Fußball-Route Berlin

... die Mitte steht im Abseits!

Bergmannstraße in Kreuzberg, Hausnummer 107. Eine Infotafel und Herthas Kultkicker Zecke Neuendorf. Das muss irgendetwas mit Fußball zu tun haben.

RENÉ MILLER
Lesezeit 4 Min
Herthas Kultkicker Zecke Neuendorf ist großer Fan der Fußball-Routen durch Berlin.

Herthas Kultkicker Zecke Neuendorf ist großer Fan der Fußball-Routen durch Berlin.

© City-Press GbR Lizenz

Und Zecke wird von den Erklärungen und den Bildern auf dem Schild am Gründungsort förmlich gefesselt. „Die Route ist eine super Idee! Da kann selbst ich noch viel über die Berliner Fußballgeschichte lernen“, so der 39-Jährige. Neben den Erklärungen auf den Schildern können sich interessierte Leute auch im Internet auf der Webseite www.fussballrouteberlin.de zusätzlich informieren.

Dort sind verschiedene „Specials“ wie Audiodateien und zusätzliche Bilder hinterlegt. Diese Dateien können mittels QR-Code an den Schildern selbst auch auf mobilen Endgeräten abgerufen werden. Zecke: „In unserer schnelllebigen Zeit finde ich es unheimlich wichtig, die Vergangenheit zu bewahren. Wenn ich mich mit meinen Kumpels treffe, erinnern wir uns auch immer wieder gerne an die alten Zeiten.“

Die Route ist als Fahrradtour konzipiert, kann einzeln oder in beliebiger Reihenfolge angesteuert werden. An den einzelnen Schildern ist es auch möglich, sich die Adressen der Berliner Vereine anzeigen zu lassen, um gleich vor Ort zu schauen, wo in der Nähe Fußball gespielt wird. Zecke: „Ein ganz wichtiger Service. Durch den WM-Triumph ist ein Riesenboom ausgebrochen. Viele Kids wollen jetzt unbedingt Fußball spielen.“

Neben den großen Spielern, Mannschaften und Erfolgen geht die Route auch auf die vielen kleinen Helden und Vereine ein, stellt ganz bewusst die Basis des Sports in den Mittelpunkt. Sie porträtiert auch die unteren Ligen, den Freizeit- und Breitensport sowie den Sport von Randgruppen.

Und in diesem Jahr blickt durch das Finale der Champions League am 6. Juni im Olympiastadion die ganze Fußballwelt mal wieder auf Berlin. „Bis dahin würden wir die Route gerne fertig haben“, hofft Dr. Thomas Schneider vom Verein „Sport:Kultur“.

Warum nicht? 40 Schilder können doch kein Problem sein! Doch! Denn zehn Standorte der Route liegen im Bezirk Mitte. Das Brandenburger Tor soll sogar Ausgangspunkt für alle drei Touren sein. Daniel Küchenmeister, einer der beiden Projektleiter: „Während wir in Friedrichshain-Kreuzberg alle Baugenehmigungen haben und in Tempelhof-Schöneberg großzügig unterstützt werden, kommen wir in Mitte leider nicht weiter.“

Deshalb hakte der KURIER beim dortigen Ausschuss für Bildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz nach und erfuhr, dass sich dort sogar die Arbeitsgruppe Geschichte mit dem Thema beschäftigt – und abgelehnt hat. „Die AG Geschichte vertritt die Auffassung, dass ein dauerhaftes Aufstellen von Tafeln zu Spartenthemen des Alltags – hier zur Geschichte des Fußballs – den inhaltlichen Maßstäben widerspricht, die an im öffentlichen Straßenland sichtbare Formen von Erinnerungskultur zu legen sind“, heißt es in der Erklärung.

Bezirksstadträtin Sabine Weißler ergänzt: „Ich schaue regelmäßig Bundesliga und war auch im letzten Sommer auf der Fanmeile. Hier sind also keine Fußballhasser am Werk. Doch wir können in Mitte keine Schilderwälder entstehen lassen.“

Was für die AG-Vorsitzende Vera Morgenstern aber scheinbar nur für die historische Mitte zutrifft. Morgenstern: „Am Gesundbrunnen haben wir mit einem Hinweisschild kein Problem. Aber am Brandenburger Tor geht das auf keinen Fall.“

Obwohl die beiden Macher nach der Empfehlung, andere Darstellungsformen zu finden, sofort reagiert haben, tut sich immer noch nichts. So sind an den jeweiligen Standorten alternativ auch Bodenplatten und temporäre Tafeln (auf- und abbaubar zu sportlichen Höhepunkten in der Stadt) möglich. Schneider: „Unterm Strich hängen wir seit zwei Jahren in der Luft. Und uns gegenüber wurde immer von einem pauschalen Nein in Mitte gesprochen.“

Aneinander vorbei reden, das hat so eine tolle Idee aber nicht verdient. Bei so vielen Finals in diesem Jahr kann das finale Wort doch noch nicht gefallen sein!

Ihre Meinung interessiert uns. Feedback zu diesem Beitrag senden Sie bitte an leser-bk@berlinerverlag.com