Friedrichstraße

Boulevard der geplatzten Einkaufsträume

Fast jeder vierte Laden steht leer. Der Friedrichstraße droht der Niedergang.

Norbert Koch-Klaucke
Lesezeit 4 Min
So belebt, wie der Verkehr auf diesem Zeitraffer-Bild, ist das Einkaufsgeschäft an der Friedrichstraße kaum noch.

So belebt, wie der Verkehr auf diesem Zeitraffer-Bild, ist das Einkaufsgeschäft an der Friedrichstraße kaum noch.

© dpa

„Mephisto“ ist der jüngste Fall, der die Prachtmeile zum Sorgenkind macht. Noch vor Monaten zierte der Laden der französischen Nobelschuhmarke die Friedrichstraße zwischen S-Bahnhof und Unter den Linden. Nun sind die Schaufenster leer, in denen Jahre zuvor auch Calvin Klein seine Waren präsentierte, bis dieser ebenfalls aus dem Geschäft verschwand. „Die Umsätze brachten es nicht mehr“, sagt eine Mitarbeiterin des Inhabers, der das „Mephisto“-Geschäft betrieb.

In dieser Zeile nahe der Straße Unter den Linden gab es noch vor wenigen Monaten den Nobel-Schuhladen „Mephisto“.

In dieser Zeile nahe der Straße Unter den Linden gab es noch vor wenigen Monaten den Nobel-Schuhladen „Mephisto“.

© Bernd Friedel

An Charme verloren

Die Friedrichstraße habe an Charme verloren, heißt es im Laden der Berliner Modemacherin Evelin Brandt. In einem Nachbargeschäft sagt eine Händlerin: „Wir merken deutlich, dass die Kunden wegbleiben. Es gibt zu viele Shopping-Center in der Nähe, die die Kundschaft weglocken.“ Viele Geschäfte würden daher aufgegeben.

Der RBB legte nun Zahlen vor, die das belegen. Sie stammen vom renommierten Immobiliendienstleister Jones Lang LaSalle (JLL). Allein auf der Friedrichstraße zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße sind von 129 Geschäften aktuell 30 Läden frei oder werden demnächst frei. „Das entspricht einer Quote von fast 24 Prozent“, sagt JLL-Vermarktungschef Dirk Wichner.

Verwaiste Schaufenster wurden mit Werbetafeln verdeckt.

Verwaiste Schaufenster wurden mit Werbetafeln verdeckt.

© Bernd Friedel

Er erklärt, dass die Leerstands-Quote damit doppelt so hoch ist wie der Bundesdurchschnitt bei Geschäftsstraßen. Obwohl Millionen von Touristen jährlich nach Berlin kommen, per Bus und Bahn gut die Friedrichstraße erreichen könnten, gehen die Kundenzahlen am Boulevard zurück.

Unter Zwangsverwaltung

Der drohende Niedergang der Friedrichstraße ist nicht sofort sichtbar. Die Schaufenster leer stehender Ladenlokale werden einfach mit Werbetafeln kaschiert. Etwa beim Quartier 206, das einst zu den Flaggschiffen neben dem Kaufhaus Galeries Lafayette gehörte. Mit dem Bau der Nobel-Einkaufstempel sollte die Friedrichstraße nach der deutschen Wiedervereinigung den Glanz alter Prachtzeiten zurückbekommen.

Doch das Quartier 206 steht unter Zwangsverwaltung. Boutiquen von Gucci, Louis Vuitton oder Yves Saint Laurent sind längst aus der Luxus-Passage weg. 2017 machte dann auch der noble „Departmentstore“ dicht. Im Nachbar-Revier, dem Quartier 205 stehen unter anderem noch immer die ehemaligen H&M-Räume leer.

Einige der leeren Läden in der Friedrichstraße in einer Passage im Quartier 205 und im Quartier 206. 

Einige der leeren Läden in der Friedrichstraße in einer Passage im Quartier 205 und im Quartier 206. 

© Bernd Friedel

Trostlose Glasfassaden in der Friedrichstraße

Nicht nur die mangelnde Kauflust macht den Inhaber der Läden zu schaffen. „Es werden für viele Geschäfte auch die Mietpreise neu verhandelt, die über die 100 Euro pro Quadratmeter liegen sollen“, sagte Berlins Einzelhandelsverbandchef Nils Busch-Petersen dem KURIER. „Diese hohen Preiserwartungen können einige Händler nicht mehr mittragen.“

Trostlose Glasfassaden, keine Bäume, keine Grünflächen, die Passanten zum Verweilen einladen. Nicht einmal eine prachtvolle Weihnachtsbeleuchtung ist mehr auf dem Boulevard vorhanden. Stattdessen gibt es Baustellen, schmale Gehwege und massenweise Autos, die sich durch den Boulevard stauen. So hole man keine Kunden in die Läden der Friedrichstraße, meint JLL-Experte Wichner. „Einkaufen muss mehr Spaß machen“, sagt er. Kein Wunder, dass die Menschen dann lieber im Internet shoppen.

Werbetafeln folgen auf Werbetafeln.

Werbetafeln folgen auf Werbetafeln.

© Bernd Friedel

Ordentliches Konzept muss her

Um den Boulevard wieder kundenfreundlicher zu gestalten, will Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) die Friedrichstraße zur Fußgängerzone machen. „Wenn die Autos verschwinden würden, hätten wir in der Friedrichstraße sehr viel Platz für Maßnahmen, um die Straße attraktiver zu machen“, sagte er dem RBB. Wie das sein könnte, sollen Berliner an diesem 3. Adventssonnabend auf dem Boulevard erleben, der dann von 13 bis 15 Uhr teilweise für den Autoverkehr gesperrt ist. Eine Bürgerinitiative hatte dies durchgesetzt.

Mehr Platz zum Shoppen: Eine autofreie Friedrichstraße wurde oft diskutiert – und vom Senat abgelehnt. Auch Einzelhandelsverbandchef Busch-Petersen hält nichts davon. „Das bringt noch weniger Kunden. Wir brauchen ein ordentliches Konzept“, sagt er.

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