit einem Rechen bewaffnet, hat sich bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen können, einmal Laubenpieper zu sein.

© Kremming Lizenz

Früher konnte Wolfgang Krüger – hier beim Blödeln mit Laubenpiepernachbar Rainer – Gartenzwergen rein gar nichts abgewinnen ...

Früher konnte Wolfgang Krüger – hier beim Blödeln mit Laubenpiepernachbar Rainer – Gartenzwergen rein gar nichts abgewinnen ...

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... aber das änderte sich, nachdem er Bärbel kennengelernt hatte. Mit ihr verbringt er so viel Gartenzeit wie nur möglich.

... aber das änderte sich, nachdem er Bärbel kennengelernt hatte. Mit ihr verbringt er so viel Gartenzeit wie nur möglich.

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Er erinnert ein bisschen an Peter Lustig aus der Sendung „Pusteblume“. Nur jünger und nicht so griesgrämig. Aber die blaue Latzhose ist beider Markenzeichen. Wolfgang Krüger (67) steht lachend im Garten, den Rechen an seiner Schulter. Es riecht nach feuchter Erde. Bienen summen. Aus der Laube duftet es nach frisch gebackenem Kuchen. Der Nachbar schickt ein Hallo! über den Zaun.

Glauben Sie mir, der Garten ist das Beste, was mir je passiert ist“, sagt Krüger. „Ein Garten hält fit. Und erfordert Teamarbeit: Der Komposthaufen muss umgesetzt, die Regenrinne repariert werden – keiner kann lange rumzicken.“ Er schaut zu seiner Lebenspartnerin Bärbel hinüber, die mit Hund Patty spielt.

Früher dachte Krüger, Doktor der Psychologie, ein Schrebergarten sei eine Welt mit kitschigen Gartenzwergen und spießigen Bewohnern. Jetzt will er nicht mehr leben ohne den Garten, der sich auf 240 Quadratmeter verteilt; jetzt genießt er es, unter dem Pflaumenbaum Kaffee zu trinken und dem Rascheln der Blätter im Wind zu lauschen.

Das Früher liegt nur wenige Jahre zurück. Damals betreute Krüger für einige Wochen den Garten eines Freundes und war froh, als es vorbei war.

In Schrebergärten wuchern merkwürdige Regeln und wimmelt es von neugierigen Menschen. Hier erfährt man nicht selten mehr von seinen Nachbarn, als man wissen will.

Wolfgang Krüger erging es auch so. Ein Laubenpieper erzählte ihm innerhalb von zwei Minuten seine ganze Krankengeschichte: „Ich habe nur noch eine Niere und wäre fast tot gewesen, meine Zähne sind auch nicht mehr in Ordnung, na dann mal tschüss und einen guten Tag!“ Und weg war er.

In jener Laubenpieperwelt hörte Psychologe und Eheberater Krüger Dinge, die in seiner Praxis der Schweigepflicht unterliegen: Wer hat Streit mit wem, wo hängt der Ehesegen schief, wer ist fremdgegangen …

Die Neugier der Nachbarn, die beizeiten blüht wie anderswo das Unkraut, war nicht Krügers Ding. „Wenn Sie etwas anbauen, umbauen oder reparieren – bald weiß es jeder. Wer ist krank, wer ist gestorben oder wer hat Streit mit wem ebenso. Man darf nur Laubenpieper werden, wenn man die ständigen Blicke der anderen erträgt. Hier gab es eine Art von Zwangsnähe, bei der ich mich manchmal fragte: Wo ist der Abschaltknopf? Am liebsten hätte ich einigen meine Praxisadresse gegeben.“

Allzeit bereit für Gartenarbeit. Wolfgang Krüger, mit einem Rechen bewaffnet, hat sich bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen können, einmal Laubenpieper zu sein.

Allzeit bereit für Gartenarbeit. Wolfgang Krüger, mit einem Rechen bewaffnet, hat sich bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen können, einmal Laubenpieper zu sein.

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Früher konnte Wolfgang Krüger – hier beim Blödeln mit Laubenpiepernachbar Rainer – Gartenzwergen rein gar nichts abgewinnen ...

Früher konnte Wolfgang Krüger – hier beim Blödeln mit Laubenpiepernachbar Rainer – Gartenzwergen rein gar nichts abgewinnen ...

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... aber das änderte sich, nachdem er Bärbel kennengelernt hatte. Mit ihr verbringt er so viel Gartenzeit wie nur möglich.

... aber das änderte sich, nachdem er Bärbel kennengelernt hatte. Mit ihr verbringt er so viel Gartenzeit wie nur möglich.

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Was ihn am meisten störte, waren die aufgeräumten Gärten, die mit der Nagelschere geschnittenen Hecken und der millimetergenau gestutzte Rasen mit Gartenzwergen. Da kam der Psychologe in ihm hoch und er erklärte einer Fachkollegin: Dies sei das Ergebnis einer gestörten Mutterbeziehung. Wahrscheinlich sei dieser oder jener Gartenfreund zu früh aufs Töpfchen gesetzt worden und hätte eine zu starke Reinlichkeitserziehung erhalten. Eines wusste er damals genau: Laubenpieper wird er nie!

Es kam anders, weil er Bärbel traf, eine Künstlerin mit viel Humor. „Wir lernten uns über das Internet kennen. Ich fand sie sehr attraktiv und unsere Telefonate äußerst spannend. Nur als ich hörte, dass sie einen Schrebergarten hat, blieb mir die Luft weg. Herrje, dachte ich, wie soll denn das nur gehen? Doch die Vorstellung unter einem Pflaumenbaum zu sitzen und Kaffee zu trinken, reizte mich.“

Also stürzte Krüger sich in das Abenteuer. „Zur zweiten Verabredung lud mich Bärbel in ihre Laube ein. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch stand ich vor der Gartenpforte. Blumen hatte ich keine mitgebracht – wäre etwas unpassend für eine Gärtnerin, dachte ich.“ Der Abend war harmonisch, die Liebe zu Bärbel wuchs und mit ihr auch zu den Gartenzwergfreunden rundherum. „Aus anfänglicher Toleranz wurde Verstehen“, sagt Krüger, „bis ich nach einem Jahr auch meine Liebe zu den Laubenpiepern entdeckte“.

Tagsüber sitzt Dr. Krüger in seiner Praxis, abends in seinem Garten. Früher ließ er seinen Arbeitstag vor dem Fernseher ausklingen, heute auf der Laubenterrasse mit Blick auf die Rosen. Auf der lässt er sich vom Laubenpieperalltag inspirieren und schreibt Bücher.

Manches an diesem Alltag ist sehr eigentümlich. So wollte sich ein Pieper einen Gartenzwerg anschaffen, der immer, wenn jemand am Zaun lang läuft, den Mantel lüftet. Das Bundeskleingartengesetz hatte was dagegen.

Apropos Verordnung. Eine feste Regel heißt: Gemeinsam die Wege in Ordnung bringen, Hecken stutzen, Ausbesserungsarbeiten an der Vereinslaube vornehmen. „Aber es ist immer ein lebendiges Miteinander“, sagt Krüger. „Unser Wahlspruch heißt: „Lebendigkeit, Toleranz und Fröhlichkeit.“

Manchmal plauscht er mit Nachbar Rainer über den Zaun hinweg. Sind deine Tomaten schon reif? Was machen die Gurken? Hast du neuen Dünger? Dann trifft man sich auf ein Bierchen oder ein Glas Holundersaft, von Bärbel selbstgemacht.

Die Kolonie „Habsburg-Gaußstrasse“ ist super, da sind sich alle Pieper einig. Hier lebt das Motto der Musketiere: Einer für alle, alle für einen! Hier fahren keine elektrischen Eisenbahnen ums Tomatenbeet, hier wehen auch keine Deutschlandfahnen.

So wurde aus Wolfgang Krüger, dem Laubenpieperhasser, ein Laubenpieper aus Leidenschaft. Und Kassenwart der Kolonie. Als er kürzlich fragte, ob sie sich nicht einen Gartenzwerg anschaffen sollten, konnte Bärbel nur noch staunen.

Wolfgang Krüger: Tomaten, Nachbarn, Gartenzwerge. Wie ich Laubenpieper wurde, BOD-Verlag; 8,40 Euro

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